Wer interessante Filme dreht, muss auch ein interessantes Leben geführt haben? Interessant für andere, meine ich jetzt. Und mit "interessant" meine ich nicht "gespickt mit Anekdoten über eine monströse Persönlichkeit, die durchs WWW (= wunder weiß was) wabern. Also, wie ist das mit dem vielleicht interessanten Leben eines unbestritten genialen Regisseurs?
Und dann stellt sich freilich noch eine Frage: Warum eigentlich sollte man sich für Alfred Hitchcock als Menschen interessieren? Wirkte er durch seine Persönlichkeit, wie man das z.B. von Albert Schweitzer oder Bertha von Suttner weiß? Verlief sein Leben dermaßen spektakulär, dass sich die Biographie spannend liest, wie z.B. die von Charlie Chaplin? Oder löckte er wider den Stachel seiner Zeit, wenigstens ab und zu? Wird dermaßen viel Dummes und Widersprüchliches verbreitet, dass eine Richtigstellung endlich mal fällig wäre? Oder verlief jemandes Leben wenigstens derart außerordentlich paradigmatisch für eine Generation, dass sie nachgerade dem Lehrbuch zu entstammen scheint und sich für didaktische Zwecke eignet?
Kann man eigentlich alles nicht über Hitchcock behaupten. Wichtig ist er vor allem wegen seiner nun wirklich zu Recht berühmten Filme, und über die gibt es hinreichend zu lesen.
Vor allem gibt es François Truffauts legendäres Interview-Buch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?", in dem Hitchcock mit einem klugen Kollegen über seine Arbeit aus dem Nähkästchen plaudert.
Zudem weist Bernhard Jendricke gleich auf den ersten Seiten auf das größte Problem hin, das sich ihm beim Verfassen dieser Biographie stellte: So genial seine Filme waren, so geizig war Hitchcock mit Informationen über sein Privatleben. Sogar die Quellen, die sich ein Biograph als erstes vornimmt, nämlich Briefe und, soweit vorhanden, Tagebücher, scheint's kaum zu geben. Die Erinnerungen von Familienangehörigen oder prominenten und unprominenten sonstigen Nahestehenden wiederum sind erfahrungsgemäß mit genauso viel Vorsicht zu genießen wie die autobiographische Nachlassenschaft. Freilich steht Jendricke hier dem spärlichen Material mit dem nötigen Abstand gegenüber; manchmal vielleicht zu kritisch, aber das ist allemal genießbarer als gezuckerte Lobhudelei. Und dem beliebten groben Unfug, aus dem Werk des Künstlers auf dessen Persönlichkeit zu schließen, entzieht sich Jendricke zum Glück. Wer also mehr z.B. darüber erfahren will, was die berühmten "Hitchcock-Blondinen" über des Regisseurs frühkindliche Neurosen aussagen, sollte Jendrickes Monographie meiden. Wer sich aber für den Regisseur Hitchcock nach den Möglichkeiten einer schnell und ziemlich flüssig zu lesenden Biographie interessiert, ist hier richtig.
Aus der für Biographen nicht gerade entgegenkommenden Ausgangsposition macht Jendricke nämlich das denkbar Beste: Er hält sich nicht lange auf mit halbseidenen Informationen, die man besser der einschlägigen zeitgenössischen Regenbogenpresse entnimmt, sondern hält sich ans Greifbare, also vor allem an die Fakten über Hitchcocks Filme, von den Anfängen im britischen Stummfilm bis zur Begräbnisfeier in Beverly Hills. Insofern müsste der Buchtitel eher lauten "Alfred Hitchcock als Regisseur". Im Zweifelsfall fokussiert diese Biographie Hitchcocks cineastische Entwicklung, lässt nachvollziehen, wie und wieso ein gewisser Mister Alfred Hitchcock zum Markenartikel Hitchcock wurde. Nicht nur Gelegenheits-Kinogänger und Fernsehgucker erfahren in dieser Biographie viel Neues darüber, wie Hitchcock seine Effekte erreichte; wie er mit dem Unter- bzw. Unbewussten der Zuschauer spielte; nach welchen Kriterien er seine Hauptdarsteller auswählte; wie er sich den jeweils neusten Stand der Technik dienstbar machte... Vor allem durch Letzteres dürfte Hitchcock sich von seinen vielen Epigonen unterscheiden: Er war nicht Sklave der Technik, sondern ihr Herr. Gut, dass Jendricke ausführlich und immer wieder eingeht auf Hitchcocks Kamera-Arbeit und sein damit verbundenes Spiel mit der Perspektive.
Dass Jendricke manchmal etwas hochnäsig wirkt, wenn er mit der Würde des Intellektuellen auf Hitchcocks große Erfolge (Erfolgreiche Kunst -- pfui aber auch!) etwas herunterschaut, sei ihm verziehen; denken können die Leser schließlich selber.
Jendrickes Hitchcock-Biographie ist gut gelungen, weil sie sich aufs Wesentliche beschränkt -- und das ist schwieriger als uferloses Schwadronieren. Auch liest diese Biographie sich ganz gut, wenn auch vielleicht manchmal etwas steifleinen, und obendrein ist Jendrickes Sachkenntnis aller Ehren wert.
Ebenso sprechen die Standards der "rororo-Monographien" für das Buch: Viele Fotos natürlich, halb- und ganzseitig, darunter nicht nur die üblichen Verdächtigen. Vor allem aber entspricht der Anhang hohen Ansprüchen: umfassender biographischer Abriss ("Zeittafel"), knapp ein Dutzend Zeugnisse vor allem anderer Regisseure und Filmwissenschaftler, eine ausführliche, thematisch gegliederte Bibliographie, und natürlich die komplette Filmographie mit Original- und deutschen Verleihtiteln und Angaben zu Kamera, Drehbuch und wichtigsten Schauspielern (ohne Angaben über wichtige Preisträger; hätte wohl den Rahmen gesprengt...).
Auch wenn mir persönlich François Truffauts Hitchcock-Buch wegen seiner Lebhaftigkeit lieber ist: Bernhard Jendrickes Hitchcock-Biographie besticht durch viel durchdacht und systematisch präsentierte Information auf relativ wenig Raum.