Das historische Buch
Forschung für den «Volkstumskampf»
Die deutsche Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus
Das Bild der deutschen Geschichtswissenschaft im «Dritten Reich» hat sich in der letzten Dekade radikal gewandelt. Noch 1989 konstatierte der Historiker Klaus Schwabe, dass es im NS-Regime weder «schlüssige Vorstellungen vom Wesen der Wissenschaft» gegeben habe noch die «Lenkung bestimmter seriöser Wissenschaftszweige» gelungen sei. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Vor drei Jahren ist eine heftige Debatte darüber entbrannt, welche Rolle Historiker bei der Erarbeitung und Durchführung der in gewaltsame Zwangsumsiedlungen und Völkermord mündenden «Volkstumspolitik» des NS-Staates spielten. Die bisher gründlichste Studie zu diesem Thema hat nunmehr der Berliner Historiker Ingo Haar vorgelegt, lange vor der Publikation hatte sie bereits für erhebliches Aufsehen gesorgt.
Vom Staat zum Volk
In der Weimarer Republik war die universitäre Geschichtswissenschaft mit ihren Führungsfiguren wie Friedrich Meinecke, Hermann Oncken oder Walter Goetz geprägt von einem kleindeutsch-borussisch orientierten Historismus, der sich ganz auf die Politikgeschichte konzentrierte. Diese Fixierung auf den Staat des preussisch-protestantisch dominierten Kaiserreichs war jedoch durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Novemberrevolution delegitimiert worden. An die Stelle «des Staates» trat nunmehr zunehmend «das Volk» als Fixpunkt, der allein die Kontinuität über alle Staatsumbrüche hinweg zu verkörpern schien und darüber hinaus für den Kampf gegen die Nachkriegsordnung bemüht wurde.
Alle Gebiete, in denen Menschen deutscher Zunge und deutscher Abstammung siedelten, wurden dem «deutschen Kulturboden» zugerechnet, womit sich nicht nur die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen von 1914 legitimieren liess, sondern auch die grossräumige Neuordnung Mittel- und Osteuropas im Zeichen deutscher Hegemonie. Vor 1933 hatte diese unter anderem von Hermann Aubin und Hans Rothfels forcierte «Volksgeschichte» jedoch im institutionalisierten akademischen Milieu nur mässigen Erfolg. Ihre grosse Stunde schlug mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, die zudem einer nachdrängenden «Elite im Wartestand» den schnellen Aufstieg ermöglichte. Die Historiker Wolfgang Schieder und Werner Conze und den Agrar- und Bevölkerungswissenschafter Theodor Oberländer, um nur diese drei zu nennen, verband eine antidemokratische und ethnozentrisch-grossdeutsche Orientierung, die das Produkt einer Sozialisation in der bündischen Jugendbewegung war.
Mit einer Detailtreue und Quellenfülle, die allerdings manchmal die grossen Entwicklungslinien zu verdecken drohen, zeichnet Haar nach, wie nach 1933 genau das entstand, dessen man den NS-Staat lange Zeit für unfähig hielt: eine zentral gesteuerte, nach relativ einheitlichen Richtlinien arbeitende Grossforschung, die ihre Organisationsform in den «Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften» fand. Die wichtigste war zweifellos die «Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft» unter dem intriganten langjährigen Generaldirektor der Preussischen Staatsarchive, Albert Brackmann. Was diese Form der Forschungsorganisation von unserem heutigen Wissenschaftsverständnis unterscheidet, ist nicht nur ihre konspirative Vorgehensweise, sondern vor allem die von obskuren Prämissen ausgehende, die freie wissenschaftliche Debatte scheuende inhaltliche Ausgestaltung. Das Forschungsergebnis stand von vorneherein fest: die Überlegenheit des «deutschen Menschen» und seine Rolle als «Kulturträger» im Osten. Mit grosser Skrupellosigkeit wurde diese neue, eng mit dem NS-Regime verbundene Forschungsdisziplin durchgesetzt.
Das ist beschämend genug für die Historikerzunft, doch die zentrale Frage bleibt: Gab es eine direkte Verbindung zwischen diesen Forschungen und dem Völkermord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg? Haar gibt eine eher vorsichtig verneinende Antwort. Einerseits hatten die Wissenschafter Methoden zur quantitativen Erfassung der verschiedenen Volksgruppen im Osten entwickelt und Volkstumsstatistiken sowie Karten produziert, die wichtige Hilfsmittel für die «Umvolkung» und Aussonderung der osteuropäischen Juden waren. Andererseits wurden die zentralen Entscheidungen ohne die Beteiligung der Wissenschafter gefällt, so dass sie nicht als «Vordenker der Vernichtung» bezeichnet werden können. Trotzdem bleibt es ein Zeichen erschreckender moralischer Kälte, dass sie sich als Historiker bereitwillig darauf einliessen, die gewaltsame Umformung der Gesellschaft gegen alle historisch gewachsenen Gegebenheiten zu legitimieren und durch Begleitforschung zu unterstützen.
Offene Fragen
Wer sich künftig mit der Rolle der Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, ja mit Fragen der Wissenschaftsorganisation überhaupt befasst, wird sich intensiv mit Haars aussergewöhnlich quellennaher und kenntnisfördernder Studie auseinandersetzen müssen. Die kritischen Einwände betreffen folglich weniger die grundsätzlichen Aussagen, sondern mehr den Eindruck, dass Haar um der Zuspitzung willen es bisweilen an der ebenso notwendigen Differenzierung vermissen lässt. Klarer herauszuarbeiten wäre etwa, was die Beteiligten jeweils unter zentralen Begriffen wie «Volkstum» oder «Rasse» verstanden. Trotz der gemeinsamen, scharf antidemokratischen Grundhaltung wären dann wohl doch erhebliche Differenzen etwa zwischen dem NS-Historiker Walter Frank und Hermann Aubin sowie Hans Rothfels, der wegen seiner jüdischen Herkunft 1935 emigrieren musste, auszumachen. Überspitzt erscheint auch die Charakterisierung Brackmanns als alles lenkende Zentralgestalt der Volkstumsforschung. Brackmanns Zentralisierungswille war gross und auch in vielen Bereichen erfolgreich, dennoch gab es zahlreiche weitere Personen und Organisationen, die unabhängig oder in höchstens loser Koordination mit der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft ihre Variante der «Ostforschung» betrieben. Insofern ist das Bild eines polykratischen Forschungsapparates zwar revisionsbedürftig, aber keineswegs vollkommen obsolet.
Die vieldiskutierte Frage des «innovativen» Werts der Volkstumsforschung schliesslich hat ebenfalls noch keine endgültige Antwort gefunden. Dass die Volksgeschichte nichts zum Fortschritt der menschlichen Zivilisation beitrug, sondern das genaue Gegenteil zum Ziel hatte, ist offensichtlich. Doch bleibt ihre in Teilbereichen sich zeigende interdisziplinäre Modernisierungsleistung irritierend. Was das Studium der Volksgeschichte, darin ist Haar zuzustimmen, besonders deutlich dokumentiert, ist, dass die Durchsetzung neuer Forschungsparadigmen über politische Systembrüche hinweg ähnlichen Mechanismen folgt. Die in dieser Hinsicht im NS-Staat gelernten Lektionen vermochten viele Historiker auch nach 1945 effektiv anzuwenden.
Christoph Jahr