In Lothar Machtans Buch geht es nicht um Hitlers Sexualität, sondern um die Rolle, die die Homosexualtät für seine Entwicklung spielt
Die Dämonisierung dieses Machhabers lenkte Biographen lange Zeit von konkreten Erfahrungen ab, die Hitler, genau wie andere Menschen, verarbeiten musste.
Machtan macht sie sichtbar und ich bin sicher, was er in diesem wunderbaren Buch geschaffen hat, ist erst der Anfang eines Einblicks. Der kann nur besser gelingen, seit dem diese wichtige Brille, durch die man Hitlers Entwicklung nun sehen kann, zur Verfügung steht.
Hitlers Schulversagen in Linz, verursacht durch das Erwachen seiner Sexualität? Seine musischen Interessen, seine Malerei, die sich auf die Architektur richtete, weil er sich an die erotische Darstellung von Männern nicht traute?
Machtans Analysen befassen sich damit noch nicht.
Er geht von belegbareren Fakten aus. Beschreibt auch in weiteren Büchern die kleine homosexuelle Clique, aus der heraus sich die Münchner Führungsschicht der NSDAP entwickelte. Man begreift deren Abschottung und auch wie die Eulenberg-Harden Affäre, durch die so viele Militärs in den Tod getrieben wurden und die Hetze des Vorwärts gegen Krupp auf die Menschen gewirkt haben könnte, die in gleicher Situation waren. Was mussten sie denken, als sogar Magnus Hirschfeld in dieser Sache gegen die Homosexuellen mit Harden paktierte?, und fragt: Welche Rolle spielte die homosexuellen Hetze für die Entstehung des Antisemitismus?"
Man versteht die Todesliste des Röhm Putschs, in dem nicht nur politische Gegner ihr Leben lasen mussten, sondern auch Kellner und Kenner der Szene, die den schönen Adolf und die schwarze Bertha noch persönlich kannten.
Schürten die Morde an den engen Freunden Edmund Heines, Karl Ernst und Röhm, der nicht dicht halten wollte und denen Hitler persönlich so nahe stand, seinen Haß auf andere Menschen, auf eine Presse die den Nationalsozialisten mit primitiven Argumenten über den böhmischen Gefreiten Schicklgruber ans Leder wollte?
Man schaudert heute, wenn man über die Nationalsozialisten liest. Leider krochen auch ihre Gegner nur zu gerne in ander Leuts Unterhosen herum. Wie haben sie zur Abschottung und Entmenschlichung ihrer Gegner beigetragen?
Im Heer war Hitler nicht der gemiedene Außenseiter, sondern ein gewählter Vertreter seines Regiments bei der Münchner Räterepublik. Nach Aussagen eines Kameraden bemühte er sich dort lange um einen Posten, fand aber keinen näheren Kontakt zu den vermutlich Heterosexuellen Räten. Fühlte er sich als schwuler Goi aus Gründen abgelehnt, die kaum politisch genannt werden können? Welche Rolle spielte die homosexuellen Hetze für die Entstehung des Antisemitismus?
Das Buch regt zu fruchtbaren Fragen an. Um zu verstehen warum es so vehement abgelehnt wird, sollte man an den Fußball denken:Man greift den an, der den Ball hat."
Als weiteres seltenes Dokument zur persönlichen Situation der frühen NSDAP Führung empfehle ich Wer tötete Helmut Daube" von Kettler, Stuckel und Wegener , eine gelungene Dokumentation, hinter der mehr steckt, als der Titel vermuten lässt.