Geschichten von Frauen, die nach auswärts heirateten und damit böse auf die Nase fielen, sind seit Betty Mahmoudis Nicht ohne meine Tochter ein ständiger Bestandteil der Som-merliteratur und bei der Häufigkeit dieser Art von Leidensgeschichten und auch der Häufigkeit ihrer Verfilmungen fragt man sich doch relativ regelmäßig, warum es immer noch Frauen gibt, die so etwas machen.
Dieses Buch ist allerdings etwas anders. Es wurde nicht von der heiratenden Frau geschrieben, die mit 42 Jahren als die 33. Frau in den Harem eines Afrikaners einheiratete und dort anscheinend ziemlich glücklich wurde was sehr mit der Weltoffenheit und dem Verständnis ihres Mannes zu tun hatte, sondern von ihrer Tochter, die in diesem Harem ebenfalls sehr glücklich aufwuchs und ihre Halbgeschwister aus Deutschland erst wesentlich später kennen lernte.
Dieser Roman gibt eine sehr andere Sicht des Lebens in einem Harem als man es aus der sonst eher erotisierend angehauchten Literatur zu diesem Thema gewöhnt ist und zeigt, wie und wo diese Praxis des Zusammenlebens auch heute noch praktiziert wird. Dabei fehlt es dem Buch ganz an einem didaktisch feministisch erhobenen Zeigefinger, da für die Autorin dieses Leben durch ihre eigenen Lebensumstände der Normalzustand gewesen ist, was erst durch die Brechung durch das Denken der Leserin oder des Lesers wieder in Frage gestellt wird. Als Mann stellt man sich unwillkürlich die Frage, wie das Leben eines Mannes in einer rein matriarchalischen Gesellschaft unter diesen Vorzeichen aussehen würde und wie sich eine männliche Psyche unter diesen Umständen Entwickeln würde. Ein durchaus nachdenklich stimmendes Buch, dass man vielleicht nicht so ohne Weiteres in die oben kritisierte Art der Frauenliteratur einordnen sollte.