Syberberg versucht in diesem 1977 in New York uraufgeführten Theaterstück in aufrüttelnden Bildern, düsterer Atmosphäre, poetischen Sequenzen und Wagner'scher Symphonien, der Frage nachzugehen wie es dazu kam, dass "das schlechte Gewissen der demokratischen Systeme" (Zitat Adolf Hitlers aus dem Grab Richard Wagners) möglich war, wie die kollektive Psychose sich vollzog. Politik wird in diesem Film erneut als Show für die Menge inszeniert. Der Regisseur brilliert dabei besonders dadurch, dass er nicht nur zahlreiche Mythen aufdeckt, sondern auch die Geschichte, ohne irgendwelche Einzelpersonen zu verurteilen, die laut aufgeschriebener/festgehaltener Geschichte(n) schuld an der ganzen Misere sind. Er beschreibt im Stile eines Psychoanalytikers den Wahn, die Ängste, die Nöte, die Trauer und die Zerstörungswut des bekannten Totalkriegs-Demagogen mittels Hitler-Puppe. Und er skizziert im gleichen Stile die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Auswirkungen des fortschreitenden Materialismus in allen Lebensbereichen während 1920er und 30er Jahren. Abseits von Betroffenheit und Reue sehen wir, wie wartende, mutlose, ängstliche Menschen sich mit dem charismatischen Führer identifizieren und mutig werden, tapfer, hart, zur Einheit verschmolzen, und ein Wunder an Leistung vollbringen, sobald sie in einer Uniform stecken. Es gelingt ihm immer wieder, den Kreis vom ganz Kleinen in die ganz großen, universalen Zusammenhänge zu ziehen. Es passiert in diesem Film noch viel mehr, nun ja, eigentlich passieren tut nicht viel, außer im Innenleben der zuschauenden Person, die bereit ist, vier Stunden dabei zu bleiben. Auf einmal ist das unmöglich, weil zu inhaltsschwer... es ist kein Spiel-Film, sondern ein monumentales Werk auf dem Gebiet der Wiederaufarbeitung, eine "Projektion ins schwarze Loch der Zukunft". Unbedingt sehenswert, daher 5 Sterne.
"...Er hat alles vorher gesagt, allen, keiner wollte es glauben. Es musste jemand gefunden werden, der Schuld ist an den Sünden der Welt, am Gewinnstreben, für das man sich schämte, an der Kunst, die niemand mehr verstand im Volk, an Arbeitslosigkeit, Demütigungen und Qualen des Alltags... und es musste jemand gefunden werden, der die Aufgabe der Reinigung übernahm, das Gewissensopfer brachte und im dionysischen Kult alle mitriss, außer sich, alptraumhaft, mit Mord und Blut für die neue Sache. Sie glaubten, Gutes zu tun, indem sie das Böse, wie sie es nannten, umbrachten, stellvertretend in den Anderen, im Unterbewusstsein sich selbst. Ein Schlachtfeld des Ich."
"Was tun - Schweigen?"