Ein lange überfälliges und daher in seiner Art auch einzigartiges Buch. Prora ist den meisten als (nie fertig gestelltes) KdF-Bad bekannt. Das der ursprüngliche Hotelkomplex dann tatsächlich als Armeestützpunkt genutzt wurde, wissen sicher schon deutlich weniger.
Stefan Wolters Verdienst ist es mit diesem Buch das Thema (und Trauma) NVA einfühlsam und erschütternd zugleich und vor allem sehr ehrlich zu schildern. Damit leistet er auch einen großen Anteil sowohl der eigenen Aufarbeitung als auch der des interessierten Lesers. Aber auch diejenigen, die diese Zeiten so nicht erlebten, erfahren viel über die wirkliche DDR, über den Druck, der teilweise sehr heftig ausgeübt wurde. Dadurch hebt sich das Buch sehr wohltuend von der gelegentlich unkritischen DDR-Nostalgiewelle ab und der Autor fügt einen sehr wirksamen Beitrag zur Aufklärung hinzu.
Die schon in der Schule einsetzende, vormilitärische Erziehung, die Erniedrigungen in der Kaserne, das Gefühl des Eingesperrtseins, all das wird so stark und eindrucksvoll beschrieben, dass man sich sehr gut in das Denken und Fühlen des jungen Bausoldaten hineinversetzen kann. Gerade die bisher nur sehr ungenügend berücksichtigte Rolle des aus Konfessionsgründen verweigerte Tragen der Waffe in der DDR wird hier zum ersten Mal geschildert. Bausoldaten standen daher gerade auch innerhalb der das System stützenden Armee im gesellschaftlichen Abseits. Was das für Auswirkungen auf jeden einzelnen hat, kann nur derjenige beschreiben, der es hautnah erlebt hat.
Und doch fanden sich sehr persönliche Nischen, in die man sich flüchten konnte, auch den Aspekt beschreibt Stefan Wolter. Der Wille zum Weiterleben, die Liebe zur Natur, der Wunsch, irgendwann nicht mehr nur einfach funktionieren zu müssen, er war sehr stark und offenbart einen weiteren, wichtigen Punkt: Die letztendliche Behinderung der eigenen, persönlichen Entfaltung, des Weges zu sich selbst, gerade in einem Alter, das für die weitere, eigene Entwicklung sehr wichtig ist. Das enge Verhältnis zu einem jungen Mann gibt Nähe und Geborgenheit und hilft, die seelisch grausamen Zeiten zu überstehen. Gleichzeitig zeigt es einen inneren Konflikt auf, der gerade auch durch den tiefen Einschnitt, der Prora auslöste, zur damaligen Zeit so nicht lösbar war.
Umso mehr darf man auf die Fortsetzung gespannt sein.