Aus der Amazon.de-Redaktion
Zu reden ist von einer wunderbaren Liebesgeschichte -- um Musik und Fußball und um ein Drittes, das alles zusammenhält: "mein Ostland". Es treten auf: Bob Dylan und Erich Honecker, der FC Carl Zeiss Jena und Karl-Eduard von Schnitzler, Jens Weißflog und Stefan Heym.
Aber was sagen schon die Namen über das Buch? Dessen wahre Helden sind die anderen, die niemand kennt. Doch, Christoph Dieckmann zeigt sie ja in ihrer großen kleinen Welt. Der zentrale Satz steht auf Seite 167: "Ich ertrage nicht länger das Allgemeine." Das ist das Dieckmannsche Credo, das ist der Antriebspunkt für diese ostdeutsche Chronik aus 13 Jahren. Festgehalten ist, was sonst verloren wäre, das Einzelne und Individuelle. Dieckmann belehrt nicht, sondern horcht und schmeckt und schaut Wirklichkeit. Man möchte immerfort zitieren aus diesem Buch und wenigstens zwei, drei der grandiosen Geschichten nacherzählen. Wie Erich Mielke von einem Fußballtrainer zurechtgewiesen wird und aufgeregt entgegnet: "Man wird in diesem Land doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen!" Und wie wenige Tage nach der Maueröffnung der DDR-Beamte herrisch wie nur je Passkontrolle ruft und einen schlafenden Zecher wachrüttelt: "'Bürger, Ihr Dokument!' Da schnellte der Bürger hoch und donnerte: 'Flossen weg, du Penner!' Das Organ erstarrte. Der Bürger: 'Licht aus, sonst mach ich dich zum Honecker!' Das Organ gehorchte und floh." Oder wie der Junge Christoph, leidenschaftlicher Fußballfan und Reporter, auf der Rückreise von einem Spiel sich "das Raunen und Stöhnen" im Stadion vorspielt. "Der Junge wußte, daß er immer wissen würde, daß er glücklich war. Aber das mußte er behalten und markieren, wie Taucher eine Boje setzen über einen Schatz im See."
Das ist es, was Dieckmann so meisterhaft gelingt, die Erinnerungen -- eigene und fremde -- einzusammeln. Seine Liebesbekundungen sind manchmal wehmütig, manchmal heiter, niemals aber verklärend: "Nie wollen wir lügen, unser kleines Land sei das größere gewesen." --Holger Heimann
Kurzbeschreibung
Seit der deutschen Vereinigung ist ein Jahrzehnt vergangen. Lebenund Selbstverständnis der Ostdeutschen haben seit den achtzigerJahren gewaltige Umwälzungen erfahren. Was bleibt, was ist verschwunden, was verbirgt sich hinter der Ost-Identität? Mit seinen Zeit-Reportagen ist Christoph Dieckmann zum ChronistenOstdeutschlands geworden. Er erzählt von Honeckers Abgang,vom Mord an einem Döner-Verkäufer, von Ost-Bands wie Monokel. Er spricht mit Jens Weißflog und dem störrischen Karl-Eduard von Schnitzler. Er besucht die Bischofferöder Kalikumpel, dieLausitzer Geisterdörfer und natürlich »seinen« Fußballclub CarlZeiss Jena. Dieckmann begreift Geschichte von unten. Die »kleinen Welten« der Menschen, von denen er schreibt, fügen sich zueinem Heimatbuch fernab von neokonservativer Volkstümelei undnationalem Eifer.
»Dieckmann erkennt, wo er kalauert, durchpflügt das östlicheGelände mit seiner präzise pointierten Sprache, gibt mit vollenHänden Anschauungen und Begriff zugleich. Anders gesagt: Erschreibt vorzüglich.« (Hermann Rudolph im Tagesspiegel überDas wahre Leben im falschen)
Christoph Dieckmann, Jahrgang 1956, Filmvorführer, Studiumder Theologie, Vikar, kirchlicher Medienreferent, Publizist, seit1991 Redakteur der Zeit. 1992 Internationaler Publizistik-Preisin Klagenfurt, 1993 Theodor-Wolff-Preis, 1994 Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1996 Friedrich-Märker-Preis für Essayisten. Bücher:My Generation (1991; Neuausgabe 1999), Oh! Great! Wonderful! (1992), Die Zeit stand still, die Lebensuhren liefen (1993),Alles im Eimer, alles im Lot (1994), Time is on my side(1995)und Das wahre Leben im falschen (1998).Dieckmann lebt in Berlin-Pankow.