Eigentlich ein ganz gutes Buch und vor allen Dingen ein sehr 'apartes' Thema, sich mit den Sitten und Gebräuchen am Hof von Versailles auseinanderzusetzen. Eine zweifelsohne hochinteressante Perspektive auf ein Stück europäischer Kulturgeschichte, die ganz Europa geprägt hat. Der Titel verrät also viel, der Autor als ausgewiesener Experte auch. Der Leser erfährt Interessantes, man lernt viel Neues über das Alltagsleben der drei dort lebenden französischen Könige, viele Dinge, die man vorher nicht wusste- und worüber man sich wundert, dass man sie nicht wusste, weil sie das Leben in Versailles wohl besonders ekelhaft und ungemütlich gemacht haben. So ist z.B. neu, dass dort Zwischenwände eingerichtet wurden, dass es in den barocken Zimmern und Ausstattungen Küchen und Garküchen gab, dass die Gänge und Korridore teilweise zugestellt worden sind und sich auch an den Mauern des prächtigen Palastes zahlreiche Buden und Büdchen reihten, dass es ein Kampf ums (gesellschaftliche) Überleben war, das richtige Appartement zu bekommen und (heute) alltägliche Aufgaben einen wahnsinnsaufwand erforderten. Dies wird sehr plastisch geschildert, so dass man sich ein ganz anderes Bild von Versailles macht, als man es etwa aus eigenen Besuchen oder Schulbüchern und anderen Werken hat. Auch unbekannt war mir, dass in Versailles ständig umgebaut wurde, dass ganze Flügel niedergelegt und anders wieder aufgebaut wurden, dass man ganze Zimmerfluchten mit Zwischendecken und Wänden 'halbierte', sich also in großen Teilen des Schlosses noch schlimmere Zustände ereignet haben müssen, als man es gemeinhin weiß. Es 'fehlen' jedoch- dies mag man gut oder auch schlecht finden- manche Dinge, die in anderen Werken oftmals nur am Rande erwähnt werden: z.B. die Plage mit den im Untertitel genannten Flöhen. Es gab in Versailles die 'Sitte', sich Flohfallen aus Wattebäuschen in die Perücken zu stecken. Dies ist ein Detail, das fehlt bzw. es fehlt der gesamte Bereich der Körperpflege und Hygiene. Dieser wird zwar auch behandelt, aber dennoch nur am Rande. Wie gingen die Menschen in dieser Enge mit ihrer Körperhygiene um? Welche Ausmaße nahmen Krankheiten an? Wie gestaltete sich das eigentlich tägliche Zusammenleben? Newton gibt zwar immer wieder den einen oder anderen diesbezüglichen Hinweis, aber er versäumt es, dies in das Große und Ganze zu stellen. Er beschreibt sehr detailliert Wohnverhältnisse und gibt auch lange Beispiele und Listen von Menschen, die in diesem Versailler Zirkus leben, aber irgendwie fehlt es an Farbigkeit und Lebendigkeit, da die Menschen am Hof von Versailles- um die es eigentlich geht- völlig in den Hintergrund treten, er en détail darlegt, welche Wasserpumpen und 'werke es gab, aber leider keine Einblicke darin, wie sich die Wasserknappheit für das Individuum auswirkten. Der Stoff hätte spannender, unterhaltsamer und 'menschlicher' gestaltet werden. Insofern kann von einer, wie es in der Buchklappe heißt, 'amüsanten' Kulturgeschichte leider nicht die Rede sein. In erster Linie geht es um technische Details und um Beschreibungen der Versailler Wohnwelten, kaum aber darum, wie sich die Menschen mit ihrem Leben darin bewegten. Anders gesagt: es entstehen keine Bilder im Kopf, die dem Leser schmunzeln oder auch nur erschaudern lassen, tatsächlich liefert Newton eine gute, aber trockene Beschreibung, die bisweilen auch etwas langatmig und langweilig ist. Der Titel und das Thema dürften da vermutlich ein anderes Lesepublikum anziehen, de facto aber wäre das Buch für einen Wasserbauingenieur in weiten Strecken interessanter als für einen Historiker, der sich mit dem Leben im 18. Jahrhundert beschäftigt. Fazit: das Buch erläutert sehr viel, es gibt viele neue Einblicke und erweitert das Wissen zu diesem Thema ungemein. Es fehlt ein wenig Spaß, der bei einem Buch sein darf, das sich selbst den Anspruch stellt, auch erheiternd zu unterhalten. Dies tut es dann aber weniger, man liest es, man lernt neue Details, aber man legt es dann beiseite und hat es vermutlich schnell vergessen. Drei Punkte, eine fleißige und detaillierte Recherche, die leider wenig mitreißt.