Hindukusch bietet alles, was ein Leser von einem gelungen, unterhaltsamen Roman, der im Orient spielt, erwartet: Abenteuer, Romantik, außergewöhnliche Figuren und exotisch märchenhafte Kulissen. Man glaubt nicht ein Buch in den Händen zu halten, sondern vor einer großen Kinoleinwand zu sitzen, auf der sich die Handlung farbenprächtig entfaltet.
Aber aufgepasst liebe Leser: die Geschichte präsentiert keine gängigen kitschig klischeehaften Vorstellungen. Auf eine spannend leichte wie zugleich geistig tiefsinnige Art und Weise nähert sich der Autor dem Thema der Faszination und Abschreckung, die Orient und Okzident seit jeher aufeinander ausüben.
Im Mittelpunkt steht die junge Deutsche Martha von Helm, die als Lehrerin an der Deutschen Schule Amani, in Kabul zur Zeit des Zweiten Weltkrieges arbeitet. Nach dem mysteriösen Verschwinden ihrer Eltern muss sie sich alleine zurechtfinden. Ihre Lage ist höchst prekär. Ihr droht, wie den anderen Deutschen in Afghanistan, die Ausweisung durch die Briten. Zudem wird sie verfolgt, da sie im Besitz einer kostbaren griechisch antiken Goldstatuette ist. Und welche Rolle und Position nimmt nun in diesem Konflikt der afghanische Fürst Said ein, der immer wieder ihre Wege kreuzt?
Der Schauplatz und die Zeit sind höchst gekonnt gewählt, bieten sie nicht nur ganz nebenbei interessante Einblicke in das griechische Erbe auf afghanischem Boden, sondern auch in ein vergangenes Kapitel deutsch-afghanischer Beziehungen, von dem wohl die wenigsten Leser bisher eine Ahnung gehabt haben dürften.
Letztlich sind sie aber bloß eine Folie, vor dem sich das eigentliche Drama entfaltet: Martha ist gezwungen Stellung zu beziehen: Wer ist sie? Wie sieht sie den Orient? Wem soll sie trauen? Ist überhaupt eine Annäherung und Verständigung zwischen Orient und Okzident möglich? Fragen, die das Verhältnis von jeher zwischen Ost und West bestimmt haben. Am Ende ihrer Suche, nachdem sie etliche Gefahren meistern musste, findet sie zu sich selbst. Sie fühlt sich verbunden mit dem Orient, ohne sich und ihre Prinzipien geopfert zu haben. Die Liebesszene stellt dabei den Höhepunkt dar. Selten habe ich eine solch einfühlsame, erotische Darstellung gelesen, die einem zum Träumen anregt und einen wohligen Schauer durch den Körper fließen lässt.
Es sind vor allen Dingen die Dialoge, in denen die Missverständnisse, Vorurteile und das Beharren auf der eigene Position mal auf schockierend deutliche mal auf witzig, geistreiche Weise dargeboten werden. Jeder, der Erfahrung mit der islamischen Kultur und ihren Menschen gemacht hat, wird sich an ähnliche Gespräche und Begegnungen erinnern. So gesehen haben die Dialoge etwas zeitloses und dennoch ungemein aktuelles an sich, in denen jeder einzelne Leser sein Orientbild gespiegelt sieht.
Hindukusch zählt meines Erachtens zu den besten Bücher, die sich mit dem Konflikt zwischen Orient und Okzident literarisch auseinander setzen: geistreiche Kost im leichten Gewande. Unmittelbar, nachdem man die letzte Seite gelesen hat, fragt man sich wie die Geschichte wohl weitergehen wird. Auf eine Fortsetzung würde ich mich sehr freuen. Aber zunächst wünsche ich Hindukusch das, was es zu Recht verdient, eine begeisterte große Leserschaft.