Als Velleius Paterculus seine Historia Romana auf Wachstäfelchen gravierte, schrieb man das Jahr 30. Das Werk stellt nicht nur ein seltenes Zeugnis einer ansonsten an Dokumenten armen Zeit dar, sondern bildet auch einen interessanten Kontrast zum Bild des Kaisers Tiberius, wie es durch Tacitus und Suetonius geprägt wurde.
Tiberius regierte das imperium romanum seit 7 Jahren von seinem Felsen auf Capri. Dieser eigenbrödlerische und verschlossene Mensch wird von Paterculus als ein Mann beschrieben, dem „alle Vorzüge reich zu Gebote standen ... Er zeigte sogleich hoffnungsvolle Anzeichen seiner künftigen Größe und erwies sich schon von seiner Erscheinung her als der nachmalige Princeps". Auch von den militärischen Erfolgen des Tiberius, an denen Paterculus als Legat Anteil hatte, zeugen seine Lobeshymnen „Ihr guten Götter, wie viele Bücher könnte man damit füllen, was wir im kommenden Sommer unter der Führung des Tiberius Caesar alles vollbracht haben!"
Sein Statthalter in Rom, Aelius Seianus, befand sich im Jahre 30 auf dem Zenit seiner Macht. Durch politisches Geschick und die Ausübung blanker Gewalt hatte er es verstanden, zum mächtigsten Mann des Imperiums aufzusteigen. Paterculus nennt ihn einen einzigartigen Helfer des Tiberius, der „bei aller Strenge sehr umgänglich, von heiterem, aber würdigem Wesen" sei „ruhig in seiner Mine wie in seiner ganzen Art, obwohl sein Geist stets hellwach ist". Man spürt bei dieser kühlen Beschreibung, dass von diesem Menschen etwas gefährliches ausging. Niemand konnte ahnen, dass der Stern des Seianus nur wenige Monate später verglühen sollte.
Im ersten Buch, von dem leider nur wenige Seiten erhalten blieben, berichtet Paterculus von den Ursprüngen der römischen Geschichte, die er auf den sagenumwobenen Stammvater Aeneas zurückführte.
Das zweite Buch setzt mit der Zerstörung Karthagos ein. Paterculus betrachtet diesen Schritt aber nicht als Aufbruch in ein goldenes Zeitalter. Gleich einem Fluch lastet dieser Sieg des Scipio Aemilianus Africanus nunmehr auf dem römischen Volk. „Als nämlich die Furcht vor Karthago beseitigt und die Rivalin aus dem Weg geräumt war, wich man nicht Schritt für Schritt vom Pfad der Tugend, man verließ ihn Hals über Kopf und betrat die Bahn des Lasters" oder „Niemand hält mehr etwas für unrecht, das einem anderen Gewinn gebracht hat" und weiter „So nimmt die Natur ihren Weg vom Rechten zum Übertriebenen, vom Übertriebenen zum Schlechten, und vom Schlechten geradewegs in den Abgrund".
Doch das Schicksal hatte sich für das römische Volk noch schwerere Prüfungen vorbehalten. Nach dem Tode des Kaisers Tiberius sollte mit Caligula ein Imperator folgen, dessen Grausamkeit sprichwörtlich geworden ist. Doch davon handelt diese Geschichte nicht mehr.