Nolte: Historische Existenz
Bei diesem Titel gerät man natürlich ins Grübeln und fragt sich: Was meint "Historische Existenz"? Zunächst: Es ist keine klassische Weltgeschichte, das heißt, es handelt sich nicht um ein überwiegend erzählerisches Werk. Sodann: Es ist auch keine Geschichtsphilosophie, d.h. es entwickelt keine Aussagen über das wünschenswerte Drehbuch der Weltgeschichte. Schließlich: "Historische Existenz" ist aber auch nicht zu verwechseln mit morphologischen Geschichtsdeutungen ala Spengler oder Toynbee. Was, also zum Teufel, ist "historische Existenz?"
Nach der Lektüre von knapp 700 Seiten weiß ich die Antwort. Unter "Historischer Existenz" versteht Nolte den "geschichtlichen" Zeitraum der Menschheit, d.h. jene Spanne vom Durchbruch der neolithischen Revolution und den ersten Hochkulturen bis heute, eine anthropologische Transformationsepoche, die die "geschichtslose" Vorgeschichte ablöst und die nun, in unserer eigenen Gegenwart, möglicherweise endet und in eine endlose "Nachgeschichte" übergeht. Aha, denkt der Leser, ich befinde mich als an einer weltgeschichtlichen Schnittstelle von allerhöchster Bedeutung - was also sind die Triebkräfte dieser historischen Existenz, die nun offenbar langsam ermattet? Die Triebkräfte dieser gut 5000 Jahre währenden "Geschichte". ( Nolte nennt sie historische "Existentialien") sind in epochal je unterschiedlicher Gewichtung Religion, Herrschaft, Schichtung und Staat, Krieg und Frieden, Stadt und Land, Adel und Kunst, Sexualität und Ökonomie, Bildung, Wissenschaft, Dynamik und Fortschritt.
Das klingt anspruchsvoll und ist es auch. Urknall, Gilgamesch-Epos, Ilias, Altes Testament und Koran, Bolschewismus, Nationalsozialismus, Globalisierung und Fundamentalismus, werden so akribisch in die Darstellung verflochten, dass dem Leser Hören und Sehen vergeht. Aber es lohnt sich - und das gleich aus mehreren Gründen. Zunächst umgreift Noltes Darstellung in imponierender Weise nicht nur den Bereich des Menschlichen sondern auch der unbelebten und belebten Natur. Kapitel 5-9 des vorliegenden Buches beschäftigen sich tatsächlich mit der Geschichte des Kosmos, der Entstehung der Elemente, der Planeten, des Lebens, der Vielfalt der Tierwelt, ehe er auf Ramapithecus und Australopithecus auf das Tier- Mensch-Übergangsfeld zu sprechen kommt. Sodann werden eine Reihe von historischen Wendemarken - etwa die Entstehung der Sesshaftigkeit im Zuge der neolithischen Revolution oder die atlantische Revolution als Tor zur Moderne - auf ungemein einleuchtende Weise und unter Einbezug breiter erzählerischer Passagen dargestellt. Über das rein Narrative hinaus bieten Noltes Kategorien aber auch Hilfen zu einem vertiefteren und analytischen Verständnis historischer Kraftfelder - besonders erhellend erscheint mir in diesem Zusammenhang die Kategorie der Linken", jener Kraft, die sich seit dem Auftritt des Thersistes vor Troja (S. 224ff.) zum Anwalt der Unterdrückten macht und die als immerwährende Opposition fast den Rang eines geschichtlichen Existentials einnimmt bis sie heute am Rande der Nachgeschichte in ihren aufgefächerten Erscheinungsformen als antikapitalistische, feministische, ökologische oder antiindustrielle Linken jeden weiteren Wandel blockiert. Ungemein treffend auch die Anmerkungen Noltes zur planmäßigen Zerstörung von Geschichtsbewusstsein ( hier der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg) als einer der Voraussetzungen geschichtsloser Zeitalter.
Ob das nachgeschichtliche Zeitalter am Ende tatsächlich in jenen futuristischen Zustand ab dem Jahre 2200 übergeht, den Nolte ab S. 669ff. fabuliert, ob wir einer Welt der entindividualisierten und total verblödeten Deppen entgegensehen oder ob sich gleichwertige Weltmächte der Zukunft atomar vernichten werden, bleibt am Ende offen. Noch nicht einmal zu der Frage, wie denn das "nachgeschichtliche" Zeitalter im Hinblick auf die geschichtlichen Existentialen aussehen wird, mag sich der Autor wirklich näher auslassen. Nolte will nur zu denken geben, Möglichkeiten aufzeigen, er hat eine Summe aus dem gezogen, was es am Ende des 20. Jhdt. zu bedenken gibt. Diese Summe ist, was die vergangenen 5000 Jahre Geschichte betrifft, anregend und lesenswert, die Ausblicke auf die ganz andere "nachgeschichtliche" Welt, die uns nun erwarten soll, bleiben jedoch spekulativ und wenig überzeugend.