Hitlers Urenkel
Eine ergänzende Sichtweise zum psychischen Hintergrund pathologischer Gewalttäter im rechtsradikalen Gewand.
Andreas Marneros hat mit „Hitlers Urenkel" ein gutes und interessantes Buch geschrieben. Leider fehlt ein Kapitel in diesem Buch, wodurch die Sichtweise des ganzen Problems nur aus einem bestimmten Blickwinkel erfolgt und daher nicht vollständig ist. Was fehlt, ist der gesellschaftliche Hintergrund. Diese Schrift versteht sich daher nicht als entgegenstehende Kritik, sondern als kritische Ergänzung.
Anfangs berichtet der Chefarzt der Psychatrischen Klinik der Universität Halle-Wittenberg Andreas Marneros von sich selbst als zypriotischer Grieche und ‚Wahldeutscher', der in seinen jungen Jahren von der griechischen Diktatur geprägt gewesen ist, und die Wandlung Deutschlands von der Hitlerdiktatur zur modernen Demokratie als gelungenen Paradigmawechsel (S. 13) offensichtlich sehr bewunderte und gegenüber dem Regime seines Herkunftslandes als sein politisches Ideal ansieht.
Ich möchte annehmen, daß seine persönliche Einstellung und sein Blickwinkel auf die Beurteilung der Täter, die Konsequenzen und Präventionen sehr von den eigenen politischen Erfahrungen und seinem eigenen politisch-gesellschaftlichen Weltbild geprägt sind. Ebenso verhält es sich mit den in dem Buch geschilderten Ansichten der jüdischen Lehrerin Mrs. Whiteberger, die sich ja in Folge ihrer eigenen Jugenderfahrungen im NS-Deutschland sehr kritisch über die Deutschen äußert. Marneros meint: „Das Schicksal hat es nicht gut mit ihr gemeint. .... wenn man allein ist, alt und krank und verloren, werden Erinnerungen wieder besonders lebendig. Wehe dem, der nicht aus guten Erinnerungen leben kann." (S. 20) Damit soll ausgedrückt sein, daß die persönliche Lebenseinstellung und Lebensansichten eines Menschen wesentlich von seinen Erfahrungen geprägt ist.
Marneros klagt (Kategorie) die nackte Gewalt des Rechtsradikalismus an und verteidigt (Apologie) das demokratische Bild seiner liebgewonnenen Wahlheimat Deutschlands, welches im Ausland aufgrund der Vorkommnisse in die Kritik gerät. Ich stimme hier mit seinen Ausführungen voll und ganz überein.
Gleich zu Anfang bemerkte Marneros jedoch schon, daß er auch Anklage erhebt gegen das gesellschaftliche Klima, welches diesen Totschlägern zum Gedeihen verhilft. Er bemängelt hierzu später vor allen zu wenig Engagement der Medien und Bevölkerung. Ferner zeigt er beiläufig auf, daß die eigentlichen Drahtzieher, die Finanziers, die Anstifter, die rechtsextremen Ideologen im Hintergrund sind, die mit Geld und Intelligenz oftmals die ‚Totschläger' ideologisch lenken. Im juristischen Sinn sind diese Drahtzieher daher leider selbst weder Totschläger noch Gewalttäter und können entsprechend als visuelle Mittäter nicht belangt werden. Doch, das sei nicht Thema dieses Buches.