Diese Besprechung beruht auf der englischsprachigen Ausgabe "Conjuring Hitler'"
Der wohlgesinnte Leser stellt mit Erstaunen fest, dass deutsche Behörden, die ja dazu aufgerufen sind, den deutschen Bürger vor unguten Enflüssen zu schützen, hier ganz offensichtlich versagt haben, wobei man ihnen allerdings zugute halten muss, dass vielleicht ihr Schulenglisch ihnen nicht erlaubt hat, den Text in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Nun liegt eine deutsche Fassung vor und man darf gespannt sein. Außerdem stellt die komplizierte Argumentation des Autors hohe Ansprüche an die Vorbildung des Lesers in volkswirtschaftlicher und historischer Hinsicht.
Die Gefahr, die von diesem Werk ausgeht, besteht darin, dass dem Leser die Sicherheit eines schlechten Gewissens genommen wird, die ihn bislang in dem Glauben gewiegt hat, es gehe in der Welt halbwegs gerecht zu und Schicksalsschläge seien im allgemeinen auf eigene ungute Handlungen zurückzuführen und mithin vermeidbar, wenn man sich nur moralisch untadelig verhält.
Zugegeben, der Verfasser macht es seinem Leser nicht leicht und so wird seine Leserschaft im deutschen Raum trotz der Übersetzung wohl begrenzt bleiben, obwohl das Buch eine sehr gute sachliche Ergänzung zu dem jüngsten Buch von Patrick Buchanan "Churchill, Hitler and the unnnecessary war" darstellt (es liegt auch in einer deutschen Fassung vor), welches die politischen Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts anhand einer großen Anzahl von Zitaten bedeutender Akteure beleuchtet und ebenfalls zu recht erstaunlichen und für den deutschen Normalbürger überraschenden Aussagen kommt, die schon im Titel und Untertitel zum Ausdruck kommen.
Preparata unternimmt in seinem Buch den Nachweis, dass der dreißgjährige Konflikt, der Europa in der besagten Periode erschüttert hat, im wesentlichen auf einer stillschweigenden Grundhaltung politisch und finanziell einflussreicher Kreise in England beruhte, die zeitlich und räumlich in imperialen Kategorien zu denken gewohnt waren; ihr Ziel war die Verhinderung jedweder Gefährdung des britischen Weltreiches durch die mögliche Bildung einer großeuropäischen Landmacht, vor allem in Gestalt einer deutsch-russischen Verbindung.
Beim Lesen des Buches hat man zwar immer wieder das Gefühl, dass es hier um ein Verschwörungsmodell geht, mit dem die Thesen des Autors gestützt werden soll, jedoch muss man sich vor Augen halten, dass die britische Elite nicht unbedingt eine bewusst verschworene Gruppe ausbilden musste, um den gleichen Effekt zu erreichen, war sie doch auf Grund von Herkunft und Ausbildung von vornherein schon quasi eine homogene Mannschaft, die zudem noch starke verwandschaftliche Bindungen hatte, so waren Anthony Eden und Bertrand Russell Vettern, Anthony Eden heiratete in zweiter Ehe eine Nichte von Winston Churchill und war ein entfernter Vetter von T.E. Lawrence (of Arabia), Bertrand Russell, ebenfalls ein Verwandter von T.E. war ein guter Freund von E.M. Forster und D.H. Lawrence usw.
Unter Heranziehung von in Umfang und Art beeindruckenden Quellen, unter denen man immer wieder auf so unterschiedliche Autoren wie Goethe und Gromyko, Gallo und Degrelle, Hölderlin und François-Poncet, aber auch auf Erzberger und Joachim Fest, Hjalmar Schacht, David Irving,Trotzki oder Ernst Toller stößt, zieht Preparata einen Faden, der den Leser durch das Labyrinth der Weltwirtschaft und der großen Politik in der Zeit zwischen den beiden großen Kriegen führt. Seine Grundthese dabei ist, dass von englischer Seite aus eine kleine Gruppe von Männern in jenen Jahren die wesentlichen Ereignisse politischer und wirtschaftlicher Natur in der Welt immer wieder in eine Richtung geleitet hat, deren unverrückbarer Zielpunkt die endgültige Zerstörung und Ausschaltung Deutschlands als Faktor in Europa war.
Der Weg dazu war nie eine grade Linie, sondern führte über sonderbare Umwege (wie den Dawes- und Youngplan, den Goldstandard, über die Krise von 1929, über die Finanzierung der NSDAP, über vertragliche Abmachungen mit dem 3. Reich, über die Lieferung von Rohstoffen und Industriegütern an die wiedererstarkende Wehrmacht u.v.a.m.), die begangen werden mussten, um Deutschland zunächst wirtschaftlich wiederaufzubauen und damit in eine Lage zu versetzen, in der sich das Land wieder bewaffnen konnte, es sodann zu destabilisieren, sodass es sich einem charismatischen Führer anvertrauen konnte, der dann in einer Reihe von Maßnahmen die in Versailles beschlossene Situation des Landes berichtigen sollte, um im geeigneten Moment als Aggressor dargestellt und nun endgültig besiegt zu werden.
Der Verfasser beruft sich dabei immer wieder auf die Thesen von Thorstein Veblen, eines amerikanischen Volkswirtschaftlers norwegischer Herkunft, der eine solche Entwicklung schon vom 1. Weltkrieg an vorausgesagt hat.
Zu den politischen Mitteln gehörten immer wieder geheime Zusagen, die britische Politiker anderen Nationen machten, etwa dass man Frankreich in einem Krieg zu unterstützen würde, oder die schicksalhafte Aufdrängung einer britischen Garantie, die Polen 1939 in die Lage versetzte, einen Krieg in Europa auszulösen, in den sich dann England automatisch einschalten musste, um ihn zu einem Weltbrand auszuweiten.
Diese und viele andere Aspekte des Buches dürften von einem Teil der vermutlich geringen Anzahl der deutschen Leser sicherlich als absurd verworfen werden, dem Rest der Leserschaft jedoch sehr viel Stoff zum Nachdenken verschaffen und ihn anregen, wenigstens einen Teil der Literatur die Preparata anführt, näher zu studieren, um sich eine eigene Meinung über diese sehr kontroversiellen aber äußerst wichtigen Fragen zu bilden.