Sechs Monate verbrachte Hans Koch, erfolgreicher Komponist und Musiker, in einer der ärmsten Regionen Indiens: in Varanasi/Benares, der heiligen Stadt am Ganges. Von dort aus sendete er dem Autor Michael Stauffer seine Erfahrungsberichte, die dieser zu einem beeindruckenden Hörstück verdichtete.
Varanasi stinkt - überall Dreck, Lärm und Chaos und die vielen Leichen im Ganges gehören zum Stadtbild wie die unzähligen Rikschafahrer auf den Straßen. Hans nimmt das indische Alltagsgeschehen mit den Augen eines Schweizers wahr, wodurch immer wieder Kontraste zwischen den Kulturen aufgezeigt werden. Während er von seinen Erlebnissen berichtet - er geht einkaufen, besucht einen Tabla-Spieler und eine Mülldeponie, fährt Fahrrad und liest Hermann Hesse -, wird
deutlich, wie er sich immer mehr an Missstände wie Stromausfälle und ungenießbares Essen gewöhnt und langsam selbst zum Hindu wird.
In Hans' nüchternen Beschreibungen werden kulturelle und religiöse Traditionen und Sitten Indiens angedeutet und kurz reflektiert. Begegnungen mit zwei Kühen als Reinkarnationen von Verwandten des Hoteldirektors oder mit der Kaste der Unberührbaren führen zu philosophischen Überlegungen über menschliche Werte und den Wert des Menschen.
Durchzogen wird das Stück außerdem von Gedanken an die daheimgebliebene Familie. Wie Frau und Sohn in der Schweiz ihren Alltag fristen, erscheint hier durchgängig als scharfer Kontrast zu Hans' Erfahrungen in Indien - ein Vergleich, der nicht nur Hans' Heimwehgefühle schürt, sondern auch immer wieder zum Nachdenken über die Unterschiede zwischen den Kulturen anregt.
Im Gegensatz zu einer durchgehenden, kohärenten Handlung stehen Gedanken und Berichte aneinandergereiht, durch strukturierende Erzählpausen getrennt. Die fragmentarischen Erzählstränge spiegeln in ihrer Vielfalt und Ambivalenz indische Lebensrealität wider.
Ueli Jäggi erhielt bereits 2004 und 2007 den Deutschen Hörbuchpreis als bester Sprecher. Seiner etwas rauen und doch angenehmen Stimme, die niemals gekünstelt oder übertrieben wirkt, sondern schlicht und authentisch Eindrücke, Atmosphäre und Gefühle wiedergibt, ist es wohl auch wieder mit zu verdanken, dass "Hinduhans" unter den Nominierten für den Deutschen Hörbuchpreis 2010 in der Kategorie Fiktion zu finden ist.
Das Hörspiel lebt abgesehen von der Stimme Jäggis von seinem außergewöhnlichen Klanggemisch, das ebenfalls für den atmosphärisch-dichten Charakter dieses Stückes sorgt. Nichts könnte die einzigartige Kultur Indiens besser wiedergeben als die vielfältigen Originaltöne von Stimmen, indischem Gesang und allerlei Geräuschen von Verkehrslärm bis hin zu Tierlauten. Einzelne Klänge sowie stimmungsvolle, synthetische, ernsthafte Musik ergänzen die Collage aus Sprecherstimme und O-Tönen.
In "Hinduhans" verschmilzt nüchterne Prosa in einer bizarren Collage mit Musik und indischen Originaltönen. Banale Alltagserlebnisse werden zu einer philosophischen Erkenntnisreise in eine fremde Kultur. Wer Indien besser kennen lernen möchte, sich für Reisen und andere Kulturen interessiert, der wird von dem außergewöhnlichen Charme dieses stimmungsvollen Hörerlebnisses begeistert sein. Hier wird Indien jenseits von Fakten und Zahlen erlebbar gemacht.
Autoren/ Regie/ Musik: Michael Stauffer, Hans Koch
Sprecher: Ueli Jäggi
Christoph Merian Verlag, Basel 2010
1CD, 54 Minuten