Eine schlaflose Nacht und geschwollene, müde Augen sind der Nachgeschmack dieses Buches, von dem ich mir zwischenzeitlich wünschte, es solle die doppelte Seitenanzahl aufweisen. Schon nach der ersten Seite ist man mitten in den Thriller eingetaucht und kann nichts anderes tun, als wie gebannt immer weiter zu lesen.
Als Margot auf einem Flug nach London den Kunstfotografen Leon kennen lernt, hat sie eine schwere Zeit hinter sich. Den untreuen Partner und ihren Heimatort hat sie verlassen, um ein neues Leben zu beginnen, doch so schnell lassen sich die Scherben der Vergangenheit nicht zusammen kitten. Sie fragt sich, was der attraktive Leon an ihr findet und erst, als sie ein Bild seiner früheren Liebe sieht, beginnt sie zu begreifen. Ihre Vorgängerin wurde auf grausame Weise ermordet und als sich Leon auf einmal langsam zu verändern scheint, weiß Margot nicht mehr, ob sie ihm noch trauen kann...
Hitchcock hat seine Art Spannung zu erzeugen in etwa einmal so erklärt: "Wenn ich zu irgendeinem Zeitpunkt in meiner Story plötzlich eine Bombe explodieren lasse, dann erschrecken die Zuschauer, doch dieser Schrecken hält nur für den Augenblick der Explosion an - Lasse ich aber jemanden schon zu Beginn des Filmes eine Bombe unter dem Tisch verstecken und der Zuschauer sieht das, so wird er die ganze Zeit vor Spannung darauf warten, wann sie hochgeht."
Esther Verhoef hat in ihrem Buch genau das gemacht: Von Anfang an lässt sie den Leser wissen, dass es da einen Psychopathen gibt. Gut recherchiert zeigt sie einen Menschen mit allen Merkmalen einer schweren psychischen Störung auf, der erschreckend glaubwürdig wirkt. Er schreibt seine Gedanken auf, berichtet von seinem Vorhaben und man weiß, es muss unweigerlich etwas passieren und die Frage des Zeitpunktes hält die Spannung die ganze Zeit aufrecht.
Auch Margot kommt zu Wort und erzählt ihre Geschichte, die immer mehr an Tempo gewinnt.
Eigentlich scheint schon alles klar, der Ablauf der Handlung in einem gewissen Maß vorhersehbar und dann merkt man plötzlich, dass man sich auf dem falschen Weg befindet. Erst langsam erkennt man, wie gut und wie wenig greifbar Verhoef ihre Figuren darstellt - und wie viele Möglichkeiten und Motive sie ihren Protagonisten mitgibt.
Fazit: Ein Psychothriller, der zeigt, dass es Autoren gibt, die nicht unbedingt literweise Blut, zerfledderte Leichen und detaillierte Autopsieszenen benötigen, um den Leser über Stunden hinweg in Atem zu halten. Spannend, erotisch, und packend bis zum Schluss - Ein Lesetipp für Tage, an denen man Telefon und Türklingel einfach abstellen sollte...