Adolf Hitler Angelpunkt der Weltgeschichte?
Neue ideengeschichtliche Studien
Von Micha Brumlik
Hitler und der Nationalsozialismus werden zunehmend vor dem Hintergrund der europäischen Ideengeschichte analysiert. Dabei mischt sich Bizarres mit Aufschlussreichem. Ein Blick in vier neue Arbeiten.
Dass Auschwitz um so mehr an Bedeutung gewinnt, ja um so «bedeutender» wird, je länger es zurückliegt, ist zu einem Gemeinplatz der öffentlichen Debatte geworden. Was für die Tat gilt, scheint auch für den Täter zu gelten; das legt jedenfalls eine Reihe von Neuerscheinungen nahe. Mit dem ersten Teil von Ian Kershaws Hitler-Biographie (vgl. NZZ vom 6. 10. 98) sind die Grenzen und Möglichkeiten eines gesellschaftsgeschichtlichen Forschungsprogramms deutlich geworden, das entschlossen darauf verzichtet, seinem Gegenstand menschliche Bedeutsamkeit und das heisst «Grösse», und sei es auch nur im Negativen, zuzubilligen. Die Theorie vom mehr oder minder ohnmächtigen Diktator bzw. vom redegewandten Charismatiker, der wie ein Medium die Stimmungen und Wünsche breiter Bevölkerungsmassen und illiberaler Eliten bündelte, hat jedenfalls die Frage nach dem, was Hitler politisch wollte, entschieden ausgeklammert.
Aber so wie der spätere Diktator Ausdruck reaktionärer und illiberaler Tendenzen unter den konservativen und reaktionären Schichten von Bürgertum und Arbeiterschaft war, so sehr könnte er auch Ausdruck und letzte Konsequenz geistiger und ideologischer, ja theoretischer Elemente gewesen sein, die sich in ihm in einzigartiger Weise verdichteten und zur vernichtenden Tat drängten. So besehen wäre Hitler für das zwanzigste Jahrhundert das, was nach Hegel der französische Kaiser Napoleon für seine Zeit war: die Inkarnation des Weltgeistes, eines fehlgeleiteten Weltgeistes freilich.
«SUMME» DES ABEND LANDS?
Neue Arbeiten des linkskatholischen Publizisten Carl Amery, des phänomenologischen Philosophen Hermann Schmitz, des jungen Historikers Frank-Lothar Kroll sowie des US-amerikanischen Kulturhistorikers David Clay Large zeigen Hitler als End- und Gipfelpunkt ganz unterschiedlicher historischer Kontexte. Während Hermann Schmitz in Hitler die Summe der Fehlentwicklungen des abendländischen Geistes seit Homer sieht, versteht ihn Kroll als konsequenten Theoretiker einer schlüssigen vulgärdarwinistischen Geschichtsphilosophie, die mit dem Marxismus mehr gemeinsam habe als bisher auch von der Totalitarismustheorie erkannt. Wo Large den späteren Diktator mit Thomas Mann als einen parasitären Teilnehmer der Münchner Moderne beobachtet, identifiziert Carl Amery Hitler als einen seiner Zeit gemässen Vertreter eines Denkens, das in der Aufklärung wurzelt, ohne sich ihrer Grenzen bewusst geworden zu sein. Dieses Denken so Amery ist nach wie vor aktuell.
Um seine Hypothese zu belegen, nutzt Amery etwa 190 eher kleine Druckseiten, während Kroll, der sich neben Hitler auch noch Rosenberg, Darre, Himmler und Goebbels widmet, mehr als 300 Seiten benötigt und Hermann Schmitz fast 600 Seiten füllt. Allen Autoren mit Ausnahme von Large ist gemeinsam, dass sie die Texte und Auskünfte des nichtigen Diktators in ihrem theoretischen Anspruch ernst nehmen wollen. «War der Nationalsozialismus», so das programmatische Credo von Lothar Kroll, «als historisches Phänomen in welchem Intensitätsgrad auch immer ideenbestimmt, so kann und muss er grundsätzlich auch von einer ideengeschichtlich argumentierenden Interpretationshaltung aufgearbeitet und zu deuten versucht werden.»
Dabei verfährt Hermann Schmitz am radikalsten in seiner Überzeugung, dass Hitler ohne eine genaue Analyse des abendländischen Geistes seit der griechischen Antike nicht zu verstehen sei. Schmitz, der selbst ein eigenes philosophisches Forschungsprogramm, die sogenannte «Neue Phänomenologie», kreiert hat, nimmt vier «Verfehlungen» ins Visier: das Überspringen der leiblich-räumlichen Existenzweise und der durch sie gestifteten ursprünglichen Zusammengehörigkeit der Menschen, einen übertriebenen Glauben an die Möglichkeit weltbemächtigenden Handels, ein Verkennen der Intersubjektivität sowie misslungene Formen der Selbstvergewisserung. Für diese Fehlhaltungen zeugen Gestalten wie Hegel, dem neben hoher Anerkennung doch eine Verwandtschaft seiner frühen Sozialphilosophie mit der Ideologie der SS nachgesagt wird; der synoptische Jesus, der durch einen masslosen Machtanspruch und einen hasserfüllten Vernichtungswillen gekennzeichnet sei; aber auch Luther, dessen Gott Schmitz als Potentaten erkennt, sowie Kant, der die «dynamistische und autistische Verfehlung des abendländischen Geistes» gefördert habe. Nicht zu vergessen Spinoza, der Schmitz sogar als ein «Vorläufer» Hitlers gilt, weil er wie dieser die Natur vergottet habe.
In dieser Meinung stimmt ihm penibel aus den Quellen belegend Kroll ebenso zu wie Amery, der seine Analyse aus einer gründlichen Lektüre von «Mein Kampf» zieht. Aber auch die Schwabinger Bohème so zeigt Large etwa an den «Schwabinger Kosmikern» Klages und Schuler war vom unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Natur und jüdischem Geist überzeugt. Larges Buch, in einem eine Biographie Hitlers in seinen Münchner Jahren, eine Kulturgeschichte der Münchner Moderne sowie eine Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert, weist die Selbstverständlichkeit dieser Überzeugungen in weiten Teilen des Bildungsbürgertums nach. «Der Jude», so schrieb z. B. der noch heute als Begründer der Graphologie bekannte Ludwig Klages, «lebt das Scheinleben einer Larve, die Moloch-Jahwe sich vorband, um auf dem Weg der Täuschung die Menschheit zu vernichten.»
PSYCHOLOGISCHES
Diese Ideologeme habe Adolf Hitler so Schmitz in einer merkwürdigen Vermischung von Psychologie und systematischer Geistesgeschichte verwendet, um die Traumata seiner Fronterfahrungen zu verarbeiten; er habe die demütigende Erfahrung des sinnlosen Wegwerfens von Menschenleben dadurch kompensiert, dass er das Vernichten menschlichen Lebens einem «höheren Sinn» unterstellt habe. Dieser «höhere Sinn» bietet sich indes Carl Amery nicht nur als ideologischer Unsinn oder als deterministische Geschichtsphilosophie eigenen Ranges bzw. als Kumulation des sich verfehlenden okzidentalen Geistes dar. Wiewohl Amery die «Theorie» von «Mein Kampf» kenntnisreich und präzise auf eine naturwissenschaftlich halbierte Aufklärung, auf Antisemitismus und Vulgärdarwinismus zurückführt, geht es ihm um die relative «Sachangemessenheit» von Hitlers Ideologie, die moralisch zu verurteilen Amery an keiner Stelle versäumt. Er versucht die darwinistischen Grundlagen Hitlers und seiner Ideologie ernst zu nehmen und daraus sogar «Auschwitz» zu erklären.
Es ist überhaupt nicht zu verkennen, dass Kroll, Schmitz oder Amery in der Terminologie der achtziger Jahre als vergleichsweise naive «Intentionalisten» zu bezeichnen sind, was den historiographisch-explanativen Wert ihrer Analysen ohne Zweifel schmälert. Erschiessungen und Massenmorde, wie Schmitz es tut, unter Bezugnahme auf Augustinus und Spinoza erklären zu wollen, wirkt aberwitzig, ebenso aberwitzig wie sein Anspruch, dass ausschliesslich der historisch gebildete Philosoph über Hitler und den Nationalsozialismus orientieren könne. Um so grösser ist jedoch der hermeneutische Gewinn dieser ideengeschichtlichen Studien, zumal dann, wenn man sie wie Carl Amery im Horizont der nahen Zukunft und nicht wie etwa Kroll und Schmitz im Blick auf die nahe Vergangenheit, d. h. den kalten Krieg oder die deutsche Vereinigung, betreibt.
Ob ein Vergleich von Hitlers, Darres und Rosenbergs «Theorien» mit den Schriften des Marxismus sinnvoll erscheint, hängt ganz davon ab, ob und mit welchen Motiven man die Totalitarismustheorie fortschreiben möchte. Ob man zum Verständnis des Holocausts wirklich viel beigetragen hat, wenn man wie Schmitz den johannäischen gegen den synoptischen Jesus ausspielt und damit z. B. den Fichteschen Judenhass ausklammert, sei dahingestellt. Immerhin will Schmitz mit dem Propagieren sozialer Dienste, verbesserter Kindererziehung und einer verantwortlichen Beziehung zwischen den Generationen einen Beitrag zur Heilung des Abendlandes leisten. Seine voluminöse Studie schliesst mit der Hoffnung: «Der Anfang ist gemacht. (. . .) Deutschland steht in der Mitte. Die Wiedervereinigung Deutschlands hat Sinn als Beginn der Wiedervereinigung des Römischen Reiches.»
NATURGESCHICHTE
Derlei professorale Beschaulichkeiten sind Carl Amery fremd: Hitlers Programm und die von ihm koordinierte Politik des Deutschen Reiches in den Horizont der ökologischen Krise zu stellen und den «Führer» somit als die verbrecherisch entgleiste Antwort auf ein wirkliches, seinerzeit noch kaum erkanntes Problem, die ökologische Krise, zu lesen, verstört zutiefst und klärt damit auf. Hitlers Programm enthält nach Amery drei Schlüsselpunkte: «1. Das Bekenntnis zur Geschichte als Naturgeschichte, 2. die Feststellung, dass es nicht für alle reicht, und 3. die Übernahme der Verantwortung dafür, wer wie an den knapper werdenden Ressourcen des Planeten und damit an der Zukunft der Menschheit beteiligt werden kann und beteiligt werden soll.»
Hitler habe auf diese Problematik eine «partikularistische Antwort» gegeben; Amery ist sich nicht sicher, ob die ökologisch aufgeklärten, linksliberalen Eliten in Zeiten der Krise nicht eher ihre liberale Gesinnung opfern, denn ihren ökologischen Einsichten untreu zu werden. Zudem werde bereits wenngleich in verfeinerten Formen auch heute schon «selektiert»: die bevorzugte Rettung Weisser bei internationalen Krisen in der weniger entwickelten Welt zeuge ebenso davon wie das Gatt oder das Schengener Abkommen, dessen Sinn die «Bewahrung des Wohlstandsgefälles, das nicht zuletzt durch die vorhergehende Selektion, nämlich die terms of trade (. . .), entstanden» sei. Dass Amery in diesem Kontext Reproduktionsmedizin, Gentechnologie und Agrarchemie verortet, bedarf beinahe keiner Erwähnung. Der Vergleich der mörderischen und brutalen Anordnungen an der Rampe von Birkenau mit der Zurückweisung von Asylbewerbern an der Grenze mag überzogen, ja bedenklich sein; die Reihung Hitler, Pol Pot, Mao Tsetung und Stalin mag ein weiteres Mal die nicht unproblematische Totalitarismustheorie rehabilitieren. Gleichwohl Amery ist zuzustimmen, dass erst das Bewusstwerden der Brüchigkeit der internationalen Ordnung angesichts bedrohter natürlicher Ressourcen den Test aufs Exempel abgeben wird. Erst dann werde sich gegebenenfalls zeigen, was für ein «ungeheures historisches Ereignis Auschwitz tatsächlich war; nicht etwa eine Naturkatastrophe ohne Bezüge zum ordentlichen Geschichtsverlauf, sondern die noch reichlich primitive Vorwegnahme einer möglichen Option des Jahrhunderts, das demnächst anbricht».
Man mag derlei als unwissenschaftliche Prophetie abtun in der Summe dürfte es immerhin den Fortgang der Debatte über eine «nachhaltige Politik» und ihre Konsequenzen im Zeitalter der Globalisierung anregen. Und das ist vielleicht wichtiger als ein blosser Versuch, die Ideengeschichte als Verfahren zum Verständnis des Nationalsozialismus zu rehabilitieren. -- Neue Zürcher Zeitung
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