-
Tipp für Studenten
Ein Jahr Prime kostenlos und einen 20% erhöhten Eintauschwert auf Trade-In erhalten alle Studenten die bei Amazon Student angemeldet sind.
| ||||||||||||||||||||||||||||||
Produktinformation
|
Anders als Kershaw, in dessen Hitler-Biografie der Protagonist am Ende gleichsam als Ergebnis und Sprachrohr der allenthalben waltenden sozialen Energie erscheint und als Person beinahe aus dem Blick gerät, bleibt Fest bei seiner Darstellung stets eng bei der Person Hitler. Dabei verliert er die soziohistorischen Gründe für die Möglichkeit von dessen "Erfolg" nicht aus den Augen. Im Gegenteil: Immer wieder zeigt der Autor, wie sehr einzelne Fassetten der Pathologie des Diktators mit konkreten wie diffusen Bedürfnissen, Gefühlen und Ressentiments anderer Einzelner ebenso wie der "Masse" korrespondierten.
Auch Fests Hitler-Biografie liefert nur einen Mosaikstein -- immerhin aber einen sehr wichtigen -- für das immer noch längst nicht vollständige historisch- und sozialbiografische Bild, das wir uns von dem Phänomen Hitler und all dem, was damit zusammen hängt, machen müssen. Und dieses Bild müssen wir uns nicht nur machen, um die Vergangenheit zu begreifen, sondern auch, um unsere Gegenwart besser zu verstehen. Denn wenn Fest mit seinem Buch eines deutlich gemacht hat, dann dies: Hitler markiert nicht nur das Ende einer Epoche, er steht vielmehr auch am Anfang unserer Gegenwart, die "ohne die Kenntnis der hier dargestellten Geschichte" nicht verstanden werden kann, wie der Autor im Vorwort schreibt -- auch wenn diese Geschichte, was ihren Hauptdarsteller anbelangt, den größten Schrecken aus dessen primitiv-monströser Trivialität bezieht, wie das vielleicht beste Kapitel "Blick auf eine Unperson" eindrucksvoll und bis heute unüberholt belegt. --Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurioserweise, gab Joachim Fest später zu Protokoll, habe sein Freund Golo Mann ganz ähnlich argumentiert und auf die Gefahr hingewiesen, einen Hitler schöner und edler erscheinen zu lassen, als er es war. Beiden Kritikern antwortete Joachim Fest mit gleicher Begründung. Wer die Diktatur miterlebt und miterlitten habe, dem möge Haß ausreichend sein. Für eine spätere Generation aber reicht das nicht, sagte Fest, sie muß zu verstehen versuchen, wie der Nationalsozialismus möglich war.
Und wie es sein konnte, dass der Protagonist dieser Bewegung, ein Gefreiter des Ersten Weltkrieges mit schräger Biographie, zum Herrscher über ein Kulturvolk wurde, das plötzlich der Barbarei huldigte.
Fast fünf Jahre lang sollte Fest an seinem opus magnum arbeiten; er verzichtete bewusst darauf, durch eigene Quellenforschung das Bild des großdeutschen Führers zu erhellen die gedruckte Literatur war seine Stütze, woraus konsequenterweise folgt, dass der Autor auch abhängig war von den Recherchen anderer. Für Fest schien dies kein Problem. Zum einen lagen ihm weniger der Aufenthalt in verstaubten Archiven oder die Jagd nach neuen Informanten. Zum anderen war er überzeugt, dass keine Materialien mehr zu erwarten sind, die das Bild der Epoche und ihrer Akteure auch nur zu modifizieren vermögen. Sowieso glaubte er: Nicht neue Quellen, neue Fragestellungen brauchen wir.
Immer wieder habe es sehr viel Selbstüberredung gekostet, das Ziel schließlich rund 1280 eng bedruckte Seiten weiterhin im Auge zu haben. Er hatte seinen gut dotierten Posten als Chefredakteur beim Norddeutschen Rundfunk verloren, drei Kinder und kein festes Einkommen, abgesehen von einem Honorar, das er als Berater der SPIEGEL-Redaktion erhielt. Was half, war Autosuggestion. Sie müssen sich zwischendurch immer wieder einreden, daß das, was Sie da schreiben, eigentlich ganz gut ist. Sie müssen so tun, als seien Sie zufrieden, sonst kommen Sie nicht weiter. Antrieb sei auch ein Ethos des Fertigmachens gewesen, Autoren kennen dieses Gefühl.
Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, im Herbst 1973, hatte Fest es geschafft. Und sogleich war er mit seiner Biographie Hitlers der Star, katapultiert auf lärmende Bestsellerhöhen, wie es der Pub¬lizist Gustav Seibt beschreibt. Etwa eine Million Exemplare wurden bislang gedruckt, in 23 Sprachen ist das Fest-Werk übersetzt worden. Dieses Buch, lobte Fests Kontrahent Marcel Reich-Ranicki, gehöre zu den wichtigsten Büchern zum Thema überhaupt. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, ein Nachfolger Fests in der Feuilleton-Leitung, griff noch höher. Kein Buch, das seit 1945 in deutscher Sprache erschienen ist, ist bedeutender, und kein anderer Autor habe vorher oder nachher stilistisch und gedanklich diese Klasse erreicht.
Hitler. Eine Biographie ist, ohne Zweifel, ein Meisterwerk der Historiografie, kaum ein Autor schrieb ein solch grandioses Deutsch wie Fest, der studierte Historiker. Auch wenn es in manchen Passagen so scheint, als habe sich der Autor in seine Kunst des Formulierens selbst verliebt. Genau dies kritisierte auch Rudolf Augstein in seiner großen Rezension unmittelbar nach Erscheinen des Werkes es sei mit oft glänzenden Wortschemen überladen, gegen Fests Hang zu stilistischer Überhöhung ließe sich deswegen mit einer hohen Trefferquote beckmessern.
Vielleicht aber bedarf es einer oft eindringlich-dramatischen Sprache, um dem Phänomen Hitler, der eine Gewaltherrschaft aus¬üben konnte ohne jegliche zivilisatorische Idee (Fest), überhaupt nahezukommen. Fest erzählt Hitler nicht, er deutet ihn die Fragen, auf die er Antworten bietet, lauten komprimiert so: Wo¬her bezog Hitler seine überwältigende Dynamik? Worin war sein stupender Erfolg begründet?
Hitlers Aufstieg, konstatiert Fest, sei nicht nur auf dessen demagogisches Genie und dessen Skrupellosigkeit zurückzuführen, er schien wie niemand sonst in der Lage, epochenspezifische Missgefühle und vor allem jene große Angst aufzufangen, die im deutschen Volk nach dem Zusammenbruch der Bürgerlichkeit im Ersten Weltkrieg herrschte. Trotz des gewaltigen nationalsozialistischen Repressionsapparates waren Millionen von ihm fasziniert, und er gab ihnen Hoffnung. Wie auch die Philosophin und Totalitarismusforscherin Hannah Arendt, die der Journalist Fest hoch verehrte, definierte er das Ungeheuer Hitler nicht so sehr als Ursache denn als Ausdruck von Tendenzen, schrieb die Zeit in einem Nachruf.
Denn Hitler, sagte Fest, sei weniger der große Widerspruch der Zeit gewesen als deren Spiegelbild; unablässig stößt man auf die Spuren einer verborgenen Identität.
Fest erhielt großes Lob aber auch Widerspruch, der in dem Vorwurf gipfelte, er habe die Taten des Diktators verkleinert und damit ein Stück weit verharmlost. Tatsächlich nimmt es Wunder, dass er etwa das Pogrom vom 9. November 1938 nur mit wenigen Worten streift und die Nürnberger Rassegesetzgebung des Jahres 1935 gänzlich auslässt jenes widerwärtige Rechtskonstrukt, das die Juden zu Bürgern minderer Klasse degradierte und ihre systematische Verfolgung einleitete.
Vor allem aber: die Endlösung, das Jahrtausendverbrechen Hitlers und seiner NS-Entourage, die Shoah, der Holocaust. Fest erwähnt ihn nur auf gut drei Seiten, der gleiche Raum etwa, den er einer jungen Dame namens Geli Raubal widmet, die Hitlers einzige große Liebe gewesen sein soll, und die sich wohl wegen Onkel Alf, wie sie ihn nannte, das Leben nahm. Die Zahl der ermordeten Juden gibt er mit über fünf Millionen an, trotz mehrfacher Möglichkeiten bei diversen Auflagen wurde sie erstaunlicherweise über die Jahrzehnte hinweg nie korrigiert. Denn Holocaust-Forscher sind sich darüber einig, dass es wohl an die sechs Millionen jüdische Menschen waren, die dem Rassenwahn des Hitlerregimes zum Opfer fielen. Der Biograph glaubte sich kurz fassen zu können, weil damals parallel eine zunehmend wachsende Holocaust-Literatur auf den Markt gekommen sei jedes anderweitige Spezialinteresse hätte aus seiner Sicht den Rahmen gesprengt. Und er gab zu, sein etwas exzessiv geratenes Buch habe nach Fertigstellung ein schwer zu beschreibendes Unbehagen bei ihm ausgelöst. Woher rührte es?, fragte der SPIEGEL.
Fest: Vielleicht spukte in meinem Kopf immer noch das... Diktum meines Vaters herum.
SPIEGEL: Vielleicht kam das Unbehagen aber auch davon, dass Sie sich immer wieder auf die Täter fixiert haben?
Fest: Da liegt auch die eigentliche Aufgabe.
Die Opferseite ist lange von der Zeitgeschichte vernachlässigt worden zu lange und auch von Fest.
Nachwort von Georg Bönisch zu Hitler. SPIEGEL-Edition Band 31. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Vorgeschlagene Tags zu ähnlichen Produkten(Was ist das?)Setzen Sie den ersten relevanten Tag hinzu (ein Schlüsselwort, das mit diesem Produkt in engem Zusammenhang steht).
|
Dennoch liegt das Überzeugende an dieser Biographie in der Darstellung der Psychologie Hitlers und der beteiligten Personen. Auch die Überlegungen zum Zusammenhang zwischen politischer Kultur Deutschland und dem Aufstieg Hitlers - der Autor ist Gegner der These, es habe Kontinuität von Friedrich dem Großen bis Hitler bestanden - ist sehr interessant und überzeugend. Ich möchte diese These begründen: man lese einmal im Vergleich die Szene des Streites zwischen Hitler und Hugenberg vor der Ernennung des Kabinetts Hitler am 30. Januar 1933 durch Hindenburg bei Fest und Kershaw kritisch nach: bei Fest kommt der "Mythos Hindenburg" zum Tragen: der Streit zwischen Hitler und Hugenberg muss beendet werden, um den "Herrn Reichspräsidenten" nicht warten zu lassen. Bei Kershaw wirkt diese Szene im Vergleich recht blass. Natürlich ist die Biographie leider nicht mehr auf dem neuesten Forschungsstand; die zitierten Quellen sind inzwischen durch weitere Forschungen ergänzt worden. In dieser Beziehung bietet die 1998/2000 erschienene zweibändige Kershaw-Biographie ein eindrucksvolles Kompendium über den neuesten Forschungsstand. Auch Darstellungen über die Jugend Hitlers sind inzwischen veraltet und teilweise überholt, wie Brigitte Hamanns: "Hitlers Wien" beweisen, worauf Krockow in seinem Werk: "Hitler und die Deutschen" zu recht hinweist. Es ist meines Erachtens bedauerlich, dass auch die 1998 erschienene Taschenbuchausgabe im Propyläen-Verlag nicht vom Autor diesbezüglich überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht wurde. Ich teile auch die Skepsis, insbesondere von Haffner ausgedrückt, dass Hitler, wäre er 1938 gestorben, als Staatsmann in die deutsche Geschichte eingegangen wäre. Haffner hat dies in seinen "Anmerkungen" überzeugend widerlegt.
Insgesamt handelt es sich bei der vorliegenden Biographie dennoch um eine endrucksvolle Leistung - sie wurde nicht umsonst 30 Jahre nach ihrem Erscheinen zu einer der Standardbiographien. Für mich neben Haffner bis heute die beste Hitler-Biographie.
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|