Alle Vorschläge, das Nahost Problem zu lösen, liegen spätestens seit dem Jahr 2000 auf dem Tisch. Die Literatur, die für beide Seiten zufriedenstellende Lösungsmöglichkeiten aufzeigt, füllt mittlerweile ganze Bibliotheken, und es kommt täglich neue hinzu. Eine dieser Neuerscheinungen ist Avraham Burg's Titel Hitler besiegen - Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss."
In ihr führt der ehemalige Berater von Schimon Peres und Sprecher der Knesset, das weiter aus, was Norman G. Finkelstein bereits in seinem 2000 erschienen Buch Die Holocaustindustrie" angestoßen hatte, in dem er beschrieb, wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird.
Burgs Ansatz zielt jedoch, im Gegensatz zu Finkelsteins Aspekt der eher materialistischen Ausbeutung des Holocaust, auf die Köpfe der Menschen. Einer Nation, die sich ständig und ausschließlich über den Holocaust identifiziere, werde es niemals gelingen das Trauma dieses Ereignisses zu überwinden und zu einem neuen Selbstverständnis zu gelangen:
Wir sitzen auf dem Ast vergangener Trauer und schwingen uns nicht auf in die Höhen der Menschlichkeit, in die wir gehören. ... Die Shoa ist wie das Ozonloch: nicht zu sehen, aber immer präsent".
Burg geht sogar noch einen Schritt weiter. Er vergleicht das heutige Israel mit Deutschland in der Weimarer Zeit:
In Deutschland veränderten langsame Prozesse die Wahrnehmung der Realität in einem Maße, dass Wahnsinn zur Norm wurde, und dann wurden wir vernichtet. Das geschah im Lande der Dichter und Denker. Dort war es möglich, und es ist ebenso hier, im Land der Propheten möglich."
Burg knüpft damit an die Stimmen jener an, die seit Jahren davor warnen, daß die Fortsetzung der israelischen Politik für beide Parteien letztlich in einem Desaster enden wird.
Die Supermacht der Gedenkpolitik", so der Autor, betreibe eine Politik, der es an Visionen mangele und die eher einem Kleinstadtgeschacher gleichkomme als einer Staatsführung, die die Last der Verantwortung übernehme. Das alles müsse geändert werden, wenn man einen gesunden, normalen und rationalen Staat wolle. Es sei an der Zeit, intensiv über das Wesen dieses Staates und seine Schwächen nachzudenken.
Burg reklamiert ein neues Judentum. Die gesamte Tora lasse sich in dem einen Vers zusammenfassen, nämlich anderen nicht anzutun, was man selbst nicht erleiden möchte.
Es waren Hans Küng und Helmut Schmidt, die dem US-Präsidenten und Friedensnobelpreisträger 2009, Barack Obama, eben diese Erkenntnis in den Text seiner historischen Rede an die islamische Welt" an der Kairo-Universität hineinschrieben:
Es gibt auch eine Regel, die jeder Religion zugrunde liegt dass man andere behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte."
Gleichwohl, jene Verantwortlichen, so muß man leider bedauernd feststellen, die dazu aufgerufen sind, daran etwas zu ändern und diese Regel umzusetzen, ziehen es immer noch vor, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen! Im Gespräch mit Israel Radio, äußerte z.B. gerade in diesen Tagen der israelische Außenminister Avigdor Lieberman, er glaube, es sei unrealistisch, in absehbarer Zeit zu einer langfristigen Vereinbarung über die Beendigung des Konflikts zu kommen. Wer dies denke, habe keine Ahnung von der augenblicklichen Situation.
Ich denke, es ist an der Zeit, endlich mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die aus Angst vor der öffentlichen Meinung und Feigheit vor einer radikalen Minderheit an den alten Positionen und Denkschablonen festhalten und damit seit Jahren einer Lösung des Konflikts im Wege stehen.
Ein ebenso mutiges, wie notwendiges Buch!
Aber ändern wird es an der augenblicklichen Situation wohl nichts!