16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das Böse in Hitler war er selbst., 17. Dezember 2001
Rezension bezieht sich auf: Die Hitler- Debatte. / Explaining Hitler. Auf der Suche nach dem Ursprung des Bösen (Gebundene Ausgabe)
Ein erstaunliches Buch! Interessant vom Thema her, vielschichtig in der Darstellung, erschöpfend im Thema, Hitler zu erklären. War er böse? Rosenbaum kommt, nach vielen Abwägungen, zum einfachen Schluss: „Wenn nicht Hitler, wer dann?" Mit diesen Worten des Historikers Alan Bullock schliesst er sich dessen Meinung grösstenteils an.
Zehn Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, schreibt er, das Schöne daran aber ist, dass er den Leser in die Fragestellung von Anfang an hineinzieht und ihn seine Entdeckungen, die er während dieser 10 Jahre macht, schrittweise lesend mitentdecken lässt. Das ist, für ein Sachbuch, eine aussergewöhnliche, schriftstellerische Leistung! Es stockt einem der Atem, wenn Rosenbaum auf Neues draufkommt, und jeder, der mit der „dunklen Materie Hitler" nur einigermassen vertraut ist, wird sich auch dem Schluss, den er zieht, kaum verweigern können.
Ich greife von dem vielen Neuen, das ich durch ihn erfahren habe, nur drei Dinge heraus:
1. Der verzweifelt Kampf der „Münchener Post", vor allem des Journalisten Fritz Gerlich, in den Zwanziger- und beginnenden Dreissigerjahren, gegen den kommenden Diktator Hitler. Diese Zeitung hat Hitlers verbrecherische Grundhaltung bereits sehr früh erkannt und richtig „erklärt" - „die Welt hat sie nicht gehört", stellt Rosenbaum bedauernd fest. Er hat die zerbröselnden Jahrgänge der Zeitung gelesen und auf Mikrofilm festhalten lassen. Sie sind ein beredtes Zeugnis des mutigen Widerstands zu einer Zeit, in der der Weltverbrecher noch hätte verhindert werden können. Die letzte Ausgabe der Zeitung (1933) mit einer grossen „Enthüllung" über Hitler (wahrscheinlich über Geli Raubals angeblichen Selbstmord) wird von der SA aus den bereits laufenden Druckmaschinen gerissen, Gerlich ins KZ Dachau verschleppt und in der „Nacht der langen Messer", 1934, umgebracht; er stand auf der Todesliste.
2. Alle linearen Versuche, Hitler kausal zu „erklären", sind fehlgeschlagen. Es gibt keine „Ursache" für das Böse in Hitler: weder der anscheinend fehlende Hoden, noch seine wahrscheinliche Homosexualität oder die jahrhundertealte Inzucht seiner Vorfahren rund um Döllersheim, noch, schliesslich, das „halbe oder viertel jüdische Blut" in ihm - schon die alten Worte zu verwenden tut heute weh -; jenes jüdische Blut, das ihm oft schon zu Lebzeiten nachgesagt wurde und an das er womöglich selbst glaubte - dies alles erklärt nicht das Böse. Auch Hitlers prügelnder Vater (Alice Miller) die Weltwirtschaftskrise oder die Arbeitslosigkeit sind zu wenig. Warum? Weil alle diese Erklärungsansätze dazu neigen, Hitler zu „exkulpieren", wie Rosenbaum sagt, die Schuld für seine Verbrechen von ihm weg auf etwas Entferntes, Abstraktes zu verlegen. Das nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann.
3. Am Ende seiner langen Recherche schliesst sich Rosenbaum einer (heute!) selten gehörten Meinung an: Hitler selber war's! Er gab den Auftrag, die Juden umbringen zu lassen. Und alle Indizien deuten darauf hin, dass er den „Zweiten Weltkrieg" nur deswegen vom Zaun gebrochen hat! Um sich seinen Lebenstraum: die Vernichtung aller Juden, zu erfüllen. - Wie Rosenbaum zu dieser Erkenntnis kommt, die zuallererst von Lucy Dawidowicz 1975 vorgetragen wurde, sei hier im Detail nicht verraten, so atemberaubend, so spannnd ist es. Und die Beweisführung hat mit etwas zu tun, was gut dokumentiert ist: in vier Reden vor dem deutschen Reichstag kommt Hitler auf das Gelächter der Juden zu sprechen, das er ihnen unterschiebt, während er ihnen zuerst (1939) die Vernichtung androht, dann (1941) dabei ist, sie zu organisieren, und es ihm schliesslich (1942) gelingt, sie durchzuführen. Originalton: „Die Juden haben einst auch in Deutschland über meine Prophezeihungen gelacht. Ich weiss nicht, ob sie heute noch lachen, ob ihnen das Lachen bereits vergangen ist."
Einzige kritische Anmerkung zu diesem Buch: auch wenn Rosenbaum an keiner Stelle die Frage aufwirft: ist es denn überhaupt möglich, einen Menschen, wer immer es sein mag, zu „erklären"? Ist es überhaupt möglich, das lebendige Individuum aus Fleisch und Blut in Theorie, Sprache, kurz: ein Abstraktum zu verwandeln? Eine Möglichkeit, denke ich, die eher die Dichtung als die Geschichtsschreibung hat; die eher die Literatur als die Historie umsetzen kann. Allerdings hat bis heute noch kein Dichter das Böse in Hitler zu beschreiben, in Sprache umzuwandeln vermocht.
Auch wenn Ron Rosenbaum diese - wie mir scheint, erkenntnistheoretische - Frage nicht stellt, so ist es doch sein Verdienst, alle bisherigen Hitler-Erklärungen überprüft und zu einem einleuchtenden Ergebnis zusammengetragen zu haben: Das Böse in Hitler war er selbst und die Macht, mit der er seine Bosheit den Menschen aufzwingen, sie dazu verführen konnte. Ihr Jubel galt einem „Erlöser", nicht einem „Vernichter" - kaum etwas beschreibt die Täuschung besser, die Hitler gelingt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein