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Wenn sie Jekyll & Hyde gelesen haben -- und ich empfehle Ihnen dringend, es zu lesen -- dürfen sie anschließend beruhigt ganze Regalmeter kluger Untersuchungen von Fachhistorikern ungelesen lassen: Ein Zeitzeuge hatte vermocht -- während die Dinge noch geschahen -- zum Kern des Phänomens Hitlerdeutschland vorzudringen.
Das hier zu besprechende Bändchen Historische Variationen erschien zuerst 1985 (die Texte entstanden zwischen 1966 und 1983): Nachrichten aus der guten alten Zeit der Bundesrepublik. Über allem liegt eine Patina. Aber sie entwertet die Stücke keineswegs, im Gegenteil. Sie verschafft eine weitere Ebene der Erkenntnis, steigert die Leselust. Wir werden damit konfrontiert, wie fest wir seinerzeit im Glauben standen. Im Glauben nämlich, die Teilung der Welt in Ost und West würde von Dauer sein.
Bürgerliche Überlegungen ist ein Abschnitt sehr schön überschrieben (zu Lebensstandard oder Zukunft), dann Historisches, Politisches und Biografische Skizzen: Wussten sie zum Beispiel, dass Churchill den Literaturnobelpreis bekommen hat? Für ein immenses (nach Umfang wie Qualität) literarisches Werk? Geschrieben nebenbei. Solche Dinge erfahren Leser bei Haffner. Und eben nicht als Kuriosa ausgebreitet, sondern als sprechendes Detail jener knappen Panoramen, zu denen er seine Porträts werden zu lassen verstand. Scheinbar mit leichter Hand hingetupft, aber von Gewicht. Gibt's nicht oft bei uns. Lesen! --Michael Winteroll
Die Psychologie des Skeptikers
Sebastian Haffners Essays «Historische Variationen»
Als Historiker und als Analytiker der Zeitgeschichte war Sebastian Haffner ein Meister der Akzente. Ohne Mühe verstand er es, einem Thema die nötigen Erhebungen, einem Stoff die sinnvollen Kompressionen zu setzen das «nur» Wissenschaftliche schreckte ihn ab, besonders dann, wenn er an den Leser dachte. Als Essayist ging Haffner da und dort noch ein wenig weiter: Wie ein Schriftsteller wollte er Innenspannung erzeugen und damit im weiteren Sinn das Lebendige greifen, das der Geschichte innewohnt, wenn sie ein Verständiger bearbeitet. Den Vorwurf der Subjektivität parierte er mit reicher Bildung, gegen Gelehrsamkeit hatte er nichts einzuwenden. Anderseits war für Haffner unbestritten, dass jede Perspektive auf Vergangenes ein Element von Partei-, jedenfalls von Anteilnahme enthält: Zum mindesten spricht die eigene Zeit mit.
Schon der vor kurzem aus dem Nachlass publizierte Text «Geschichte eines Deutschen. Erinnerungen 19141933» zeigte vor, wie der junge Haffner einen epochalen Einschnitt erlebte und gestaltete mit dem scharfen Blick des Betroffenen für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen; also für Ereignisse, Entwicklungen und plötzliche Schübe, die sich nicht der Erwartung gemäss zusammenfügten und gleichwohl höchst gefährlich ineinander schmiegten. Damals begriff der angehende Jurist den Handlungscharakter der Geschichte. Viel später, als Haffner den Untergang und den Wiederaufbau Europas aus einiger Distanz überschaute, gab es an dieser Optik nichts mehr zu ändern.
Für den liberalen Geist, der Strukturen bedenkt, Motive erforscht, Gründe überprüft und (Vor-)Urteile wägt, ist Geschichte ein manchmal amüsables, häufiger zu fürchtendes Zusammenspiel von Sinn und Widersinn. Sie gehorcht keinem festen Gesetz, und ihre Agenten sind nicht die Vollstrecker der Weltvernunft. Umgekehrt und besonders für ein deutsches Gewissen im 20. Jahrhundert kann die historische Erfahrung auch lehren: etwas wie Moral; dass verantwortliches Handeln sehr wohl zum prekären Glück einer Zeit beizutragen vermöchte. Oder anders, manche Katastrophen, wie übel immer die Vorzeichen standen, wären vermeidbar gewesen, wenn die Beteiligten mehr Sachverstand aufgebracht hätten.
Unter dem Titel «Historische Variationen» sind Essays, Porträts und Glossen erschienen, die Haffner zwischen 1966 und 1983 für das Radio und für Zeitschriften verfasste. Wollte man diesen «Veränderungen» ein durchlaufendes Thema unterlegen, so fände es sich tatsächlich im Nachdenken über Glück und Unglück in der Geschichte. Davon, es stimmt, war Haffner dauerhaft fasziniert, in der Nachfolge Jacob Burckhardts und als verschwiegener Bewunderer von Schopenhauer. Ob der Historiker nun von Preussen handelt, ob er Bismarcks Reichsgründung memoriert, ob er in einem breiten Tableau der Pariser Kommune gedenkt oder die unheilvollen Schritte von Versailles über Weimar zu Hitlers Machtergreifung zusammenfasst: Den Ereignissen wohnt etwas Verhängnisvolles inne eine Art von Triebnatur des Wollens und Müssens, wogegen die Besonnenheit letztlich machtlos war.
Das ist keine aufregend neue Erkenntnis, und niemand zuletzt Haffner würde behaupten wollen, dass hier eine «andere», methodisch überraschende Geschichte geschrieben worden wäre. Das Bedeutende liegt eher daran, wie erzählt wird, wie der Erzähler gewichtet und schattiert und wie er gegen eine starr positivistische Historiographie die Instrumente der Psychologie unaufdringlich zu führen versteht. Es wird dann vieles sichtbar als Bewegung; als eine Form von Prozessen, in deren Verlauf die Ausgangslage teils schneller, teils langsamer zurückweicht oder verschwindet, bis alles verspielt und zerschlagen scheint. Als Bismarck seine Heere gegen Frankreich schickte, ging es ihm zunächst darum, die militärische Potenz auf dem Kontinent zu definieren, an die nationale Einigung dachte er nicht vorrangig. Sogar zögerte er vor dem politischen Akt; er glaubte Probleme mit Süddeutschland sowie mit dem bürgerlichen Liberalismus vorauszusehen. Erst die breite Begeisterung über den Sieg bei Sedan trieb ihn weiter, eine europäische Grossmacht zu schaffen: die das alte Preussen aufsog und ihren Gegnern fortan zur dauernden Bedrohung wurde.
Mindestens denn wäre von einer Ambivalenz des Gelingens zu sprechen, die schliesslich auch dem entlassenen Kanzler nicht mehr verborgen blieb. Und dass in der Folge in Frankreich eine Republik heranwuchs, die aus der Niederlage heraus eine mächtige Zentralgewalt entwickelte, konnte ihm nicht wirklich recht sein. Haffners grosser und bewegender Essay über die Pariser Kommune vom Frühling 1871 liest sich darauf wie ein weiterer und härterer Beleg für jene Windungen und Krümmungen, mit denen die Geschichte dramatisch aufwartet.
Bereits Tocqueville, gewiss kein Anwalt radikaler Neuerungen, hatte gute Argumente gegen die bloss formale Demokratie zentralistischen Zuschnitts und für die kommunale Selbstverwaltung mit dem entsprechenden Bewusstsein von Verantwortung und Freiheit vorgelegt. Doch gerade davon nahm Adolphe Thiers schärfsten Abstand: als er zuerst mit politischer List, dann mit militärischer Gewalt und zuletzt mit den Tribunalen der Justiz die Erhebung der Kommune bekämpfte. Waren die Revolutionäre hinter den Barrikaden von Montmartre aber «Kommunisten»? Nicht doch. Was ihnen vorschwebte, lag im Horizont einer Bundesrepublik Frankreich mit freien Städten und Gemeinden, näherhin in der Autonomie eines Gemeinderats für die Stadt Paris.
Sie scheiterten. Einerseits hatten sie den Widerstand des konservativen Bürgertums unterschätzt, anderseits war es ihnen nicht gelungen, ihren Zielen eine politisch-militärische Deckung zu geben. Ihr Pathos glitt an den Realitäten ab, ihr Stolz und ihre Rhetorik endeten im Anachronismus symbolischer Handlungen. Dieser scheinbar kurze Bürgerkrieg schlug der Nation tiefe Wunden, und natürlich trug er noch mehr dazu bei, die Schulden nach aussen zu verlagern. Der deutsche Erzrivale bekam es zu spüren, als nach der Niederlage von 1918 die Verträge von Versailles ausgehandelt wurden die nun ihrerseits dazu angetan waren, alte Ressentiments zu schüren.
Solche Scharnierstellen des geschichtlichen Verlaufs bieten Haffner die Gelegenheit zu farbigen Schilderungen dessen, was eine strukturale Historiographie wohl eher vermiede. Wenn Haffner von Gambetta und Thiers, von Moltke und Bismarck, von Hindenburg und Brüning oder von Papen und Hitler berichtet, wird schnell deutlich, dass ihm an der Bedeutung der Akteure viel gelegen ist. Hier erweist sich die Begabung des Psychologen für das Besondere und Singuläre, für Kräfte, die überraschend in die grossen Zusammenhänge eingreifen und sie manchmal bis zur Unkenntlichkeit verändern. Was wäre geschehen, wenn . . .? Die legitime Frage des Historikers nach den nicht realisierten Möglichkeiten hat ihr Gegenstück in der Vermutung, dass etwas bloss geschehen konnte, weil es ein Zufall so fügte.
War die Republik von Weimar zum Untergang verdammt? Wohl nicht obgleich die Voraussetzungen ihrer Existenz wenig Vertrauen weckten. Die wirtschaftliche Ausgangssituation, das gestauchte Nationalbewusstsein, der Unwillen der Siegermächte, schliesslich die problematische Reichsverfassung alles konnte Grund zur Sorge sein. Allerdings hatte, zum Glück, Gustav Stresemann aus dem Vorgegebenen und für einige Zeit das Bestmögliche herausgelöst: bis dann Männer kamen, die entweder fahrlässig oder mutwillig die Auflösung des Staates betrieben.
Man folgt Haffner gern, wo er porträtiert wo er eine Anatomie der Täter und Übeltäter liefert, die kräftig dafür besorgt waren, der ersten deutschen Republik den Garaus zu machen. Hitler war das denkbar schlimmste Verhängnis, doch erst die Kommunisten auf der einen, Leute wie Brüning, Schleicher und Papen auf der anderen Seite präparierten dem Verführer die Plattform zur Macht. Dass die Geschichte, zumal in Phasen vielgestaltiger Unruhen, von Einzelnen «gemacht» werden kann: dafür und für das Elend, das aus der Verachtung der Verantwortung entsteht böte «Weimar» Belege in Fülle.
Sebastian Haffner, seine originellen Essays rufen es in Erinnerung, war dem Temperament nach eher ein Melancholiker. An das Gute im Menschen wollte er glauben, mit dem Schlechten rechnete und rechtete er. So stellt dieser Band auch einen Spiegel der Ambivalenzen ein Vortrag von 1966 spricht nicht ohne Zuversicht vom gelingenden Verhältnis zwischen Politik und Vernunft, während eine kulturkritische Glosse aus demselben Jahr «unseren sinkenden Lebensstandard» beklagt: Vor 1914 sei die Briefpost täglich elfmal ausgetragen worden.
Bis in die Mitte der achtziger Jahre konnte sich Haffner auch die deutsche Wiedervereinigung nicht wirklich vorstellen. Das will ihm wahrhaftig niemand zum Vorwurf machen. Aber vielleicht verbarg sich in solcher Utopieabstinenz noch etwas anderes irgendwie hatte sich der fleissige Publizist in einem Status von «Nachgeschichte» eingerichtet, und erst das Gefühl, in einem auf Dauer gelegten Provisorium zu leben und zu wirken, gab ihm die Chance, über die Geschichte so zu reflektieren, wie sie dann als historische Nähe begreifbar wird.
Martin Meyer
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Viele seiner Schlussfolgerungen klingen einleuchtend, aber sie werfen auch viele Fragen auf. Aber gerade dass wollte Haffner damit erreichen. Man soll nicht alles was einem vorgegeben wird gleich als die unumstößliche Wahrheit nehmen, sondern immer wieder hinterfragen. Auch die gängige Geschichtsschreibung kann momentan Unwahrheiten beinhalten. Deswegen stellt Haffner immer wieder Thesen in den Raum, die konträr zu geläufigen Ansichten und Meinungen stehen.
Vor allem stellt Haffner auch immer wieder die Frage, was wäre geschehen wenn in der Geschichte dieses oder jenes anders gelaufen wäre? So in seiner biographischen Skizze über Churchill. Hätte eine britische Regierung ohne Churchill 1940 den Friedensbedingingen Hitlers nachgegeben? Hätten wir dann heute ein Europa, welches von einem NS-Deutschland beherrscht wird? Eine grauenhafte Vorstellung aber solche Gedankengänge müssen erfolgen, wenn man sich der Bedeutung von Churchill in der Geschichte des 20. Jahrhunderts bewusst werden will.
In den politischen Betrachtungen macht Haffner den Leser auf die wesentlichen Unterschiede der Weimarer und der Bonner Verfassung aufmerksam und welches die Fehler der Weimarer Verfassung waren.
Aber ich will jetzt nicht allzuviel vorweggreifen, sondern empfehle jedem, den Geschichte interessiert, sich dieses Buch anzuschaffen. Wie alle Werke Haffners, so ist auch dieses ungemein spannend geschrieben. Denn Geschichte muss nicht immer trocken sein, wie sämtliche Bücher Haffners beweisen.
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