Seinerzeit von brüskierten Moralisten verachtet und verabscheut, erzählt Serge Gainsbourg die Geschichte der 15-jährigen Melody Nelson, die auf einem Fahrrad von dem gallischen Provokateur mit seinem 260-PS-starken Rolls Royce Silver Ghost bei einer einsamen Fahrt durch die Nacht gerammt und so zum finalen Auslöser für das siebenteilige Set einer tönenden Novelle über eine märchenhafte Amour Fou wird. Gespielt und gesungen wird Melody von Gainsbourgs damaliger Lebensgefährtin Jane Birkin, die auf dem Cover einen Plüschaffen an ihren nackten Oberkörper presst.
Wie auch so viele andere 70er Alben ist "Histoire de Melody Nelson" ein Konzeptalbum, dessen solitäre Soundwelt sich jedoch aus Orchester, Bass, die beiden umeinander zirkelnden Stimmen der Protagonisten, schleppendem Funk, bluesigen Gitarrenriffs und intimen Gemurmel im Kinoformat zusammensetzt. Die dezent-schwelgerisch orchestrierten Streicherarrangements von Komponist Jean-Claude Vannier korrespondieren wunderbar mit dem Spannungsbogen der Handlung, indem sie urplötzlich mit steilen Melodiebögen hypnotisch in den von grellen Gitarren untermalten Sound schneiden und so das Gewicht der Worte von Gainsbourgs französischem Vokalgesang verstärken. So schildert "L'Hotel particulier" die Verführung der verbotenen Frucht, bei der Gainsbourgs Stimme ambivalent vor Lust und Angst zu zittern beginnt. Die Musik antwortet entsprechend mit flackernden Pianoklängen und sanft anschwellenden Violinen, die unterlegt von Herbie Flowers' ungeduldigen Basslinien ins Klangbild einfallen. Flowers' lasziver Bass ist auch das dominierende Instrument auf dem Album. Sirupartig wabert er aus den Boxen und treibt schlaksig die Handlung mit einer sehr schmutzigen Note und abschweifendem Funk voran. Lou Reed war davon so angetan, dass er Flowers ein Jahr später (1972) für "Walk On The Wild Side" ins Studio holte. Es ist auch das erste Instrument, das am Beginn des Albums zu hören ist, ehe dann dumpf scheppernde Gitarrenrhythmen das weite Terrain der Basslinien abstecken und Gainsbourgs selbstbewusstes Alter Ego "Gainsbarre" mit seiner typisch säuselnden Stimme die obszöne Handlung grüblerisch zu erzählen beginnt.
Die Handlung des Albums ist relativ einfach gestrickt: Erzählt wird die düstere und obsessive Liebe eines Mannes zu seinem Objekt der Begierde, das sich am Anfang noch kokett und verschämt ziert, ihm sich dann aber in der Folge immer weiter öffnet. Pathetisch umgarnt er die rätselhafte Nymphe mit surrealer Lyrik und Paian-artigem Gesang. Im tragischen Schlussepos "Cargo Culte" entreißt ihm das Schicksal seine große Liebe bei einem Flugzeugabsturz. Die 15-jährige Melody ist sozusagen Gainsbourgs fiktionale Muse, die das Feuer der Obsession in dem introvertierten Flaneur entfacht. Vor der Begegnung ist er einsam und in sich gekehrt und nach Melodys Tod driftet er noch tiefer in die dunklen Winkel der männlichen Seele ab. Der erste und der letzte Track des Albums sind auch gewissermaßen Zwillinge, bis auf die sakralen griechischen Chöre, die im finalen Abgesang den Unterschied zwischen beiden Stücken ausmachen. In den fünf Zwischentiteln haucht die Affäre der Libido des Protagonisten mit schwindelerregenden und ungebändigten Funk-Rhythmen ähnlich einem Aphrodisiakum neues Leben ein.
Die Stimmung des Albums wirkt sehr authentisch. Voller zwiespältiger Kontrapunkte schwankt sie zwischen melancholischer Morbidität und überdrehter Romantik. Binnen leisem Flüstern und hemmungsloser Erregung, schleppenden und anziehenden Tempi sowie schrillen und eleganten Klangkoloriten entfaltet die Musik eine sehr intensive Dynamik. Was ruhig und sanft beginnt, endet in feierlichen Chören, triumphalen Horneinsätzen, hämmernden Pauken und schwerem Rock. Wobei sich aber die Arrangements stets der Intimität der beiden Protagonisten unterordnen und die klassische Instrumentierung sehr sparsam und dennoch effektvoll eingesetzt wird. Durch die rauen Gitarrenrhythmen und die dezent platzierten Orchester-Intermezzi behält das Werk stets seine Originalität. Das Album ist mehr Mindtrack als Soundtrack, obwohl Gainsbourg die Handlung später auch noch verfilmen ließ. Dennoch kann man eine Menge zwischen den Zeilen lesen und der regen Fantasie beim Hören freien Lauf lassen. Gerade die äußerst gelungene Verbindung von Elementen der populären Musik mit klassischer Orchestrierung und einer filmdramatischen Handlung macht das Album so einzigartig. Einziger Makel ist die kurze Spieldauer mit 28 Minuten. Doch selbst dieser Umstand fügt sich nahtlos in das stimmige Bild dieser flüchtigen Liaison ein.