Das ist doch mal eine gelungene Idee. 20 Autoren schreiben 20 Geschichten nach 20 Liedern von David Bowie (nicht ganz, es sind auch ganze Plattenseiten, Songpaare und sogar Sinfonien dabei). das Ergebnis kann sich sehen lassen. Hier kurz zu den besten Geschichten:
- Dirk Röse: Purgatorium ... Nach dem jüngsten Gericht (das ganz anders war als gedacht) bewohnen die Übriggebliebenen eine Erde, auf der alles hinüber ist, sogar die Schwerkraft... und sind immer noch Menschen. verrstörende Bilder, die sich langsam verdichten und in ein visionäres Ende münden. Mit SF hat das wenig bis nix zu tun, eher mit Antireligion und ungehemmter Phantastik. Sehr elegisch das Ganze, und ein bißchen abgehoben.
- Dietmar Dath: Solus Ipse, leerer Drache ... Ein paar Psychiatrie-Selbsthilfegruppenmitglieder sind kurz davor, wieder normal zu werden. Wenn da nicht einer in ihrer Gruppe wäre, dem das gar nicht recht ist. Und zwar aus völlig einleuchtenden Gründen. Raffiniertes Verwirrspiel, ebenso raffiniert geschrieben, und keineswegs langweilig. Hübsche Inner-Space-SF vom Verfasser der
Abschaffung der Arten.
- Jasper Nicolaisen: Kleines Mädchen aus China ... Kurze Skizze, die vollgepackt ist mit Action und sehr gewöhnungsbedürftigen Bildern, die manchem Leser wohl auf den Magen schlagen können. Gewaltphantasien, sprachmächtig zu einem kurzen, heftigen Blitz von Bewußtseinsstrom zusammengefaßt. Hätte nicht länger sein dürfen.
- Jakob Schmidt: Die betrübte Strahlenkanone ... Eine Story aus der Sicht einer High-Tech-Superwaffe erzählt, die ein eigenes Bewußtsein besetzt. Als ob das nicht schon abgedreht genug wäre, hat eine von den Bösen gerade die Waffe und will so eine Art galaktischen Superman damit durchlöchern. Liest sich wie ein knallbunter Comic Strip ohne Zeichnungen, mit einer lustigen Pointe am Ende.
- Anna Janas: Life on Earth? ... Diese Geschichte ist etwas für alle, die
WALL·Eniedlich fanden und etwas mit Anspielungen (nicht nur auf Bowie) anfangen können. Lange nach dem Untergang der Menschheit hat die Roboterzivilisation auf dem Mars so ziemlich alle Fehler wiederholt. Deswegen hauen zwei verliebte Exemplare auf die Erde ab und erleben ihr Glück (und ihren Untergang) mit einem David-Bowie-Lied. Schön.
- Pepe Metropolis: Hinterland ... Das ist nun ganz klassische, solide erzählte Phantastik: Forscher dringen ins Innere einer unbekannten Insel vor und geraten allmählich in eine Welt, in der scheinbar nichts mehr unmöglich ist.
- bibo Loebnau: Tief-Blau ... SF-Unterwasserkrimi vor einem politischen Hintergrund, der gar nicht weit hergeholt erscheint: Die USA sind bettelarm und müssen bei Indern und Chinesen betteln gehen. Aber dieser Gedanke steht nicht im Mittelpunkt, denn der ist eine handfeste Action-Story.
- Ernst-Eberhard Manski: Der Saxophonist vom Rathaus Neukölln ... Intergalaktisches Raumschiff stürzt in Berlin ab, radiert den Stadtteil Neukölln teilweise aus und verursacht einen großen Versicherungsschaden. Und ein paar temporale Phänomene, die den Erzähler, Brian Eno und David Bowie auf seltsame Art zusammenbringen.
- Karla Schmidt: Erlösungsdeadline ... Deutschland, ein paar Krisen später. Masn muß Widerstand leisten gegen das System, das noch viel schlimmer geworden ist. Aber es gibt Hoffnung, selbst wenn man ein alter Knacker ist. Gewohnt solide von der Autorin des (ebenfalls bowiesken) Romans
Das Kind auf der Treppe.
- Karsten Kruschel: Fünfte und Vierte Sinfonie oder: Müllerbrot ... Bitterböse Story über die Lösung des Welthungerproblems, in der jeder Satz sitzt wie eine Ohrfeige und Wörter vorkommen, die es bislang so noch nicht gegeben hat. Eine ganz eigene Schöpfung des Autors von
Galdäa - Der ungeschlagene Krieg.
- Markolf Hoffmann: Triptychon ... Mord ist erlaubt, wenn er als Kunst gelten darf. Hier streift die SF den Horror, oder umgekehrt. Wer die China-Girl-Geschichte weiter vorn gelesen hat, kriegt auch die hier runter. Achtung, das ist keine Fantasy wie sonst vom Verfasser des
Das Zeitalter der Wandlung-Zyklus.
- Tobias Bachmann: Die letzte Telefonzelle ... Witzige Story über eine Telefonzelle, die mit einem Geheimagenten rumdiskutiert, bis der denkt, er selbst wäre der Verdächtige, den er beschatten soll.
- Valerie Kreifelts: Der Anfänger ... Und noch ein Comic ohne Zeichnungen, mit schwulen Elitesoldaten und Ninjas, die mangamäßig Flammen aus den Händen schießen lassen können. Unterhaltsam.
- Siegfried Langer: Berlin, Nachklang ... Als der alte Bowie stirbt, begegnen seinen Fans übersinnlichen Erlebnissen. Sehr schöner Abschluss des Bandes, und das vom Autor des Thrillers
Vater, Mutter, Tod.
Klare Lese-Empfehlung.