Matthieu Ricard sah ich im Sommer letzten Jahres auf einer Podiumsdiskussion in Hamburg, die Teil des Rahmenprogramms des Besuchs des Dalai Lama war, welcher eine Woche lang täglich Einweisungen zu Aryadevas 400 Versen gab. Am späteren Abend fand damals ein Dialog zwischen Ricard und dem bekannten Mainzer Evolutions-Philosophen Thomas Metzinger statt, Letzterer übrigens wie Wolf Singer auch ein Mitglied der Bruno-Giordano-Stiftung (woran man erkennt, dass es ein gutes Netzwerk von Buddhisten, evolutionären Humanisten, Neurowisschenschaftlern, Psychologen, usw. gibt). Die Diskussion zwischen Ricard und Metzinger war sehr interessant, aber leider viiiiiel zu kurz, um die spannende Frage erschöpfend zu beantworten, in wie weit sich die Theorie des Buddhismus mit den Erkenntnissen der Hirnforschung deckt. Nun, wer sich mit beiden Themenkomplexen schon etwas näher beschäftigt hat - und das sollte man tun! -, der weiss, dass es da trotz völlig unterschiedlicher Herangehensweisen Gemeinsamkeiten gibt, was nicht verwundert wenn man bedenkt, dass die Buddhisten 2.500 Jahre lang nichts anderes getan haben, als ihren eigenen Geist zu beobachten.
Die grosse Gemeinsamkeit liegt darin, dass sowohl der Buddhismus wie auch die Neurowissenschaft eine dualistische Anschauung - also den Glauben an eine vom Gehirn getrennte Seele (oder an Gott) - ablehnen. Sieht man von den esoterischen Elementen der "Religion" Buddhismus einmal ab (die werden hier nicht behandelt), so unterscheiden sich diese beiden Richtungen der "Gehirnforschung" vor allem im Weg, der beschritten wird. Im einen Fall kann man von Geisteswissenschaft sprechen, im anderen von Naturwissenschaft, und wie der eine das Gehirn von aussen erforscht, so der andere von innen, und das Bemerkenswerte ist nun - und das macht beide Seiten so interessant füreinander -, dass beide unterschiedlichen Fachrichtungen bis zu einem gewissen Grad aufeinander angewiesen sind. Denn ein Buddhist - der sich ja durchaus an der "Realität" orientieren möchte - nutzt die Neurowissenschaft ebenso für den eigenen Erkenntnisgewinn, wie es die Neurowissenschaft tut, wenn sie die Aussagen von Patienten oder Probanden verwertet, die sich den bildgebenden Verfahren in der Magnetresonanzröhre zur Verfügung stellen. Ricard selbst hat übrigens schon grosses Aufsehen erregt, als er vor einigen Jahren sensationelle Ergebnisse beim Neurobiologen Richard Davidson in Wisconsin erzielte (Amplitudenausschläge bei aktivierten Neuronen, die in der Meditation über Mitgefühl und Konzentration "jenseits von Gut und Böse" lagen). Sehr erfreulich, finde ich, ist auch die Tatsache, dass neue Studien aus der Entwicklungspsychologie uns mitteilen, dass Altruismus evolutionär sinnvoll ist, und die Fähigkeit zu Mitgefühl schon bei sehr unausgereiften Gehirnen - teilweise Säuglingen - angelegt ist (wenngleich dahinter letztlich ein Eigeninteresse besteht), und auch einige Versuche aus der ökonomischen Spieltheorie weisen in diese Richtung, wenngleich zwischen dem natürlichen Sozialverhalten und dem Anspruch der Buddhisten eine Lücke klafft, die sich mit erzieherischen Mitteln nur schwer schliessen lässt, wenn der Mensch bereits etwas älter ist. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass wir Menschen unser schöpferisches und emotionales Potential - zwecks Kreativität und Glücksfindung - bei weitem nicht ausschöpfen, und dass es deshalb mehr als ratsam ist, auch über das für Buddhisten so wichtige Mittel der Meditation als pädagogisches Mittel nachzudenken, auch und gerade bei Kindern und Jugendlichen.
Wolf Singers Austausch mit Ricard ist einfach grossartig, sehr lehrreich, aber auch konzeptionell sehr innovativ, weil hier über knapp 130 Seiten ein reiner Dialog aufgezeichnet wurde, welches den Vorteil hat, dass die unterschiedlichen Standpunkte und Theorien in konzentrierter, ja destillierter Form wiedergegeben werden, und entsprechend hoch ist denn auch der Unterhaltungswert des Ganzen. Dieses Buch ist ein langes philosophisches Kamingespräch, geführt von zwei absoluten Meistern ihres Fachs, und es ist eine Freude, dabei zu sein.