Mit den "Gesichtern eines Diktators" ist ein neu aufgelegter Bildband des vom Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann begründeten, zeitgeschichtlichen Bildarchivs erschienen, welcher eine Auswahl weniger bekannter Fotografien des Diktators zusammenführt und somit ein umfassendes Portrait der wohl bedeutendsten Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts wiedergibt - bedeutend deswegen, weil ohne Hitler und das Dritte Reich die Gegenwart der heutigen Welt, so wie wir sie kennen, nicht bestehen würde.
Insofern kann ich den Erstrezensenten nicht nachvollziehen. Mich nämlich hat diese Bilddokumentation sehr beeindruckt, denn ihr Inhalt reflektiert Aufstieg und Fall des Mannes, der das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte heraufbeschworen hat. Mit seiner monströs anmutenden Gier nach persönlichem Machtzuwachs und der Entfaltung einer nie gesehenen destruktiven Energie führte er sein eigenes Volk und eine ganze Welt in Chaos und Untergang.
Eingeleitet wird der Bildband durch einen Prolog von Hitler-Biograf Joachim Fest, der mit der für ihn charakteristischen literarischen und geschichtswissenschaftlichen Begabung einen komplexen, Psychogramm-artigen Überblick zu den Persönlichkeitsstrukturen und Motiven jenes Mannes ermöglicht, dessen "Charisma unwiderstehlich wirkte in seiner Mischung aus Besessenheit, Vorstadtdämonie und [...] Vulgarität."
Fest fährt fort: "Aus dem Bierdunst bayerischer Bräustuben redete er sich in zunehmend perfekter organisierten Kollektivdelirien zur Heilsgestalt empor und riss die Massen in Veranstaltungen, die [...] wie öffentliche Lustmorde wirkten, zu vorwärtstreibender Hysterie hin."
Die vielleicht markanteste Feststellung in seinem gewohnt sprachgewaltigen Vorwort ist die folgende: "Seine (Anm.: Hitlers) Erscheinung lehrt, was der Geschichte [...] bis dahin fremd war: dass unsägliche individuelle Nichtigkeit oder Gewöhnlichkeit mit außergewöhnlicher politischer Meisterschaft in einem Menschen vereint auftreten können. So betrachtet, scheint es die große und permanente Anstrengung dieses Lebens gewesen zu sein, die Welt durch ein beispielloses Geschehen über die eigene Unpersönlichkeit zu betrügen, Kontur zu gewinnen, und sei es durch eine Katastrophe."
Gerade aufgrund dieser psychologisierenden Befunde gewinnt der Band an Bedeutung, denn streng genommen war Hitler zeitlebens ein charakterlich missgebildeter Soziopath, der selbst im Zustand absoluter 'Machtverfügbarkeit' der unsichere, beziehungslose und gesellschaftlich abgesonderte Beamtensohn aus der österreichischen Provinz blieb.
Die für mich interessanteste, wenn auch relativ bekannte Aufnahme: Der zehnjährige Hitler im Jahr 1899 als Volksschüler in Linz. Signifikanterweise hat er auf diesem Bild - bereits - die höchste Position unter seinen Mitschülern.
Alles in allem eine lohnenswerte Lebensbilder-Dokumentation, die jedem geschichtlich - insbesondere NS-geschichtlich - Interessierten weiterempfohlen werden kann. Dass man sich diese Bilder mit einer gewissen moralischen Abscheu anschaut, kann man dabei natürlich niemandem verdenken.