Ich lasse mich nur selten durch ein Buch aus der Fassung bringen, aber Mark Mazower hat das mit seinem Werk geschafft. Das Panorama, das er in wunderbar lesbarer Prosa vor dem Leser ausbreitet, zeigt das Dritte Reich in seiner ganzen Unfähigkeit: Beginnend bei einer Darstellung der völligen Planlosigkeit des faschistischen Regimes, welche durch den Sturm und Drang zunächst nicht sehr auffiel bis hin zum ständigen aktiven Wunsch, die eroberten Gebiete gegen sich aufzubringen. Dabei geht der Autor sehr detailliert vor und legt in einer schonungslosen Klarheit die Eitelkeiten und Inkompetenz eines Ribbentrops und Görings ebenso offen wie die Machtgeilheit eines Himmler oder den fast religiösen Rassenfanatismus eines Goebbels und Heydrich. Wenn aus bestimmten Kreisen immer wieder die Effizienz des Dritten Reichs gerühmt wird, so zeigt sich während der Lektüre hier ein völlig anderes Bild: Effizienz gab es im Dritten Reich ausschließlich bei der Vernichtung von Menschen (und sogar dabei gab es Probleme). Mazowers These, dass Deutschland ein Kolonialreich in Europa errichten wollte, und die eroberten Gebiete entsprechend behandelte, halte ich anhand der präsentierten Tatsachen für durchaus nachvollziehbar.
Mazowers Portraits der Hauptpersonen Hitler, Himmler, Heydrich und diverser weiterer wichtiger Personen wie Frank, Stuckart, Ribbentrop, Speer und Jeckeln, aber auch ausländischer Führungspersonen wie Mussolini, Globocnik und Antonescu, die ihren Teil in der Geschichte hatten, sind in einer beeindruckenden Klarheit erschreckende Beispiele für den globalen Wahn, der in den dreißiger und vierziger Jahren des 20.Jh. die Welt erfasst hatte, jedwede humanistische Zügel zeriss und dem Wolf im Menschen die Kontrolle über alles gab. Es waren eben nicht nur Hitler und Himmler, sondern Bereitwillige auf allen Ebenen, die erst ermöglichten, Europa in den Untergang zu stürzen.
Die erschreckende Wahrheit, dass die Welt ein Deutsch-Europa durchaus sogar akzeptiert hätte, wenn die Nazis nicht so übermäßig gierig und unkooperativ gewesen wären, bietet genügend Stoff, einmal darüber nachzudenken, wie die Welt dann heute aussähe. Darüberhinaus habe ich persönlich sehr viel über deutsche Geschichte gelernt und sehe nun vieles aus einer informierteren Position.
Ein sehr dicht geschriebenes Buch, das dem Leser einiges abfordert, da jede einzelne Seite vor Informationen fast platzt; der lockere aber nüchterne Schreibstil Mazowers, der sowohl die Absurditäten des Regimes als auch die Schrecken emotionslos kommentiert, hilft dem Leser aber sehr. Akribisch recherchiert, brilliant formuliert: Äußerst empfehlenswert.