Parallel mit dem wachsenden Interesse an der Hirnforschung wächst selbstverständlich auch der Stapel an Büchern. Und nicht überall wo Wissenschaft draufsteht, ist auch Wissenschaft drin, da einige Autoren offenbar der Meinung sind, Forschung stünde mit forsch im Zusammenhang. Doch wenn Manfred Spitzer als Autor zeichnet, darf der Leser davon ausgehen, dass die gebotenen Informationen den gegenwärtigen Stand der Forschung vermitteln. Und auf die Bestsellerlisten schaffen es überdurchschnittlich viele von Spitzers zahlreichen Büchern auch deshalb, weil es der vielseitige Wissenschaftler versteht, seine eigenen Theorien zum Thema Lernen in die Praxis umzusetzen. Zudem ist er auch auf der Bühne ein glänzender Entertainer, wie ich bei einem gemeinsamen Auftritt aus nächster Nähe erleben konnte. Alles beste Voraussetzungen, um selbst Laien ein so komplexes Objekt wie das menschliche Gehirn einigermaßen verständlich zu machen. Allerdings wehrt sich auch Manfred Spitzer gegen eine Leser- und Hörerhaltung, die aus seinen Ausführungen nur das herausspickt, was sich mit dem eigenen Weltbild verträgt. Denn wer der These zustimmt, menschliches Verhalten werde zum größten Teil vom Unbewussten gesteuert, muss von einigen lieb gewonnenen Vorstellungen zwingend Abschied nehmen. So wie es in der Mathematik eben Axiome gibt, die man für die Arbeit anerkennen muss, basieren auch gewisse Denkmodelle der Neurowissenschaftler auf Bausteinen, die nicht austauschbar sind.
Wie vielfältig Theorien sein können, die auf einer gemeinsamen Basis beruhen, zeigen alle Autoren, die von Manfred Spitzer und Wulf Bertram zur Mitarbeit an diesem Sammelband motiviert werden konnten. Doch so verschieden die Tätigkeitsgebiete und Biografien der 27 Beitragsschreiber auch sind, bei allen spürt der Leser eine ansteckende Entdeckerlust und die Freude, an einer spannenden Reise teilzunehmen und darüber berichten zu dürfen. Dennoch sollte das Publikum sich auf eine Aufführung einstellen, die etwas länger dauert und ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen bedingt. Auch wenn man sich als Leser beliebig viele Pausen gönnen darf, heißt Braintertainment nicht, jeder Text komme so leichtfüßig daher wie die Beiträge von Vince Ebert oder Eckhardt von Hirschhausen. Die bringen zwar von ihrem beruflichen Werdegang her die besten Voraussetzungen mit, populärwissenschaftlichen Schwachsinn zu vermeiden, sind aber als Kabarettisten dennoch zu Verkürzungen gezwungen, die Missverständnissen und Irrtümern viel Raum lassen. Dass den beiden bekannten Autoren in diesem wissenschaftlichen Buch zwei Auftritte zugestanden werden, zeugt auch vom Vertrauen, das Manfred Spitzer und Wulf Betram in die Aussagekraft der übrigen Beiträge haben.
Da unser Gehirn letztlich an allem beteiligt ist, was uns beschäftigt und bewegt, gibt es keine abschließende oder verbindliche Liste von Themen, die sich aus neurowissenschaftlicher Sicht abhandeln lassen. Was die Herausgeber in ihre Auswahl aufnahmen, zeugt von einem guten Gespür für Wesentliches und sinnvolle Konzessionen an den Publikumsgeschmack. Wir lernen die wichtigsten Kennzeichen und Eigenheiten der Hirnlandschaften kennen, schließen Bekanntschaft mit den ersten Erforschern des Gehirns, werden nachvollziehbar in die Bedeutung früher Bindungserfahrungen eingeführt, sind Teilnehmer an der Entsorgung überholter Geschlechterklischees, nehmen mit Erstaunen die neuronalen Vorgänge bei der Liebe wahr, sind bei der Arbeit des Unbewussten zugegen, sehen Träume und ihre Erforschung in einem anderen Licht, können die Zusammenhänge zwischen Ekel, Gehirn und einem umgedrehten Magen erfassen und erhalten exklusive Einblicke in die Neurogastronomie. Besonders angetan war ich vom Beitrag über die Methoden, Möglichkeiten und Mängel des Neuroimagings. Denn in dieser Kürze und Prägnanz habe ich bisher noch keinen Aufsatz gelesen, der die gewollt oder fahrlässig eingeschlagenen Wege zu Wissenschaftsirrtümern beschreibt. Und ich stimmte den beiden Autoren dieser brillanten Analyse bei, dass es Pflichtfragen gibt, um deren Beantwortung kein Wissenschaftsjournalist oder Neurowissenschaftler herumkommt. Allein diese zwanzig Seiten rechtfertigen den Kauf dieses Buches, wenn man sich öffentlich zum Thema menschliches Gehirn äußern will. Weiter geht es danach mit Beiträgen zum Gedankenlesen, zur psychischen und neuronalen Selbstorganisation im therapeutischen Prozess und zur alten Frage, was ein Placebo kann und was nicht. Für Statistiker und solche, die es werden wollen, gibt es Voodoo-Korrelationen auf Schurkenpostern, eine halbhumoristische Abrechnung mit dem Gyrus cinguli als wissenschaftlichem Medienstar oder Rattenneuronen als Propheten für Börsenkurse. Vince Ebert schreibt sensibel über das heikle Thema religiöse Gefühle als Gegenstand der Hirnforschung und Michael Pauen über den Streit um den freien Willen. Und bevor Eckart von Hirschhausen das Schlusswort spricht, erfahren wir noch, was es mit Blindstudien auf sich hat, welche Dichter sich schon lange vor den Neurowissenschaftler mit dem Gehirn beschäftigten, was Hirnforscher zu unserem Kunstverständnis beitragen können und wie die Regisseure unser Wissen und Unwissen über das Gehirn filmisch verarbeiteten.
Mein Fazit: Ein ebenso anspruchvolles wie spannendes und unterhaltsames Buch über den gegenwärtigen Stand der Neurowissenschaften. Auch wenn wir vieles bereits ahnten oder wussten, nehmen uns die Autoren der 27 Beiträge auf eine Entdeckungsreise mit, von der wir verändert zurückkommen werden, wenn wir uns ganz auf die Begegnungen unterwegs einlassen. Nicht dass wir durch die Lektüre allein unsere Persönlichkeitsmuster aufbrechen könnten, aber wir erfahren zumindest, welche konkreten Handlungen dazu geeignet wären. Und vor allem können wir besser unterscheiden, wer zu den seriösen Forschern gehört, wer sich aufs Trittbrettfahren beschränkt und wer Wissenschaft lediglich zur Verteidigung seines eigenen Weltbildes missbraucht. Ein Buch, das ich aus Überzeugung gerne weiterempfehle.