Auch für diejenigen, die es eher zu den großen Romanen zieht, sind die Geschichten der Annie Proulx aus Wyoming ein wahrer Glücksgriff. Mit einem einzigen Satz zieht Proulx den Leser in den Bann der abseitigen, provinziellen und eigenartigen Welt Wyomings, die belebt ist mit kauzigen und skurrilen Figuren. Jede einzelne ist ein Charakter für sich. Die Beschreibung ihrer Physiognomie und Eigenheiten auf kürzestem Raum ist so wahrhaftig, dass man meint Buddy Miller, Deb Sipp, Mitchell Fair oder Amanda Gribb könnten geradewegs zur Tür hereinspazieren.
11 Geschichten hat Annie Prouxl in "Hinterland" versammelt und sie atmen alle den gleichen Geist von Gewinn und Verlust, Leben und Sterben einer Bevölkerung, die auch nach mehreren Generationen noch nicht wirklich sesshaft und heimisch geworden ist in der neuen Welt. Immer bleibt da dieses Gefühl einer eigentümlichen Fremdheit angesichts der Unermesslichkeit der riesigen Natur, in die die kleinen Käffer eingebettet sind. Immer bleibt auch die Kraft der Vergangenheit, die jeden einzelnen dieser Gestalten früher oder später einholt, seien es nun Rancher, Barfrauen oder einfach nur Herumtreiber. Immer tauchen die Vorfahren auf, diejenigen, die erst in dieses Land gekommen sind, diejenigen die es von irgendwo wegzog, und im Leben der einzelnen Figuren kann sich plötzlich der Boden auftun.
So in der Geschichte "The Indian Wars Refought" (Titel aus der englischen Originalausgabe). Es handelt sich vordergründig zunächst um eine Familiengeschichte der Brawls, eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufstrebende Familie im noch jungen Westen. Dann aber brechen Unglücke herein. Die Brüder kommen im 2. Weltkrieg um und der noch verbliebene Brawls stirbt beim Reitunfall. Es heißt lapidar: "The Brawls, as the dinosaurs, were gone from Wyoming". Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch erst jetzt, denn nun schwenkt Proulx die Aufmerksamkeit auf die verbliebene Witwe Georgina, die erneut heiratet, und zwar einen Half-Sioux. Als dessen Tochter aus erster Ehe auftaucht bricht die indianische Vergangenheit über die Figuren herein. Schließlich lassen Vater und Tochter Georgina zurück, um erneut Bande zu ihren vergessenen indianischen Vorfahren zu knüpfen.
Die Geschichte "Dump Junk" spannt gar einen Bogen über vier Generationen einer Familie, die alle noch leben. Als Vivien und Max Stifle jedoch im Alter von 101 und 102 sterben, müssen deren sich bereits in ihren 70ern befindlichen Kinder Brocat und Christina zusammen mi den Urenkeln Patsy and Wendy die Farm der verstorbenen ausmisten. Diese haben in ihrem Leben alles gesammelt. Wir machen eine Reise durch die Geschichte des Westens angefangen in den prägenden Jahren der Depression. Ein Leben in tiefster Armut. Das völlig andere Leben von Christina wird en passent geschildert. Am Ende dieser Geschichte steht jedoch der schockierende Unfalltod der beiden erst 20-jährigen Urenkel in dem Jeep des Urgroßvaters.
Berührend auch "Man crawling out of trees" über das Ende einer Ehe im hohen Lebensalter. Mitchell and Eugenie Fair, ein wohlhabendes und nunmehr pensioniertes Ehepaar aus dem Osten erwirbt eine Ranch in Montana und entdeckt in der nun fremden Welt, dass sie gar nicht zusammen passen und nie zusammen gepasst haben. Mitchell erfährt, dass die einzige Tochter gar nicht sein Kind ist. Die Einsamkeit dieser Welt dort draußen kehrt das innerste Wesen der Menschen nach außen, so scheint es jedenfalls.
Andere Geschichten jedoch sind sehr viel leichter, mit einer feinen Ironie und Liebe zu Menschen und Land geschrieben und vielfach sind die kauzigen Charaktere einfach nur witzig. Die Orte der Geschichten sind bis auf den wiederkehrenden Hauptort "Elk Tooth" mit seinen 3 Kneipen übrigens alle nachweisbar. Die Hauptfiguren vieler Geschichten tauchen in anderen Geschichten wieder als Nebenfiguren auf, so dass der Leser den Eindruck gewinnt, die tatsächliche Welt Wyomings entfalte sich vor ihm, in der er manchen Menschen kennt und andere nicht.
Sprache und Stil von Annie Proulx sind einfach großartig. Jedes Wort sitzt und binnen weniger Sätze ist man in die Geschichte eingetaucht. Einmaliges Lesen ist schon ein Genuss. Aber die Geschichten sind so exzellent konstruiert, dass sie unbedingt zum Wiederlesen einladen. Erst dann entfaltet sich ihre ganze Symbolkraft.
Das ist ganz große Literatur! Niemand kann sich dem entziehen.
Thomas Reuter