Dieses Buch war seit langem fällig. Es räumt mit zahlreichen Klischees, Vereinfachungen und Verfälschungen über Hitlers Antisemitismus auf. Vor allem Hitler-Biografen wie Alan Bullock, Joachim Fest und zuletzt Ian Kershaw sind, so der Autor Ralf Georg Reuth, Hitlers eigenen Lügen aufgesessen, wie sie der 'Führer' in seinem in Millionenauflagen verbreiteten Traktat 'Mein Kampf' unter das Volk brachte. Demnach sei er schon in seiner Jugendzeit durch die Erfahrungen im antisemitisch infizierten Völkerschmelztiegel Wien zum Judenhasser geworden. Man kennt solche manipulierten Selbstdarstellungen auch aus anderen Politikerbiografien, in denen das Bild einer in sich geschlossenen, durch und durch folgerichtigen Karriere gezeichnet wird. So versuchte Hitler, der am Ende seines Lebens nur noch als konsequenter Judenvernichter in die Geschichte eingehen wollte, sich als Antisemiten der ersten Stunde darzustellen. Reuth zeigt in seiner spannend zu lesenden Darstellung, wie Hitler seine enge, oft freundschaftliche Beziehung zu Juden verschleierte, herunterspielte oder verdrängte. Dazu gehörte der jüdische Arzt seiner Mutter, Eduard Bloch, dem er 1938 sogar die Emigration in die Vereinigten Staaten ermöglichte, aber auch sein jüdischer Kompaniechef Hugo Gutmann, der sich dafür einsetzte, dass der Weltkriegsgefreite Hitler das Eiserne Kreuz erster Klasse verliehen bekam. In Wien verkehrte Hitler in jüdischen Kulturzirkeln und fühlte sich als 'Künstler' dort außerordentlich wohl. Schließlich ließ er sich während der von jüdisch-stämmigen Revolutionären dominierten bayerischen Räterepublik zum Soldatenrat wählen, was er später systematisch zu vertuschen suchte. Erst nach dem Scheitern der nach Sowjetvorbild inszenierten Räteherrschaft und angesichts des verheerenden Versailler Friedensvertrages, dessen gewaltige Reparationen Hitler der Siegerjustiz 'jüdischer Plutokraten' zuschrieb, begann sich sein fanatischer Judenhass zu formieren. Bolschewismus und Kapitalismus, beide angeblich von Juden beherrscht, verbanden sich beim Hitler der unmittelbaren Nachkriegszeit zum bizarren Bild einer 'jüdischen Weltverschwörung'.
Bliebe es bei diesem Befund, so wäre auch dieses Buch nur eine neue Facette in der nicht enden wollenden NS-Forschung. Doch die Brisanz des Buches besteht nicht allein in dieser sorgfältigen Rekonstruktion der Entstehung von Hitlers Judenhass, dessen Inkubationszeit im Frühjahr/Sommer 1919 lag, sondern in den Schlussfolgerungen, die damit auch für den Aufstieg der NS-Bewegung gezogen werden können. Es war der Friedensvertrag von Versailles mit seinen ruinösen Gebietsabtrennungen, Reparationen und Demütigungen, der die durchaus demokratiefreundliche Stimmung nach dem verlorenen Weltkrieg, wie sie sich in der aus den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung im Januar 1919 hervorgegangenen Mitte-Links-Regierung manifestierte, rasch kippen ließ. Mit der Bekanntgabe der Versailler Friedensbedingungen im Mai 1919, ein paar Tage nach der Niederschlagung der Räterepublik in Bayern, begann der Niedergang der jungen Republik. Hitlers Agitation gegen das Weimarer 'System' richtete sich vor allem gegen die Zustimmung der demokratischen Regierung zum Diktatfrieden der Alliierten, der in den Folgejahren zu Hyperinflation und Wirtschaftskrise führte. Revolutionsangst und Unterlegenheitsgefühle standen so an der Wiege der ersten deutschen Demokratie.
Reuth scheut sich nicht, auch auf einen der wichtigsten Mentoren von Hitlers bizarrer Weltanschauung hinzuweisen: auf den glühenden Antisemiten Henry Ford. Der amerikanische Automobilbau-Pionier lieferte Hitler mit seinem weltweit vertriebenen Pamphlet 'Der internationale Jude' die entscheidenden Stichworte für das eigene Elaborat 'Mein Kampf' und soll Hitler auch finanziell unterstützt und ihm so den politischen Aufstieg ermöglicht haben. Reuth verweist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der britische Historiker Ian Kershaw die Rolle Fords in seiner monumentalen Hitler-Biografie gänzlich unterschlagen hat. Hitler erscheint bei Kershaw als die Inkarnation eines schon bei den Eliten der wilhelminischen Epoche virulenten deutschen Antisemitismus. So ist die Frage nach dem Zeitpunkt und den Umständen der antisemitischen Ideologisierung Hitlers eng verbunden mit der Frage, ob Hitlers radikaler Judenhass und der daraus folgende Völkermord an den europäischen Juden tatsächlich Resultat einer tief in der deutschen Geschichte verankerten Fehlentwicklung war. Ralf Georg Reuth hat hierzu eine klare und alle zur Verfügung stehenden Quellen nutzende Antwort gegeben, die die Mitverantwortung der Weltkriegssieger am Scheitern der Weimarer Republik und seinen Folgen ins Bewusstsein ruft.