Malinar beschreibt die Geschichte des Hinduismus von der vedischen Epoche (vor ca. 3500 Jahren) bis zur Gegenwart, schildert unterschiedliche Texttraditionen und Religionspraktiken, und geht schwerpunktmäßig auf die sozialen und politischen Aspekte des Hinduismus ein.
Im Hinduismus begegnet eine wahrhaft ungeheure Göttervielfalt. Dennoch ist es nicht ganz treffend, den Hinduismus dem Polytheismus zuzuordnen. Richtig ist wohl, dass es polytheistische Strömungen innerhalb desselben gibt. Daneben gibt es aber eben auch solche, die eher als Monismus, Monotheismus oder gar Materialismus zu bezeichnen sind. Außerdem gibt es die sehr verbreitete Auffassung, dass all die verschiedenen Götter letztlich nur Verkörperungen verschiedener Aspekte der einen alles durchwaltenden Urkraft, des Brahman (nicht zu verwechseln mit dem Schöpfergott Brahma) oder auch der einen allgegenwärtigen Gottheit sind. Die obersten drei Götter mit Gesicht" sind dann, Brahma, der Schöpfer, Vishnu, der Welterhalter, und Shiva, der Zerstörer. Doch ist auch diese Deutung nicht ganz einheitlich. Shiva etwa begegnet sowohl als Schöpfer als auch als Zerstörer bzw. derjenige, der alle Gegensätze in sich vereint. So etwa als Gott der Askese einerseits und der Fortpflanzung andererseits. Jeder der drei Hauptgötter erscheint wiederum in verschiedenen Inkarnationen.
Die großen Hauptströme des Hinduismus firmieren sich nun hinter einer jeweiligen Gottheit. Die Vaishnavas sind Anhänger Vishnus oder eine seiner Inkarnationen, etwa des Rama oder Krishna. Die Shivaiten verehren Shiva als höchsten Gott. Eine dritte große Gruppe bilden die Shaktas bzw. Tantriker als Verehrer des weiblich-energetischen Aspekts Shivas bzw. - in volkstümlicherer Deutung - der Gemahlin des Shiva, auch als Devi, Parvati, Kali oder Durga bezeichnet. Brahma erwies sich wohl ganz einfach als zu abstrakt, zu wenig greifbar. Er mag früher eine Anhängerschaft gehabt haben, inzwischen gibt es diese nicht mehr.
Zentral geht es im praktischen Religionsvollzug um den Glauben an den Dharma. Der Dharma ist eine Art universelles kosmisches Gesetz, die ewige Ordnung der Welt. Selbst Götter müssen sich dieser Ordnung fügen. Der Dharma ist in monistischer Sicht Manifestation der überpersönlichen allgegenwärtigen Gottheit. Nach theistischer Auffassung entspricht er dem Willen und den Geboten eines allen Gottheiten übergeordneten Weltenschöpfers und -lenkers. In eher philosophischer Sicht ist Dharma ewiges, immanentes Weltgesetz.
Diese unumstößlichen Ordnungen manifestieren sich sehr konkret im gesellschaftlichen und persönlichen Leben. So ist natürlich auch die Kastenordnung Ausdruck desselben. Ihre schriftliche Untermauerung fand diese im Gesetz des Manu aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert. Der Dharma bestimmt bzw. regelt das Leben bis ins Detail. Jede Kaste, ja jeder Berufsstand (natürlich auch alles Nichtmenschliche - jedes Tier und jede Form des unbelebten Seins) - hat eine ganz individuelle Daseinsbestimmung. Es gilt, dieser Ordnung unbedingt zu folgen. Der Dharma findet seinen Niederschlag auch in Recht und Sitte, in häuslichen bzw. lebenszyklischen Riten und Zeremonien, Opfer- und Sühneriten etc. Gehorsam oder Ungehorsam gegenüber dem Dharma wirken sich aus auf das Karma des Menschen. Jede Handlung ist Folge vorangegangenen wie auch Ursache künftigen Tuns, sei es im positiven oder negativen Sinne. Die Taten eines Menschen bestimmen sein zukünftiges Schicksal. Gehorsam gegen den Dharma bedeutet Reinhaltung; Ungehorsam Verunreinigung. Sie kann durch unmoralische Handlungen, Kontakt mit Niederkastigen oder Kastenlosen, unreinen Tieren usw. geschehen und bedarf entsprechender Reinigungs- bzw. Sühneriten.
Dem Dharma entsprechend zu leben, ist also gleichbedeutend mit der Vorbereitung einer besseren Wiedergeburt. Erlösung aus dem Geburtenkreislauf geschieht so allerdings nicht oder bleibt zumindest in unsagbarer Ferne. Erlösung in hinduistischer Sicht geschieht vielmehr in einem Akt der Erleuchtung, in dem sich die Erkenntnis des Einsseins von Individual- und Weltseele - Atman und Brahman vermittelt. Anders ausgedrückt - das Individuum erkennt, dass sein Selbst nicht mit seinem Fühlen, Denken, Begehren und Handeln identisch ist.
Man kann zwischen drei verschiedenen Formen, in welchen Hindus ihren Glauben praktizieren, unterscheiden. Diese finden sich auch in der Bhagavadgita wieder. Zum einen ist da der Weg der Erkenntnis und Askese. Er erfordert einen Ausstieg aus der gewöhnlichen Alltagswelt und war bzw. ist als solcher die Sache der Brahmanen bzw. Priester und Sadhus. Mit der Möglichkeit, unmittelbar zur entscheidenden Erkenntnis durchzubrechen und so den Ausstieg aus dem unseligen Geburtenkreislauf zu erlangen, ist diese Form der Frömmigkeit jedoch auch die verheißungsvollste. Zum anderen ist da der Pfad des Handelns, gewissermaßen die Erfüllung der Bestimmung, die die Zugehörigkeit zur jeweiligen Kaste impliziert. Es war in der Vergangenheit der klassische Weg des Kriegers. Mit ihm bietet sich die Möglichkeit, dass eigene Karma zu verbessern, was sich sowohl in diesem Leben als auch bezüglich der Wiedergeburt im nächsten positiv auswirkt. Für die meisten Gläubigen ist schließlich die liebende Hingabe an Gott (Bhakti), vorzugsweise in der Inkarnation Krishnas, die Weise, auf die sie ihren Glauben leben. Dieser Weg eröffnet aus hinduistischer Sicht die Möglichkeit, auch ohne priesterliche Vermittlung Zugang zu Gott zu finden und so zum Segen und zur Hilfe zu einem tugendhaften Leben. Neben den Hauptgöttern" (Brahma, der Schöpfer, Vishnu, der Welterhalter, und Shiva, der Zerstörer) wird von Dörfern oder einzelnen Familien eine unüberschaubare Vielzahl von kleineren lokalen Gottheiten angebetet.
Mit der englischen Kolonialmacht kam im 18. Jahrhundert auch die Idee des Parlamentarismus bzw. der Demokratie. Die Engländer selbst agierten freilich nur sehr bedingt ihren eigenen Idealen entsprechend. Aufstände wurden oft brutal niedergeschlagen. So trugen sie gerade zur Entstehung der dieses Ideal in besonderer Weise unterlaufenden Strömungen bei. Auch hier tat die mangelnde Sensibilität für kulturelle Fragen ein Übriges. Die große Erhebung im Jahr 1857 wurde ausgelöst dadurch, dass die Engländer bei der Essensversorgung muslimischer und hinduistischer Truppen Rinder- und Schweinefett verwandten.
Eine potentielle Gefahr für eine demokratische Entwicklung war im Hinduismus stets in der Kastenordnung gegeben. Der Kastenlose stellt für das die rituelle Reinheit des religiösen Systems eine Bedrohung dar. Kontinuierlich kam und kommt es so auch in der Gegenwart zu Ausschreitungen bzw. Übergriffen gegen Andersgläubige bzw. Kastenlosen, die sich der Verletzung der Kastenregeln schuldig machen. Hinduisten sehen in anderen Religionen keine theologische Bedrohung im engeren Sinne. Sie haben keine Schwierigkeiten, in ihr Götterpantheon eine weitere Gottheit aufzunehmen, bzw. Identifikationen mit hinduistischen Göttern vorzunehmen. Die Gefahr, die natürlich genauso von säkularen Gesellschaftskonzepten ausgeht, wird vielmehr im Bereich der Sozialordnung gesehen. Die fremde Ethik ist meist mit dem kosmischen Dharma unvereinbar.
Schon im 19. Jahrhundert entwickelte sich mit dem Reformhinduismus eine Bewegung, die vehement auf die alten Ordnungen setzte. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand dann die Bewegung, die heute im engeren Sinne als politischer Hindu-Fundamentalismus eingestuft wird. Als einer der Väter gilt Vinayak Savarkar (1883-1966), der 1923 ein Buch mit dem Titel Hindutva. Who is a Hindu veröffentlichte. Grundtenor: Indien den Hindus - das goldene Zeitalter des Landes endete mit dem Eindringen des Islam; der Niedergang verfestigte sich mit der Herrschaft der christlichen" Kolonialmächten.
Im Jahr 1925 wird dann auf dieser ideologischen Grundlage von Keshav Baliram Hedgewar den RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh - Nationale Freiwilligen-Gruppe) gegründet. Gerichtet war die elitäre militärische Organisation zunächst v. a. gegen Gandhis Politik der Gewaltlosigkeit. Der RSS machte dabei aus seiner Bewunderung für Hitlers Politik der völkischen Reinheit kein Hehl.
Etwas moderater gab und gibt sich die BJP (Bharatiya Janata Party), eine aus dem RSS hervorgegangene 1951 als Bharatiya Janata Sangh gegründete Parteienbildung. Sie verfolgte bzw. verfolgt jedoch de facto die gleichen Ziele. Von 1998-2004 stellte sie die Regierung. Ähnlich ausgerichtet wie die BJP, nur gewaltbereiter, ist die 1966 gegründete Partei Shiv Sena (Armee Shivajis).
Politisch Brisant wird das Agieren des militanten Hinduismus natürlich v. a. im Verhältnis zum muslimischen Nachbarstaat Pakistan. Beide Staaten sind im Besitz von Atomwaffen. Territoriale Streitigkeiten bestehen seid Jahren in Bezug auf die Kashmir-Region.