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Claudia Schmölders über Hitler-Bilder
Im Herbst 1944 liess der US-Geheimdienst Vorlagen für einen Hitler-Steckbrief anfertigen. Die Alliierten befürchteten, der Diktator könnte sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verändern und unbemerkt entkommen. So tauschte der Maskenbildner auf den Fotos Bart, Brille und Haartracht aus. Man sieht Hitler als Intellektuellen mit Nickelbrille, als russischen Revolutionär, als Gelehrten, Agenten und glatzköpfigen Unternehmer. Die Wirkung ist frappierend. Lässt man Hitlers Markenzeichen, die Schnurrbartbürste, den strengen Scheitel und die Haarsträhne, beiseite, fehlt dem Gesicht jede Auffälligkeit. Nichts verweist auf ein Herrscherbild oder eine Mördervisage. Dabei war Hitler damals längst durch Krankheit und Niederlage gezeichnet. Sein Rücken war gebeugt, der Brustkorb eingefallen, das Gesicht starr und aufgedunsen.
Während des zwölfjährigen Reichs war Hitler allgegenwärtig, in den Amtsstuben und Wohnzimmern, auf Hausaltären, unterm Weihnachtsbaum, in Bildbänden, in der Wochenschau, auf Briefmarken. Rund um die Uhr konnten die «Volksgenossen» ihren Anführer anblicken. Und jener schien seinen Gefolgsleuten noch in den Privaträumen über die Schulter zu sehen. Es war ein geradezu intimes Verhältnis zwischen der Gesellschaft und ihrem Idol, eine mediale Beziehung von Angesicht zu Angesicht.
Mediengeschichte
Was disponierte die deutsche Gesellschaft zu dieser Bindung, welche Faszination ging vom Gesicht des Diktators aus? Dies scheint die Leitfrage für Claudia Schmölders' Wahrnehmungsgeschichte des Hitler-Bildes zu sein. Schmölders, Kulturwissenschafterin an der Berliner Humboldt-Universität, bietet keine neue Biographie Hitlers, sondern eine Medien- und Rezeptionsgeschichte seines öffentlichen Gesichts. Hierzu hat sie zahlreiche Zeugnisse über Hitlers Aussehen zusammengetragen und kommentiert.
Leider hat die Autorin jedoch darauf verzichtet, den Ertrag ihrer Recherchen auf geeignete Begriffe zu bringen. Die Lektüre wird durch zahlreiche Wiederholungen und abrupte Montagen von Fundstücken erschwert, ohne dass ein Argumentationsziel recht erkennbar wäre. Schon der zentrale Begriff der Physiognomik bleibt alles andere als eindeutig. Betrifft die physiognomische Wahrnehmung allein das Gesicht oder die gesamte physische Erscheinung, erstreckt sie sich auf den mimischen Ausdruck oder die Gestik der Darstellung, auf die Bewegungen, die Handlungen des Körpers oder seine Konstitution? Bezieht sich der physiognomische Fehlschluss vom «Äusseren» aufs «Innere» auf die Affekte oder die Stimmungen der Person, ihren Charakter, ihren Status, ihre Herkunft? All dies wird von Schmölders miteinander vermengt. Verdächtig sind ihr das harmlose, für das Alltagsleben ganz unentbehrliche Ordnungsmuster der klassifizierenden Typisierung und der «objektivierende», seelenlose Blick aus dritter Perspektive. Als spräche die Verwendung obskurer Rassetypologien bereits gegen das Prinzip der Typologie überhaupt. Immerhin hatte schon Oscar Wilde erkannt, dass nur oberflächliche Zeitgenossen ihre Mitmenschen nicht nach ihrem äusseren Erscheinungsbild beurteilen.
Physiognomische Deutungsmuster waren in Deutschland, aber nicht nur dort, weithin verbreitet: in der Kriminologie, in der Psychiatrie und medizinischen Diagnostik, in der populären «Rassenkunde». Mehrfach wurde das Projekt einer nationalen Ahnengalerie aufgegriffen. Nach «Verdienst und Ahnenstolz» wurden Porträts bedeutender Persönlichkeiten ausgestellt, in denen sich die Nation wiedererkennen sollte. Will man Schmölders Glauben schenken, so war die bürgerliche Gesellschaft darauf «dressiert», nach dem «wahren deutschen Antlitz» zu suchen, Gesichter als Indizien zu bewerten und den Wert eines Menschen nach seiner physischen Beschaffenheit zu bestimmen.
Nur in einem metaphorischen Sinne kann man die historische Hauptthese der Autorin verstehen, die meisten Deutschen seien nach dem Vertrag von Versailles darauf erpicht gewesen, «ihr Gesicht wiederzugewinnen», das sie durch die Niederlage von 1918 angeblich verloren hatten. Doch die Sehnsucht nach einem neuen Herrscher entsprang nicht der Scham über die eigene Ohnmacht, sondern der Wut über die erlittene Schande. Wäre Weimar eine Schamkultur gewesen, hätten sich die Deutschen schleunigst aus der Weltgeschichte verabschiedet. Doch sie suchten nicht nach einem visuellen Angelpunkt, um sich wieder aufzurichten, sondern nach einem Anführer, um die Schande ungeschehen zu machen. Hitler versprach Rache und Rettung, er verkörperte Entschlossenheit, Elan, Willenskraft. Und er faszinierte nicht wegen seines verlorenen Gesichts, das bisher ins hündisch Leidvolle abzurutschen drohte, sondern als Projektionsfläche für den Wunsch nach Weisung aus der wirtschaftlichen und politischen Krise.
Dies erklärt auch den propagandistischen Wechsel vom Frontal- zum Profilbild, vom Nahgesicht zum Ferngesicht. Obwohl überall präsent, war Hitler kein Familienmitglied im trauten Heim. Je stabiler das Regime, desto weiter rückte die Führungsfigur in die Ferne. Denn je heikler historische Situationen, desto begehrter sind unnahbare Leitgestalten. So verschwanden mit Beginn des Zweiten Weltkrieges Hitlers Augen und Mienenspiel unter der Schirmmütze. Die Figur des Kriegsherrn verlor ihr persönliches Antlitz. Ohnehin war der vielfach bezeugte glühende Blick der blauen Augen in Schwarzweisstechniken kaum wiederzugeben.
Götzenbilder
Mehrfach kommt Schmölders auf Ian Kershaws These zurück, die deutsche Gesellschaft habe Hitler gleichsam «entgegengearbeitet». Welche Motive die Menschen hierzu veranlassten, bleibt freilich im Dunkeln. Aber gewiss war es nicht die in einigen Kreisen verbreitete physiognomische Wahrnehmungsweise, die Hitler den Weg ebnete, sondern die Dynamik charismatischer Herrschaft: die Erfahrung der Krise, die gläubige Begeisterung der Gefolgschaft, der Konformismus der Mitläufer, der Übergang von der sozialen Bewegung zur Institution, der Wechsel von der politischen zur militärischen Mobilisierung. Zweifellos hat die Zuschreibung von Charisma einen sinnlichen Aspekt. Aber nicht der Wunsch nach dem Herrscherbildnis erklärt den Aufstieg des Diktators, sondern das Bedürfnis nach Ordnung, Wohlstand und nationaler Geltung. Nicht dunkle kulturelle Eigenheiten, sondern niedere Interessen sind die Triebkräfte politischer Machtgeschichte.
Dass Bildmagie im Übrigen alles andere als eine deutsche Spezialität war, beweist das späte Schicksal mancher Hitler-Bilder. Ein Schnappschuss eines amerikanischen Armeephotographen zeigt einen französischen Freischärler, der gerade mit seinem Karabiner ein Führerbild «erschiesst». Wie einst die Eroberer den Götterstatuen Köpfe und Glieder abschlugen, so zerstörte der Schütze das Götzenbild des deutschen Erzfeindes. Selbst in der Kopie eines Gemäldes, dem Abbild eines Abbildes, scheint das Idol leibhaftig gegenwärtig gewesen zu sein.
Wolfgang Sofsky
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