"Wer nur ein einziges Leben rettet, der rettet die ganze Welt" steht im Talmud. Diese Zeile nahm sich offenbar auch die dänische Bevölkerung zu Herzen und organisierte im Zweiten Weltkrieg einen Widerstand gegen die Nazis, der die historische Grundlage zu dem Jugendbuch "Hitlers Kanarienvogel" bildet. Autorin Sandi Toksvig erzählt darin die "fast wahre Geschichte" von Bamse, einem dänischen Jungen, und Anton, seinem jüdischen Freund, die jedoch auf wahren Begebenheiten beruht.
Der elfjährige Bamse Skovlund, dessen dänischer Vorname "Teddybär" bedeutet, wächst behütet in einer ganz eigenen Welt auf. Seine Mutter Marie ist eine berühmte Schauspielerin in Kopenhagen, sein Vater Peter Bühnenmaler. Bamses Zuhause ist das Theater, wo er als jüngstes von drei Kindern die meiste Zeit verbringt. Hier hält er sich auch auf, als die Deutschen im April 1940 in Kopenhagen einmarschieren, angeblich, um die Dänen vor den Franzosen und Engländern zu beschützen.
Zuerst für Bamse und seine Umgebung nur ungewohnt, nimmt die deutsche Besatzung schleichend die Verhaltensmuster an, die aus unseren Geschichtsbüchern bekannt sind. Und schließlich macht auch die Verfolgung der Juden nicht vor den Stadtgrenzen Kopenhagens halt. Erst da wird dem inzwischen fast 13-jährigen Bamse schlagartig bewusst, dass in seinem Umfeld mehr Juden sind, als ihm klar war - allen voran sein bester Freund Anton, der in der Wohnung über ihnen wohnt.
Die Familie Skovlund steht vor einer Zerreißprobe, als sich Orlando, der älteste Sohn, gegen den Willen seines Vaters der dänischen Widerstandsgruppe "Borgerlige Partisanar" (Bürgerliche Partisanen) anschließt, und Masha, Bamses 16-jährige Schwester, sich in einen deutschen Soldaten verliebt und diesen heimlich jeden Abend trifft, sowie Onkel Johann, der Bruder des Vaters, bei der Familie einzieht, um das "Schalburg-Corps" in Kopenhagen aufzubauen - "eine dänische Einheit der Waffen-SS aus Freiwilligen".
Doch schließlich erkennt Bamses Vater, dass man die Besatzung der Deutschen nicht einfach nur aussitzen kann, sondern jeder einzelne Däne etwas tun muss, um die Juden und damit die Rechte aller Dänen zu retten. Die Familie versteckt nicht nur Anton, dessen Eltern und kleine Schwester in ihrer Wohnung, sondern mehrere andere, teilweise ganz fremde Juden und organisiert nach und nach deren Flucht über die Ostsee nach Schweden. Doch die Familie Skovlund und ihre Aktivitäten werden verraten...
Autorin Sandi Toksvig schildert die Geschehnisse zwischen April 1940 und Oktober 1943 eindringlich und sehr berührend, nicht aber, ohne eine Portion Humor in das Buch für Kinder ab zwölf Jahren mit einfließen zu lassen. Die Figuren sind absolut authentisch, dienten doch Sandi Toksvigs Großeltern als reale Vorbilder für Bamses Eltern, wie die Autorin am Ende des Buches "Hitlers Kanarienvogel", aus dem Englischen von Tanja Ohlsen übersetzt, schreibt. Vor allem die Ängste, die Bamse mehr und mehr bedrücken, seit auch er immer tiefer in den aktiven Widerstand hineingezogen wird, beschreibt Sandi Toksvig sehr nachvollziehbar.
Besonders beeindruckend sind aber auch die geschichtlichen Ereignisse, denn die Kinder und Jugendlichen, die heutzutage Urlaub mit der Familie in Dänemark machen, werden von dem dänischen Widerstand und der Historie des kleines Landes in den Kriegsjahren sicherlich kaum etwas wissen. So waren die Dänen lange vor Hitlers Invasion "die erste europäische Nation, die den Juden vollständige und bedingungslose Gleichberechtigung garantiert hat", und auch der Titel des Buches "Hitlers Kanarienvogel" ist geschichtlich belegt: Die BBC titulierte die Dänen so, weil sie den Einzug der Deutschen zuerst sang- und klanglos hinnahmen und eben Hitler die Dänen wie einen Kanarienvogel in einem Käfig hielt, die alle Lieder singen, die er hören will. Bleibt zu hoffen, dass "Hitlers Kanarienvogel", das mit Bleistiftzeichnungen von Sandy Nightingale illustriert ist, ebenso in die Schulklassen Einzug hält, wie es vor 30 Jahren Judith Kerrs "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" gelang.
"Hitlers Kanarienvogel" ist ein Plädoyer an die Zivilcourage jedes einzelnen - gestern wie heute - und ein wirklich sehr gutes Buch, das absolut lesenswert ist!
(c) Steffani Lehmann von Literaturtipp.com