Wegners Buch ist weder eine Schlachtengeschichte noch eine Untersuchung der Greueltaten der Waf-fen-SS während des Zweiten Weltkrieges. Er behandelt die Waffen-SS unter ideologischen, strukturel-len und sozialgeschichtlichen Aspekt. Sein Werk gliedert sich in fünf aufeinander aufbauenden Kapi-teln. Zuerst wendet sich Wegner der SS-Ideologie zu. Diese sieht er in der ideengeschichtlichen Tradi-tion der ‚konservativen Revolution', welche durch semantische Begriffsverschiebungen in Bezug auf Nationalismus, Autoritarismus und Militarismus als Zeichen eines mentalen Werteverschiebungspro-zesses gekennzeichnet war. Dieser Prozess setzte sich in der Konzeption der SS als Orden fort. Der Kern der SS-Weltanschauung war jedoch der Sozialdarwinismus. Nach Auffassung der SS war die nordische Rasse die Beste. Dies sollte im politischen und militärischen unter Beweis gestellt werden. Dieser Einstellung war implizit ein Imperialismus enthalten, der keine Grenzen kannte. Der zentrale Punkt im Geschichtsverständnis der SS war, dass das Individuum als Glied einer unendlichen Kette von Ahnen und Enkeln gesehen wurde. Somit wurde der einzelne zu einem beliebigen, aber notwendi-gen, Teil der Geschichte. Dies befreite ihn von der privaten Verantwortung für sein Handeln, wenn es im ‚Willen der Geschichte' lag. Dadurch konnte die Judenvernichtung als Vollzug einer historische Notwendigkeit entprivatisiert werden. Von ganz besonderer Bedeutung für die Entwicklung der SS ist die postulierte Gleichartigkeit des Feindes.
Von der Ideologie geht er zur Organisation der SS, explizit auf die Entstehung und Entwicklung der späteren Waffen-SS. In diesem Abschnitt zeigt er die stetige Kompetenz- und Machtausweitung der SS auf, die keineswegs eine Folge zunehmender Aufgabenstellung durch den Staat war. Diese Ausdeh-nung des SS-Netzwerkes beruhte auf der Ideologie der Gleichartigkeit des Feindes, welche ein ‚Staats-schutzkorps', dass von derselben Einheit und Totalität war wie der Feind. Die SS war von ihrem An-satz her somit multifunktional und neigte zur Integration aller staatlichen Gewaltbereiche. Die spätere Waffen-SS stellte hierbei den militärischen Anspruch der SS dar.
Diese funktionale Aufsplitterung der SS bedrohte den Zusammenhalt derselben. Dieses Aufbrechen sollte durch eine standardisierte Ausbildung und Erziehung des Führernachwuchses verhindert werden. Die Maxime der Erziehung war die Gleichwertigkeit der weltanschaulichen und militärischen Ausbil-dung. Diese war jedoch im Laufe des Krieges nicht mehr durchzuhalten und somit dominierte die mili-tärische Erziehung. Die Truppenführer versuchten nun verstärkt auf informellen Wege die Gesinnung der Untergebenen zu beeinflussen. So konnte der Zusammenhalt des Ordens durch den neuzuschaffen-den SS-Führer-Typus des ‚miles politicus' nicht in dem geplanten Masse umgesetzt. Die weltanschau-liche Erziehung und ein alle relevanten SS-Organisationen beinhaltendes Laufbahnmuster musste dem aktuellen Sachzwang untergeordnet werden.
Zudem war, wie Wegner in seinem vierten Kapitel aufzeigt, die Sozialstruktur der Waffen-SS durch eine große Heterogenität geprägt. Trotzdem weist diese soziale Heterogenität ein gewisses Grundmus-ter auf. Im Laufe des Krieges kam es zu einem Generationenwechsel, in welchem das ältere, obermit-telständische und protestantische Element mit traditioneller militärischer Ausbildung durch ein unter-mittelständisches, konfessionell indifferentes und zugleich politischeres Element zurückgedrängt wur-de. Die ältere Generation, hauptsächlich von der Reichswehr oder Polizei übernommene Offiziere, waren oft die Inhaber der höchsten Rängen der Waffen-SS. Die ablösende Generation ist der truppen-eigene Nachwuchs, welcher nach den Maßstäben des Heeres nicht offiziersfähig gewesen wäre. Diese soziale Diskrepanz im Führerkorps der Waffen-SS ist auf die explosionsartige Expansion nach Aus-bruch des Krieges zurückzuführen. Zu beachten bleibt dabei trotz allem, dass der Beitritt zur Waffen-SS auch ein gesinnungspolitischer Schritt war.
Der letzte Abschnitt in Wegners Buch ist dann auch folgerichtig mit Expansion überschrieben. Die Kriegsjahre brachten der Waffen-SS eine numerische Aufblähung, was eine Destabilisierung des inne-ren Gefüges derselben zurfolge hatte. Der Führungsapparat war überfordert, die Aufgabe des Freiwil-ligkeitsprinzips bedrohte die Ordensgemeinschaft, der Ausbau zur Massenarmee bedrohte den Elite-charakter und es kam zu einem Einbruch der germanischen Freiwilligenbewegung.
Wegners Hauptanliegen in dem vorliegenden Buch ist es den Zusammenhang zwischen Ideologie und Allgemeiner SS auf der einen Seite und der Waffen-SS auf der anderen Seite aufzuzeigen. Er wendet sich damit gegen verharmlosende apologetische Schriften über die Waffen-SS, welche die Waffen-SS als ‚vierten Wehrmachtsteil' sehen. Die Waffen-SS sei als militärischer Exponent ein integraler Be-standteil des Expansionsprozesses der SS gewesen und somit ein Bestandteil der Gesamtorganisation SS. Innerhalb der Gesamt-SS stellte die Waffen-SS den Anspruch auf Ausbau und Sicherung des Rei-ches nach außen dar. Als intendiertes ‚Staatsschutzkorps' bildete die SS eine führerunmittelbare Ge-walt, die sich des staatlichen Apparates nur als Vehikel für ihre eigenen Ziele bediente. Die Entste-hung und Expansion der Waffen-SS war ein gezielter und wohlkalkulierter Akt.
Wegners Argumentation ist sehr deutlich an der Struktur seiner Arbeit zu erkennen. Er beginnt damit die ideologische Grundlage der SS aufzuzeigen und diese im Zeitgeist zu verorten - ihre für damalige Verhältnisse ‚normalen' Anstrich herauszuarbeiten. Von der Ideologie aus besieht er sich die Organisa-tion der SS. Der expansive Charakter der SS und die Idee des ‚Staatsschutzkorps' die hier deutlich wird erschließt sich eben aus der Ideologie der SS. Hier wird auch sehr gut die Verbindung der Waf-fen-SS zur Gesamt-SS herausgestellt. Somit war die Waffen-SS der militärische Exponent einer auf die Person Hitlers fixierten Führungsexekutive und weder rechtlich noch von der Entstehung ein ‚vierter Wehrmachtsteil'. Aus den Problemen die bei der Expansion in verschieden Bereichen und der Auf-splitterung der Kompetenzen entstanden leitet er über zum Kitt der die Gesamtorganisation vor dem Zerfall bewahren sollte - der Ausbildung und Erziehung, welche wiederum auf der Ideologie und dem Selbstverständnis des Ordens basiert. Er sieht sich dann in der Folge die Sozialstruktur der SS an und kommt dabei zu dem Ergebnis einer sozialen Heterogenität, die im letzten Abschnitt der Argumentati-on mit der explosionsartigen Expansion erläutert wird.
Die Teile sind in einer systematischen und logischen Reihenfolge dargelegt und es wird zum Abschluss eines jeden Abschnitts immer ein Bezug zum Erkenntnisinteresse oder vorherigen Abschnitt herge-stellt. Insgesamt verschafft die Arbeit einen guten Überblick über die Entwicklung der Waffen-SS und deren Selbstverständnis. Der sich jedoch auf einer stark theoretisch-empirischen Ebene bewegt. Trotz-dem wird immer wieder die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit innerhalb der Waffen-SS herausgearbeitet. Der Argumentation von Wegner ist zuzustimmen. Im Kapitel zur Sozialstruktur wäre eine explizitere Hervorhebung der empirischen Basis nützlich gewesen. Dies ist auch auf die Tabellen zu beziehen, da Prozentzahlen doch zu einem gewissen Masse Dingen schönen und kaschieren können.
Insgesamt ist das Buch ein sehr gelungenes Werk, welches jedem, der sich mit der Waffen-SS beschäf-tigt, ans Herz gelegt sei.