Boas "Hispanola" war für mich der Sound des Erwachsenwerdens. 16 oder 17 muss ich gewesen sein, als das Album erschien, und es war genau die Zeit, in der ich ernsthaft begann, mich mit Musik, Film und Kunst auseinander zu setzen. Noch heute gehört die Platte für mich - neben dem genauso genialen Nachfolger "Helios" - zum Besten was die 1990er an unabhängiger Musik hervorgebracht haben. Ganz im Ernst: Boa spielt hier in einer Liga mit Talk Talks "Laughing Stock", Radioheads "OK Computer", Portisheads "Portishead" und "Dummy", Nine Inch Nails' "The Downward Spiral", Autechres "Tri Repetae" und Trickys "Angels With Dirty Faces" - um nur die ganz herausragenden Alben des Jahrzehnts zu nennen, die mir auf Anhieb einfallen.
Jeder Song auf "Hispanola" quillt über vor Ideen, schrägen Einfällen, seltsamen Instrumentierungen, musikalischen Querverweisen und Samples (die damals noch richtig Spaß machten). Die internationale Musikpresse lag Boa zu Füßen (während Grönemeyer und Co. außerhalb von Deutschland ja zurecht kein Mensch hören will). Hier versteht man sofort, warum. Boa springt durch alle Stile und Genres, ist hemmungslos exzentrisch, hemmungslos ironisch, und zusammengehalten wird das alles durch unglaublich mitreißende, fast schon sarkastisch naive Refrains, die man beim zweiten oder dritten Mal einfach automatisch mitsingt. Man muss sich nur "Ernest Statue" anhören: Ein Stück Rollenprosa ist das, Boa schlüpft in die Rolle eines traumatisierten Kriegsveteranen (zumindest wenn ich das richtig verstehe). Normalerweise müsste das Ergebnis furchtbar hohles Pathos oder Kitsch pur sein, bestenfalls noch eine Anmaßung. Aber nicht so hier. Ist das eine Parodie? Eine Satire? Zitatkunst? Und warum ist der Song trotzdem ganz unverstellt emotional? Boa sei die Zukunft der Pop-Musik, schrieb damals ein Kritiker, ein einziger Boa-Song enthalte mehr musikalische Ideen als ein ganzes Album von Phil Collins. Wahrscheinlich verdient Phil Collins heute immer noch mehr Kohle - die Welt ist eben ungerecht.
Mit den neueren Sachen von Boa kann ich nicht ganz so viel anfangen. Die Mitsing-Refrains wirken mittlerweile oft zynisch und schematisch. Die musikalische "Weiterentwicklung" besteht in der Regel darin, von einem neuen Produzenten den jeweils modischsten Sound auf den Leib geschneidert zu bekommen. Und - mal ehrlich - 08/15-Gitarrengeschrammel als Grundgerüst für praktisch jeden neuen Song - muss das sein? Wo sind die Oboen, Akkordeons, Mandolinen, Tischtennisbälle und das sonstige merkwürdige Zeug geblieben?
Umso schöner also, jetzt die Remastered Version von "Hispanola" in den Händen zu halten. Um es kurz zu machen: Der ursprüngliche Soundeindruck ist erhalten geblieben. Hier wurde ganz behutsam tolle Arbeit geleistet: Alles klingt transparenter, differenzierter und dynamischer, druckvoller. Großartig! Neben den alten B-Sides (die schon auf dem ersten CD-Release enthalten waren) gibt es noch einige unveröffentlichte Demos und den überflüssigen "This is Michael"-Remix von Westbam. Absolut skurril und spannend dagegen: Die Originalaufnahme von "This is Michael", die viel perkussiver daher kommt und bei der die berühmte trashige Keyboard-Melodie komplett fehlt.
Einziger Wermutstropfen: Von "The Day I lost my sleep" gibt es auf dieser CD nur einen (wiederum perkussiveren) "Nigel Walker Mix", der den Original-Mix in der Titelabfolge ersetzt hat, und bei den Bonustiteln eine "Originalaufnahme", die aber eher eine Art Rohversion ist (wie beim "This is Michael"-Bonustrack) und nicht der Version des Original Release entspricht. Mit anderen Worten: Die gewohnte Version des Songs fehlt jetzt völlig. Was besonders schade ist, weil ich sie für die mit Abstand beste Fassung halte.