Produkt: DVD-s (2) / Qualität TOP
Zwei Filme auf zwei Disks
Disk 1: Die Vögel
Disk 2: Marnie
Disk 1: Deutscher Titel: Die Vögel. Originaltitel: The Birds. Produktionsland: USA. Premiere: 1963
Mit: Tippi Hedren, Rod Taylor, Jessica Tandy, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw u. A. Regie: Alfred Hitchcock
Literarische Vorlage: lose nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Daphne du Maurier aus dem Jahre 1952. Kamera: Edward Burks
Visualeffekte: Ub Iwerks (oscar-nominiert)
Spezialeffekte: Lawrence A. Hampton
Hintergrundbildeffekte: Albert Whitlock
Bild: gut / Farbe / Technicolor / 4:3. Sprache: englisch. Synchronisation: nur deutsch. Untertitel: deutsch, englisch, niederländisch, dänisch, schwedisch, norwegisch und finnisch. Filmlänge: 115 Minuten (Originallänge)
Genre: Horrorfilm > Horrorthriller > Horrorschocker > Horrorstudie > Apokalyptischer Thriller > Psychologische Gesellschaftsstudie > Gesellschaftskritische Allegorie > Fantasyfilm
Auszeichnungen: Golden Globe für Tippi Hedren als beste Nachwuchsdarstellerin (zusammen mit Ursula Andress und Elke Sommer)
Nominierungen: Oscarnominierung für visuelle Effekte
Specials: a. ) 80 Minuten sehr gute, ausführliche Produktionsdoku mit Fotos, Szenen, Infos und Interviews (Tippi Hedren, Rod Taylor, Veronica Cartwright u. A.), in englischer Sprache mit deutschen u. a. UT; b.) Infos, Fotos, Trailer u. a.
Der Regisseur zeichnet von Anbeginn zielgerichtet die Profile der Hauptpersonen auf eine äußerst ungewöhnliche Weise. Der aufgetackelten Tippi Hedren wird auf der Straße nachgepfiffen, sie dreht sich um und lächelt strahlend. Welche normale Frau wird sich umdrehen und nachpfeifenden Männern zulächeln? Wenn man diese Symbolik aufmerksam verfolgt, so erkennt man in der Darstellung der Protagonisten äußerst unsympathische Eigenschaften. Auf den ersten Blick jedoch sind es eigentlich sympathische Gesten und Verhaltensweisen. Hinter der Fassade jedoch scheint sich die totale menschliche Dekadenz zu verbergen. Was Hitchcock vorsätzlich präsentiert, ist die ultimative dekadente, menschliche Oberflächlichkeit und Entartung.
Innerhalb der ersten Minuten im Film wird sie schonungslos - jedoch in einer ästhetischen Tarnung - aufgereiht. Darin wiederum spiegelt sich eine geniale Dialektik ab, welche in der Tat einzigartig ist: innerhalb des Tiergeschäftes (es gibt auch Äffchen in den Käfigen und nicht nur Vögel) spielt sich eine treffende Gesellschaftsanalyse ab, die darauf hinzielt, zu zeigen, wie menschlich entartet und moralisch verkommen der Mensch schlechthin ist.
Erstens zeigt Hitchcock unmißverständlich klar, dass ein Raum mit in Käfigen gepferchten Vögeln grauslich ist. Das Dialektische nun besteht darin, dass diese Grauslichkeit und Grausamkeit gleichsam als gediegene Lebenskultur in Erscheinung tritt. Weiters verkörpern die Menschen sich selbst entfremdete Wesen, welche die Kompensation ihrer eigenen Entfremdung suchen in der institutionalisierten Vermenschlichung der Tiere. Das Tier soll ersetzen, was der Mensch verspielt hat.
Tippi Hedren zeigt unmißverständlich, dass sie ein Tier bestellt hat, das sprechen kann, soll, muß. Rod Taylor aber sucht ein Vogelpaar, welches den charakterlichen Eigenschaften seiner 11-jährigen Schwester charakterlich nahtlos zu entsprechen hat. Eine radikalere Vereinnahmung eines Du und gleichzeitige Selbstdegradierung eines Ich ist kaum möglich. Schon in diesen leidlich idiotisch überdrehten Ansprüchen wird offenbart, dass die Tiere nicht Tiere sein sollen, sondern umgeartet werden zu dem, was dem Menschen genehm sein solle nach seinen unbewältigten Komplexen und unbehebbaren Mängeln. Wenn Tippi Hedren die Verkäuferin wie beiläufig fragt, was die vielen Möven am Himmel sollen, so deutet sie in dieser Frage an, den Grund für dieses Phänomen weit weg von ihrer eigenen Identität zu orten, dort, wo die scheinbar kundige Ornithologin es besser zu wissen hat. Die Verkäuferin kann aber auch nicht mehr sagen, als es die Naturwissenschaft bis dahin gewusst hat. Dass es bei dem sich vorankündigenden Phänomen des Vogelauflaufs um ein besonderes handelt, welches eine radikale Reaktion auf die gestörte menschliche Befindlichkeit darstellt, ist die Pointe der Geschichte. Diese absolute menschliche Gestörtheit wird im Dialog zwischen Rod Taylor und Tippi Hedren anfangs grandios offenbart in deren bissigem, gehässigem und feindgesinntem Dialog. Darin ist verkörpert der menschliche Abgrund, welcher herrscht zwischen Mensch und Mensch, Frau und Mann, Objekt und Subjekt.
Wer das im Film nicht von Anbeginn erkennt, der hat vom Film nichts verstanden.
Dabei ist der mit Käfigen - und Vögeln darin - überfüllte Raum aufgrund des permanenten Getzwitschers akustisch und konkret kaum zu ertragen. Und gerade hier finden sich die modernen Sapiens ein, um vermeintliche Lebensqualität zu realisieren. Darauf muß ja das blanke Grauen folgen. Wenn dann im fast ganzen Film die Vögel attackieren, durchleben die Helden eine heilsame Katharsis, mittels derer sie wieder zu Menschen erzogen werden. Nicht die Menschen vermenschlichen die Tiere, sondern die Tiere humanisieren die Menschen. Und das ist gut so. Obwohl das optische Ende des Films die reine Ungewißheit ist, so ist das Wesentliche, dass die Überlebenden wissen, wer und was sie sind - dass sie ihre menschliche Bestimmung wiedererlangt haben, wenn auch wie durch ein Feuer hindurch. Die erste heilsame Attacke seitens einer Möve erreicht Tippi in dem Moment, als sie sich in stolzer Pose amüsiert über das Spiel der Liebe, welches sie absichtlich mit Rod inszeniert. Aus dem Spiel wird augenblicklich Ernst - die gespielte Liebe weicht dem Beginn von dem, was echte Liebe werden kann. Offensichtlich nur über Schmerzen, wenn der Mensch vergessen hat, für jeden Moment seines Lebens dankbar zu sein.
Ein stilistisch vollendeter Film, konsequent in seinen Bildern, erschütternd in seiner Analyse; das äußere Grauen als Spiegelbild der inneren Zwänge und Unfreiheiten des Menschen.
Die Tricktechniken, visuellen Effekte, Fotosimulationen der Vögelangriffe, Landschaften und Szenen sind meisterlich und versprühen ein einzigartiges Flair.
Ein beklemmender Film, sowohl in den aggressiven Vogelattacken, wie depressiven Beziehungen.
Disk 2: Filmtitel: Marnie. Produktionsland: USA. Premiere: 1964
Mit: Tippi Hedren, Sean Connery, Diane Baker, Martin Gabel, Louise Latham, Mariette Hartley, Bruce Dern u. A. Regie: Alfred Hitchcock. Musik: Bernard Herrmann
Bild: gut / Farbe / Technicolor / 4:3. Sprache: englisch. Synchronisation: deutsch, italienisch und französisch. Untertitel: deutsch, englisch, italienisch und französisch. Filmlänge: 124 Minuten (Originallänge). Genre: Thriller
Specials: a.) 58 Minuten ausführliche Produktionsdoku mit Infos, Szenen und Interviews (Tippi Hedren, Louise Latham, Diane Baker u. A.) in englischer Sprache mit deutschen u.a. UT; b. Trailer
Feine dramatische Orchestrierung von Bernard Herrmann.
Marnie ist ein zwanghaft bemühtes Psychodrama um ein verdrängtes Trauma, welches aufgrund seiner freudschen Ausrichtung geradezu fade ist. Die schöne krankhafte Kleptomanin stiehlt, weil sie nur auf diese Weise unbewußt das verdrängte Trauma zu ertragen vermag. Diese psychische Störung schreit nach Heilung, welche aufgrund der finalen Auflösung eintritt. Der Aufbau auf diese Erlösung hin nervt jedoch, weil er Klischees psychischer Effekte bemüht, welche nach allzu abgedroschenen, gängigen Mustern ablaufen. In diesem Sinne wirkt der Film geradezu synthetisch, lächerlich und künstlich aufgesetzt, ohne die Betroffenheit des tragischen Schicksals aus der frühen Vergangenheit im Zuschauer wecken zu können. Es ist vom mündigen Zuschauer kaum zu erwarten, dass er dieser Künstlichkeit emotionales Mitgefühl leiht - allzu unnatürlich und unecht wirkt das Ganze. Das kommt vor, wenn geniale Filmemacher plötzlich im Taumel des Erfolges zu tüfteln anheben. Die Folge ist ein überdrehtes und überzogenes Schauspiel und kein organischer Film aus Fleisch und Blut.
Für diesen Film: zwei Sterne