Neue Zürcher Zeitung
Ralf Stoeckers Studie über den Hirntod
Reproduktions- und Intensivmedizin machen die moderne Wissenschaft nicht nur technisch, sondern auch existentiell relevant. Ihre Entwicklungen zwingen zur Neudeutung nicht nur von Geschlechtlichkeit und Fortpflanzung, sondern auch von Sterben und Tod. Im Falle des Todes wurde mit dem Übergang vom Herzstillstand zum Absterben des Gehirns als Exituskriterium besonders augenscheinlich eine Umorientierung vollzogen. Diese Entwicklung, so Ralf Stoecker in seinem ausgezeichneten Buch «Der Hirntod», sei so rasch verlaufen, dass vom Zeitpunkt der ersten Vorschläge in den sechziger Jahren bis zur «allgemeinen Akzeptanz der neuen Todesdefinition» keine zehn Jahre vergingen. In dieser kurzen Zeit wurde ein lebensweltliches Todesverständnis durch ein wissenschaftliches ersetzt: Denn Herz- und Atemstillstand sind ohne Diagnosegerät erkennbar. Das Absterben des Gehirns dagegen muss durch Ablesen eines EEG-Gerätes und Reflexprüfung festgestellt werden, wozu nur medizinisch Geschulte fähig sind.
Ein Graben
Wenn der Arzt bisher im Ausstellen des Totenscheins auch das letzte Wort über Eintritt und Art des Todes hatte, so ist durch das Hirntodkriterium ein Graben zwischen alltäglichem und medizinischem Verständnis entstanden, der den Tod zu einem rein wissenschaftlichen Faktum zu machen scheint und nicht mehr einen existentiellen Vorgang sein lässt. Einen atmenden Menschen, dessen Herz schlägt (vielleicht nur mit maschineller Unterstützung), halten seine Verwandten für lebendig. Nach dem neuen Kriterium ist er tot, wenn die Ärzte keine elektrische Aktivität in seinem Gehirn sehen.
Dieses szientifische Todesverständnis «löst» die mit dem Lebensende verbundenen «Probleme» nicht. Mit dem Tod, so Stoecker nüchtern, «findet ein drastischer Umschwung in den ethischen Beziehungen eines Menschen zu seiner Umwelt» statt. Ist ein Mensch tot, heisst das, muss man «viel weniger für ihn tun und darf sehr viel mehr mit ihm anstellen als zuvor». Was man mit Hirntoten vor allem anstellt, ist, ihnen Organe zwecks Transplantation zu entnehmen. Denn Organe eines Hirntoten, dessen Kreislauf arbeitet, sind für mögliche Verpflanzungen geeigneter als die von Herztoten, deren Gewebe einige Zeit ohne Sauerstoffversorgung war.
Hans Jonas hat deshalb schon zu Beginn der Debatte um den Hirntod vermutet, das neue Kriterium werde nur eingeführt, um die Ressourcen der Transplantationsmedizin zu vergrössern. Das muss nicht gegen dieses Kriterium sprechen, es sei denn, man kann zeigen, dass Transplantationen ethisch verwerflich sind. Dies ist nicht Stoeckers Ziel. Trotzdem kritisiert er das neue Todeskriterium, das noch die Erblast einer Seelenvorstellung trägt, die den Tod als plötzliches Verschwinden einer ethisch relevanten Eigenschaft ansah und das moralisch-personale Leben der Seele vom biologischen des Leibes trennte: Der Hirntote hat kein Bewusstsein, deshalb auch keine Wünsche und Pläne und sei so als moralische Person verschwunden, auch wenn sein Herz noch schlägt.
Seele Hirn
So trete an die Stelle der Seele, die im Todesmoment den Leib verlässt, das Hirn. Wie der entseelte Leib keine Person mehr gewesen sei, höchstens Automat, sei heute der hirntote Leib kein moralisches Wesen. Das wissenschaftliche Bild vom Tod zeige, dass wir uns gegenwärtig vor allem als «behirnte» (statt beseelte) Wesen verstehen. Stoecker fasst dagegen den Tod als eine Grenze auf, mit deren Erreichen jemand seine Lebendigkeit in jedem Sinne hinter sich lasse. Das bedeutet: bei Toten ist der ganze Prozess des Absterbens eines Lebewesens abgeschlossen: vom Ausfall von Hirn, Herz und Atmung bis zum Eingehen der Körperzellen. Dies ist bei Hirntoten noch nicht der Fall. Nach Stoecker ist ein Mensch tot, wenn er seine arttypische Zusammensetzung von Zellen verloren hat. Sowohl ein plötzlicher Unfall, der jemanden in Stücke reisst, als auch langsames Sterben führen über diese Grenze. Stoeckers Verständnis des Todes als Grenze des Lebens, dem als letzte Phase in der Regel (ausser bei brutalster Gewalt) das Sterben zugehört, überzeugt, weil es wissenschaftlich begründet und mit alltäglichen Todesauffassungen vereinbar ist.
Nach Stoecker sollte man zugeben, dass Organentnahme einen noch sterbenden Menschen tötet. Auch wenn Hirntote nicht wirklich tot sind, heisse das jedoch nicht, dass Organentnahme ethisch verwerflich sein müsse. Vielmehr sei zu untersuchen, welche Rechte Menschen in diesem fortgeschrittenen Stadium ihres Sterbens noch haben und welche Pflichten andere ihnen gegenüber erfüllen müssen.
Stoecker ergänzt sein reflektiertes Todesverständnis durch ein biographisches Lebensverständnis. Danach stellt das Leben eine Ganzheit dar, die auch durch Beeinflussung eines Teils, wie der Endphase im Sterben, geschädigt oder vervollkommnet werden kann. Für manche nicht alle Biographien mag Organentnahme im Zustand des abgestorbenen Gehirns eine Schädigung darstellen. Für einen Buddhisten, der sein Leben dem mitleidigen Dienst an anderen Lebewesen widmete, kann Organspende ein angemessener Abschluss der Existenz sein. Eine Person, deren Lebensziel öffentliche Ehre und deren Leib Darstellung dieser Ehre war, könnte die Organentnahme als unwürdiges Ausweiden begreifen; als eine Schande, wie sie Hektor und seine Verwandten erlitten, weil Achill den Leichnam des Trojaners hinter dem Streitwagen durch den Dreck zog.
Michael Hampe
Perlentaucher.de
In einer Doppelrezension bespricht Andreas Brenner zwei Bücher, die sich mit Transplantationsmedizin beschäftigen.
1) Ralf Stoecker: "Der Hirntod"
Erstaunt stellt Andreas Brenner fest, dass Stoeckers Kernaussage sich auf die Tatsache bezieht, dass in der hochtechnisierten Transplantationsmedizin ausgerechnet die "sehr alte Vorstellung" einer Trennung von Körper und Seele von entscheidender Bedeutung ist. Stoeckers Ausführungen dazu findet Brenner jedoch äußerst überzeugend - und nicht weniger schockierend. So führt Stoecker den Widerspruch aus, der darin liegt, dass die Persönlichkeit eines Menschen durch die Zerstückelung seines unbeseelten Körpers nicht mehr verletzt werden könne. Andererseits jedoch heiße dies, das die Persönlichkeit lediglich durch einen biologischen Vorgang bedingt sei. Zustimmend folgt Brenner Stoeckers These, dass der biologische Tod jedoch "nur ein Verlust unter vielen" ist, dass der Tod aus vielen verschiedenen Facetten besteht. Ähnliches gelte für den Gehirntod mit dem für den Rezensenten erschreckenden Fazit Stoeckers, dass "Organentnahme bei hirntoten Menschen" nicht mit dem "aktuellen Transplantationsgesetz vereinbar" ist. Die Folge müsse daher - so Brenner - eine erneute Debatte zu dem Thema sein: unter Berücksichtigung "aller Aspekte".
2) Ulrike Baureithel/Anna Bergmann: "Herzloser Tod"
Zunächst bedauert Brenner, dass dieses Buch nicht zwei Jahre früher erschienen ist und daher der Debatte vor Verabschiedung des Transplantationsgesetzes nicht mehr zugute kommen kann. Dennoch misst er diesem Buch eine "überragende Bedeutung" in der Diskussion über Transplantationsmedizin zu. Besonders aufschlussreich findet Brenner die Gespräche mit Angehörigen von "Spendern", mit Organempfängern und vor allem mit dem medizinischen Personal. Brenner ist erstaunt über das Ausmaß an Unsicherheit, aber auch Schuldgefühlen bei Transplantationsmedizinern, deren Spender-"Patienten" zwar "hirntot" sind, aber dennoch "Schmerzreaktionen" zeigen können. Ein Buch, das sich Brenner "als Pflichtlektüre der Bundestagsabgeordneten" gerwünscht hätte.
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