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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Rätselhafte Radikale Wende,
Von
Rezension bezieht sich auf: Hitlers Judenhass: Klischee und Wirklichkeit (Gebundene Ausgabe)
Wie wird aus einem antriebslosen Versager, verkrachten Künstler und Obdachlosen ohne Ausbildung und Zukunftsperspektive einer der mächtigsten Männer Europas? Wie wird aus einem zurückhaltenden jungen Mann, der in seiner Wiener Zeit auffällig viele und gute Kontakte zu Juden pflegte, ein fanatischer Antisemit? Solche Fragen stellen sich nach der Lektüre von Brigitte Hamanns wichtigem Buch "Hitlers Wien", man war gespannt auf eine Fortsetzung. Reuth ist allerdings nicht der erste, der sein Augenmerk auf die entscheidenden Münchener Jahre, also ab 1913, lenkt - mit Recht verweist er gelegentlich auf die detailreichere und bereits vor 20 Jahren erschienene Veröffentlichung von Joachimsthaler ("Hitlers Weg begann in München"), spitzt dessen Thesen aber mehr zu und lässt die Entwicklung Hitlers vom subalternen Gefreiten zum geifernden Agitator geradezu unglaublich erscheinen. Je näher man an die Historie heranrückt, desto bizarrer wird das Bild. Man war schon erstaunt über den großen jüdischen Bekanntenkreis des jungen Hitler, bei Reuth kann man nun nachlesen, dass der Gefreite sich auch nach dem Krieg keiner der wie Pilze aus dem Boden schiessenden antisemitisch-völkischen Organisation anschloss - er stand vielmehr auf der anderen Seite: in den wenigen Wochen der "Bayerischen Sowjetrepublik" im April 1919 war Hitler "Ersatzbataillonsrat" seines in die "Rote Armee" integrierten Regiments, also keineswegs nur Mitläufer, sondern "Funktionär im Räderwerk der kommunistischen Weltrevolution"! Wie es dann aber geschehen konnte, dass Hitler schon kurz darauf, Anfang Mai nach dem Sturz der "Räterepublik" als Helfer der antibolschewistischen Inquisition auftrat - Ralf Georg Reuth kann es sich nicht erklären. Um nicht aus der Armee entlassen zu werden, wäre Hitler möglicherweise jeder politischen Richtung gefolgt. Dann die entscheidenden Wochen und Monate im Sommer 1919: ideologische Schulung als Propagandamann an der Uni München, Bekanntschaft mit radikalen Antisemiten wie Karl Mayr, Dietrich Eckart, Gottfried Feder, erste Bewährung als Redner vor entlassenen Kriegsgefangenen, schließlich Ende des Jahres der Kontakt zur DAP - die Weichen waren gestellt, und erst aus dieser Zeit lassen sich erste antisemitische Äußerungen nachweisen, Hitler war damals bereits 30 Jahre alt! Reuth hebt die Reihenfolge der Indoktrination hervor: zunächst übernahm Hitler die antibolschewistische Ideologie, erst danach oder vielmehr daraus entwickelte sich der Judenhass, die fatale Idee der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung". Dennoch, eine derartig radikale ideologische Wende innerhalb weniger Wochen, geradezu ein Austausch der Persönlichkeit - diese Entwicklung bleibt trotz aller Erklärungsversuche einigermaßen rätselhaft. Sehr spannende Geschichte, wer es etwas genauer wissen will, dem sei das erwähnte Buch von Joachimsthaler empfohlen.
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28 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Mutig,
Von
Rezension bezieht sich auf: Hitlers Judenhass: Klischee und Wirklichkeit (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch war seit langem fällig. Es räumt mit zahlreichen Klischees, Vereinfachungen und Verfälschungen über Hitlers Antisemitismus auf. Vor allem Hitler-Biografen wie Alan Bullock, Joachim Fest und zuletzt Ian Kershaw sind, so der Autor Ralf Georg Reuth, Hitlers eigenen Lügen aufgesessen, wie sie der 'Führer' in seinem in Millionenauflagen verbreiteten Traktat 'Mein Kampf' unter das Volk brachte. Demnach sei er schon in seiner Jugendzeit durch die Erfahrungen im antisemitisch infizierten Völkerschmelztiegel Wien zum Judenhasser geworden. Man kennt solche manipulierten Selbstdarstellungen auch aus anderen Politikerbiografien, in denen das Bild einer in sich geschlossenen, durch und durch folgerichtigen Karriere gezeichnet wird. So versuchte Hitler, der am Ende seines Lebens nur noch als konsequenter Judenvernichter in die Geschichte eingehen wollte, sich als Antisemiten der ersten Stunde darzustellen. Reuth zeigt in seiner spannend zu lesenden Darstellung, wie Hitler seine enge, oft freundschaftliche Beziehung zu Juden verschleierte, herunterspielte oder verdrängte. Dazu gehörte der jüdische Arzt seiner Mutter, Eduard Bloch, dem er 1938 sogar die Emigration in die Vereinigten Staaten ermöglichte, aber auch sein jüdischer Kompaniechef Hugo Gutmann, der sich dafür einsetzte, dass der Weltkriegsgefreite Hitler das Eiserne Kreuz erster Klasse verliehen bekam. In Wien verkehrte Hitler in jüdischen Kulturzirkeln und fühlte sich als 'Künstler' dort außerordentlich wohl. Schließlich ließ er sich während der von jüdisch-stämmigen Revolutionären dominierten bayerischen Räterepublik zum Soldatenrat wählen, was er später systematisch zu vertuschen suchte. Erst nach dem Scheitern der nach Sowjetvorbild inszenierten Räteherrschaft und angesichts des verheerenden Versailler Friedensvertrages, dessen gewaltige Reparationen Hitler der Siegerjustiz 'jüdischer Plutokraten' zuschrieb, begann sich sein fanatischer Judenhass zu formieren. Bolschewismus und Kapitalismus, beide angeblich von Juden beherrscht, verbanden sich beim Hitler der unmittelbaren Nachkriegszeit zum bizarren Bild einer 'jüdischen Weltverschwörung'.Bliebe es bei diesem Befund, so wäre auch dieses Buch nur eine neue Facette in der nicht enden wollenden NS-Forschung. Doch die Brisanz des Buches besteht nicht allein in dieser sorgfältigen Rekonstruktion der Entstehung von Hitlers Judenhass, dessen Inkubationszeit im Frühjahr/Sommer 1919 lag, sondern in den Schlussfolgerungen, die damit auch für den Aufstieg der NS-Bewegung gezogen werden können. Es war der Friedensvertrag von Versailles mit seinen ruinösen Gebietsabtrennungen, Reparationen und Demütigungen, der die durchaus demokratiefreundliche Stimmung nach dem verlorenen Weltkrieg, wie sie sich in der aus den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung im Januar 1919 hervorgegangenen Mitte-Links-Regierung manifestierte, rasch kippen ließ. Mit der Bekanntgabe der Versailler Friedensbedingungen im Mai 1919, ein paar Tage nach der Niederschlagung der Räterepublik in Bayern, begann der Niedergang der jungen Republik. Hitlers Agitation gegen das Weimarer 'System' richtete sich vor allem gegen die Zustimmung der demokratischen Regierung zum Diktatfrieden der Alliierten, der in den Folgejahren zu Hyperinflation und Wirtschaftskrise führte. Revolutionsangst und Unterlegenheitsgefühle standen so an der Wiege der ersten deutschen Demokratie. Reuth scheut sich nicht, auch auf einen der wichtigsten Mentoren von Hitlers bizarrer Weltanschauung hinzuweisen: auf den glühenden Antisemiten Henry Ford. Der amerikanische Automobilbau-Pionier lieferte Hitler mit seinem weltweit vertriebenen Pamphlet 'Der internationale Jude' die entscheidenden Stichworte für das eigene Elaborat 'Mein Kampf' und soll Hitler auch finanziell unterstützt und ihm so den politischen Aufstieg ermöglicht haben. Reuth verweist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der britische Historiker Ian Kershaw die Rolle Fords in seiner monumentalen Hitler-Biografie gänzlich unterschlagen hat. Hitler erscheint bei Kershaw als die Inkarnation eines schon bei den Eliten der wilhelminischen Epoche virulenten deutschen Antisemitismus. So ist die Frage nach dem Zeitpunkt und den Umständen der antisemitischen Ideologisierung Hitlers eng verbunden mit der Frage, ob Hitlers radikaler Judenhass und der daraus folgende Völkermord an den europäischen Juden tatsächlich Resultat einer tief in der deutschen Geschichte verankerten Fehlentwicklung war. Ralf Georg Reuth hat hierzu eine klare und alle zur Verfügung stehenden Quellen nutzende Antwort gegeben, die die Mitverantwortung der Weltkriegssieger am Scheitern der Weimarer Republik und seinen Folgen ins Bewusstsein ruft. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Neues und Erhellendes,
Von
Rezension bezieht sich auf: Hitlers Judenhass: Klischee und Wirklichkeit (Gebundene Ausgabe)
Kaum zu glauben, das es zur Person von Hitler noch Neues hinzuzufügen gibt. Aber eben doch möglich! Aufbauend auf Detailstudien zur Frühgeschichte Hitlers in Wien (Hamann) und seiner Zeit in München (Joachimsthaler) entwirft Reuth eine stimmige Beschreibung des persönlichen Hasses, der Hitler erfasste und der letztlich zum Holocaust führen sollte. Bemerkenswert ist dabei auch die Auseinandersetzung mit den Werken von Fest, Bullock und Kershaw. Sie alle haben praktisch unhinterfragt Hitlers eigene Legenden übernommen und insbesondere Kershaw versuchte offensichtlich vor allem sein vorgeprägtes Geschichtsbild mit den Fakten in Übereinstimmung zu bringen. Deshalb besitzt das Buch von Reuth auch noch eine andere Brisanz, denn es führt deutlich vor Augen, daß der eliminatorische Judenhaß Hitlers eindeutig Bezug nimmt auf die Ereignisse der kommunistischen (oder im damaligen Jargon "bolschewistischen") Machtergreifung in Rußland und der Befürchtung eines Übergreifens auf Deutschland. Auch die immense Bedeutung des Versailler Diktats (der Name "Vertrag" verbietet sich tatsächlich von selbst) für die gesamte Entwicklung der Weimarer Republik wird noch einmal deutlich herausgearbeitet. Schlüssig auch die Vorstellung der "Lehrer" Hitlers, wie Dietrich Eckart, Gottfried Feder oder Henry Ford. Auch wenn es dem Mainstream der Geschichtswissenschaft (noch) zu widersprechen scheint: Hitlers Judenhaß ist eben keinesfalls das Produkt einer deutschen Sonderentwicklung, sondern vielmehr Ausdruck der gesellschaftlichen Verwerfungen, die aufgrund des Ersten Weltkrieges die Welt heimsuchten und vor allem Rußland und Deutschland, die beiden großen Kriegsverlierer betrafen. Aber deutlich wird eben auch, daß gerade auch "der Westen", mit seiner von Haß und Rachegedanken geleiteten Politik gegenüber Deutschland (man vergleiche nur einmal die Friedensschlüsse nach den napoleonischen Kriegen, die ebenfalls ganz Europa betrafen, mit denen nach dem Ersten Weltkrieg) eine erhebliche Schuld an der Katastrophe in der Mitte des 20. Jahrhunderts trägt. Vor allem die Tatsache, daß durch Wilson zunächst immense Hoffnungen geweckt worden waren, die dann aber (trotz Erfüllung aller Forderungen) beinahe vollkommen enttäuscht wurden, kann kaum unterschätzt werden. So bereiteten die Siegerstaaten des Westens gewissermaßen den Boden auf dem die Saat des Hasses aufgehen sollte.
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