Wenn man "History From Below" mit 3 Worten beschreiben wollte, würde es auf "uramerikanisch im positivsten Sinne" hinauslaufen. Ok, das sind mehr als 3 Worte ;)
Delta Spirit heißen die Jungs aus dem sonnigen San Diego, und genauso klingt ihr zweites Album auch: nach Sonne und Amerika.
Die ersten beiden Songs lassen noch vermuten, hier ginge es um ausschließlich um Westcoast-Rock, doch das folgende "Salt In The Wound" schlägt eine neue Richtung ein, indem es den Hörer mit einer Wanne voll selbstmitleidiger Weinseligkeit überschüttet:
Chains - are they really there? / Is this just in my head? / Well I'll just stay in bed
Aber noch bevor man sich vor leuter Frust die Decke über den Kopf ziehen kann, holt "White Table" einen wieder auf die Beine. Das erste Highlight des Albums, und ein Suchtfaktor ohnegleichen. Der Song hangelt sich so dermaßen an einem gradezu hypnotisierenden Rhythmus durch Höhen und Tiefen hindurch, dass es eine wahre Freude ist. Bmerkenswert auch, dass hierbei 2 Schlagzeuge zeitgleich eingesetzt werden, ein Drummer allein würde den Effekt nicht erreichen.
Als nächstes sticht "Devil Knows You're Dead" hervor - der vielleicht radiotauglichste Song des Albums: herrlich melodiös, nur das leicht aufmüpfige Schlagzeug sorgt dafür, dass es nicht zu brav wird. Und mit "Golden State" folgt sogleich das nächste Highlight und ein echtes Upbeat-Bonbon: gradlinig aber nicht banal, schnell aber nicht gehetzt, mit einem mitreißenden Gute-Laune-Faktor.
Aber den ganz großen Wurf heben Delta Spirit sich für den Schluss auf und zeigen, dass sie - anders als viele ihrer Landsleute - über die Grenzen ihrer Heimat hinaus schauen. Das harmlos beginnende "Ballad Of Vitaly" versteckt seinen verstörenden Inhalt zunächst hinter Kneipenatmosphäre aus akustischer Gitarre und leicht geknödeltem Blues, aber schon nach ein paar Takten beginnt sich ganz still und heimlich ein bedrohlicher Unterton in die unschuldige Ballade einzuschleichen. Und spätestens wenn in der Mitte des Songs völlig unerwartet das ganze Spektrum an Instrumenten mit voller Wucht loslegt, weiß man, hier geht es wohl doch nicht um einen Sonnenuntergang über der Prärie. Delta Spirit haben sich als Thema für den Schlusssong tatsächlich das menschliche Drama ausgesucht, welches sich im Jahr 2002 in der Nähe des Bodensees abspielte und welchem bei einem der schwersten Flugzeugunglücke der letzten Jahre 71 Menschen zum Opfer fielen. Knapp 2 Jahre später folgte ein weiteres Opfer, nämlich der an dem Unglücksabend zuständige Fluglotse, der von eben jenem besungenen Vitaly in einem Akt der Rache regelrecht hingerichtet wurde. Von jener Bluttat handelt der Song, von dem unsagbaren Schmerz über den Verlust derer, die er liebte, und der anschließenden Erkenntnis, dass auch Rache keine Wunden heilt.
Now that damn Swissman crashed them into a plane / I will find where he lives / Speak to his face with the blood in my eyes / He will see my pain
Tragische Geschichte in einen überragenden Song verpackt - Respekt!!
Alles in allem ein Album, welches nach dem dritten Durchlauf einen Dauerplatz in meinem Player ergattert hatte und auch nach weiteren 20 Durchläufen noch keinerlei Abnutzung zeigt. Nicht zuletzt ist das der Stimme des charismatischen Sängers Matthew Vasquez zu verdanken, welcher optisch zum Glück nicht annähernd so viel Trinkerfahrung ausstrahlt, wie die Stimme es vermuten lässt.