Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Forschung der zurückliegenden Jahrzehnte verliert damit aber noch nicht automatisch an Bedeutung. Gerade deutsche Historiker haben in der Vergangenheit zahlreiche Studien vorgelegt, deren Ergebnisse weiterhin Gültigkeit beanspruchen können, und die den Vergleich mit aktuellen Publikationen nicht zu scheuen brauchen. Zu ihnen gehört zweifellos Der Staat Hitlers, Martin Broszats bahnbrechende Arbeit aus dem Jahre 1969, die kürzlich neu aufgelegt wurde.
Mit seiner Verfassungs- und Strukturgeschichte des NS-Regimes gelingt Broszat die zwingend notwendige theoretische Erfassung der Grundstrukturen nationalsozialistischer Herrschaft. Am Beispiel von Beamtentum und Verwaltung sowie von Justiz und Kirchen konkretisiert Broszat seine eher abstrakten Darlegungen und arbeitet die dualistische Natur des Regimes heraus, die in den Gegensätzen zwischen Staat und Partei oder Reichsregierung und Führerabsolutismus -- um nur einige zu nennen -- ihren Ausdruck fand.
Selbstverständlich wurden Broszats Ergebnisse durch neuere Detailstudien wesentlich erweitert, in einigen Punkten sicherlich auch korrigiert; an seinen grundlegenden Aussagen über die Konsequenzen der nationalsozialistischen Herrschaft ändert dies jedoch wenig.
1969 schloß Broszat sein Buch mit der schmerzlichen Erkenntnis, daß in der Bundesrepublik die "lastende Hypothek" des Nationalsozialismus in den "zahlreichen Äußerungsformen gestörten nationalen und politischen Selbstbewußtseins noch täglich spürbar ist". Dieses Fazit hat auch drei Jahrzehnte später nichts von seiner Aktualität eingebüßt. --Stephan Fingerle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Weniger die einzelnen Inhalte und Ergebnisse nationalsozialistischer Politik werden in diesem Band dargestellt; vielmehr wird die Geschichte der inneren Verfassung, des Nationalsozialismus und seiner Herrschaft interpretiert. Mit dem Begriff »Staat Hitlers« wird die dualistische Natur dieses Regimes umschrieben: Staat und Partei, Reichsregierung und Führungsabsolutismus, autoritäre Rechtsordnung und Gestapo-Willkür, Regierungszentralismus und Partei-Partikularismus - diese und andere Gegensätze kennzeichnen die Struktur des NS-Staates.
Die nationalsozialistische Herrschaft wurde ebensowenig jemals klar bestimmt und stabilisiert wie der Inhalt ihrer Weltanschauung. Sie blieb stets auf »Bewegung« und Kampf angewiesen und ausgerichtet. Darin sieht der Autor die Hauptvoraussetzung sowohl der unerhörten Energieentfesslung wie des selbstzerstörerischen Radikalisierungsprozesses im Dritten Reich.