Das sehr geschickt geschriebene und lesenswerte Buch unter aufwendiger Mithilfe ehemaliger Mitarbeiter der RJF bringt mehr Informationen über NS- Interna, alliierte Verhaltensweisen und persönliche Erlebnisse als über Hitlerjugend.
Enttäuschend dargestellt werden heikle Vorkommnisse nach mehr als 50 Jahren. Das betrifft z. B. die Unbotmäßigkeiten gegenüber dem Vizeadmiral v. Trotha, die Röhm- Affäre, die Tiraden gegen die Kirchen bei Schulungstagungen der HJ, die Intonation von Hetzliedern bei Aufmärschen u.v.a.
Der Schulunterricht mußte über Jahre hinweg (ab 1940)gravierende Einbußen erleiden, so durch Fliegeralarm,Kinderlandverschickung,
Einberufung zu Wehrertüchhtigungslagern, Kriegseinsätze der HJ, Arbeitseinsatz für 6 Wochen in Fabriken 1942, Luftwaffenhelferei,
RAD und Militär. Abgangszeugnisse wie Vorsemesterbscheid und Notabitur waren eher Nachweise für Mangelwissen. Irgendwann 1942
mußten alle Schulterriemen abgeliefert werden, sie wurden einfach
konfisziert.
Luftwaffenhelfer trugen nicht nur, wie lesbar, die Uniform der Flieger- HJ, sondern zusätzlich die Kennung LH (als Letzte Hoff-
nung kolportiert). LH waren weder Schüler noch Soldaten, sondern
Wehrmachtsgefolge. Einsatz an der Waffe war demnach unzulässig, wurde aber vom ersten Tag des Einsatzes ab 15. 2. 1943 prakti-
ziert.
Der 'Dienst' in DJ und HJ kam durch die Kriegseinwirkungen zum
Erliegen, wie es ähnlich Jahre zuvor der verpönten SA ergangen war, wenn auch aus anderen Gründen, wie Einberufung zu Wehrmacht und diversen NS- Gliederungen.
Die Waffen- SS stellte gegen Kriegsende ca. 15 % der deutschen Soldaten und rekrutierte sich keineswegs mehr aus Freiwilligen allein. Wehrmachtsoffiziere konnten ohne weiteres zur Waffen- SS
versetzt werden. Die hohe Zahl der Freiwilligenmeldungen zur
Wehrmacht will richtig verstanden sein. Wehrmachtsfreiwillige
konnten nicht (mehr)zur Waffen- SS gezogen werden. Ein hoher %-
Satz der wehrpflichtigen jungen Männer hatte offenbar kein Ver-
langen, dem schwarzen Orden dienlich zu sein. Dieses Faktum ist
(leider) weitgehend in Vergessenheit geraten (verschwiegen wor-
den). In diesem Zusammenhang ist interessant zu lesen, daß Bal-
dur v. Schirach und Artur Axmann als NS- Arrivierte es vorzogen, den eigenen Kriegsdienst bei der Wehrmacht/ Heer zu absolvieren.
Trotz der deletären Situation im Osten, des Wankelmutes der Ver-
bündeten und des erdrückenden Luftkrieges eilte Axmann von einem
Höhenflug zum nächsten: Weiruthenische Gedankengänge,Gründung
eines eurpäischen Jugendbundes, germanische Landdienstlager, Kriegsberufswettkampf, um Beispiele zu nennen. Im gleichen Atem-
zug Opposition und Jugendcliquen im eigenen Lande. Ein Reich, ein
Führer, das mochte stimmen, aber e i n Volk ganz bestimmt nicht.
Wiederholungen von Fehlbehauptung machen kein 'Richtig'.
Axmann erwähnt auch die Materialschlachten des ersten Weltkrie-
ges.Er wußte, daß man Menschen nicht gegen Material setzen kann.
Aber er goutierte. Utopie kann Ende herbeiführen.
Das Buch 'Hitlerjugend'ist über Erinnerungen hinausgehend ein
bleibendes Mahnmal für die namenlos geopferten Jugendlichen eines
ideologisch initiierten Volkssturm- Wirrsals zu Kriegsende.
H. Maus (Heidelberg)