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Hindenburg: Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler
 
 
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Hindenburg: Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler [Gebundene Ausgabe]

Wolfram Pyta
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (11 Kundenrezensionen)
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Aus der Amazon.de-Redaktion

Dass sich in deutschen Städten immer noch zahlreiche Plätze und Straßen finden, die zur Ehre des Paul von Hindenburg seinen Namen tragen, hätte den ebenso selbstgerechten wie eitlen, seine politische Weitsicht maßlos überschätzenden Weimarer Reichspräsidenten sicherlich gefreut. Für die betroffenen Gemeinden aber ist es eine Schande, wenn sie den darin dokumentierten fatalen Irrtum offenbar noch immer nicht für korrekturbedürftig halten: dass das politische Streben Hindenburgs ohne Tadel gewesen sei -- auch wenn er sich am Ende, wie man einschränkend bestenfalls einräumt, geschwächt von seinem Alter von Hitler habe instrumentalisieren lassen. Eigentlich auch eine Schande -- für die Zunft der Historiker in Deutschland -- ist es, dass es bis ins Jahr 2007 gedauert hat, bis sich mit Wolfram Pyta jemand gefunden hat, der diesem Hindenburg endlich eine seiner historischen Bedeutung angemessene, große und von den sich um ihn wie Lorbeer und Eichenlaub rankenden Mythen gereinigte Biografie gewidmet hat.

Mindestens zweimal war Paul von Hindenburg entscheidend an unheilvollen historischen Weichenstellungen beteiligt: Als Chef der 3. Obersten Heeresleitung, zu dem er 1916 berufen wurde, war er 1918 unmittelbar am Sturz Wilhelm II. beteiligt. Als 1925 in freier Volkswahl gekürter und 1932 wiedergewählter Staatspräsident der Weimarer Republik ernannte er Adolf Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler. Dies tat er, nach anfänglichem Zögern, in freier Entscheidung und bei vollem Verstand -- ebenso, wie er seine Unterschrift unter die „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar 1933 und unter das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 setzte, das endgültig den Weg zur Errichtung der NS-Diktatur freimachte. Und als Hitler noch an Hindenburgs Todestag per Gesetz die Amtsfunktionen des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten auf sich vereinte, konnte er sich dabei auf das politische Testament Hindenburgs berufen, der in Hitler den Vollender seiner eigenen politischen Vision einer nicht nur äußerlich geeinten deutschen Nation sah. Und dies, wie die detailreiche und für die Zukunft maßgebliche Hindenburg-Studie Pytas eindrucksvoll belegt, sehr wohl im vollen Wissen, wes wahnhaften Geistes Kind der Nationalsozialismus tatsächlich war.

Am Ende steht der „Sieger von Tannenberg“ (der er in Wahrheit auch nicht gewesen ist) vor uns als das, was er tatsächlich war: kein ehrenvoller preußisch-deutscher Patriot, sondern einer der großen Unglücksfälle der deutschen Geschichte. -- Andreas Vierecke, Literaturanzeiger.de

Pressestimmen

"Zweiflern an Pytas Hindenburg Biographie sei gesagt, dass der Autor seine 870 Textseiten auf die Arbeit in 96 Nachlässen und 42 Archiven von Harvard bis Moskau stützt und auf 185 Anmerkungsseiten präzise über seine Quellengrundlage Auskunft gibt. Seine Stärke liegt aber nicht allein in der mustergültigen empirischen Fundierung, sondern vor allem in der analytischen Durchdringung eines biografischen Themas, in der fern jeder Dogmatik ausgeführten Analyse von Entscheidungsprozessen, in der scharf konturierten Herausarbeitung der Symbolpolitik und der charismatischen Züge von Hindenburgs Herrschaft und in der konsequent durchgehaltenen Kritik am Nationalsozialismus als handlungsleitendem Weltbild. Das Ergebnis ist ein großartiges Beispiel moderner Zeitgeschichte, deren Reflexionsniveau sich auf der Höhe der gegenwärtigen Diskussion bewegt. Es verdient nicht nur zahlreiche Leser, die auf eine menschenfreundliche und dennoch begriffsscharfe Prosa stoßen, sondern auch eine engagierte Debatte, da nicht wenige Positionen der zeithistorischen Geschichtswissenschaft überzeugend infrage gestellt werden." (Die Zeit )

"Nicht Akteur, sondern Regisseur des Untergangs: In seiner gründlichen Biographie reinigt Wolfram Pyta den Feldmarschall Paul von Hindenburg von aller patriotischen Patina. Plötzlich steht der Mann nackt da - und seine verhängnisvolle Rede wird um so plastischer. (...) Die Leistung von Pyta ist es, dass er Hindenburg, der in der Fatalität seiner Wirkung auf die deutsche Geschichte bislang nur als Schattenriss bemerkbar war und dessen persönlich zurechenbare Verantwortung für die Katastrophe Deutschlands immer von der anderer Akteure mildtätig verdeckt wurde, in voller Größe und Plastizität darstellt." (Süddeutsche Zeitung )

"Dem selbstformulierten Anspruch, Politik- und Kulturgeschichte fruchtbar zu verbinden, ist Pyta merklich besser gerecht geworden als kulturalistische Brauseköpfe vor ihm. Mit seiner höchst lesenswerten Studie trägt Pyta dazu bei, neues Interesse auf die nach wie vor "bohrende Frage" nach dem Ende der ersten deutschen Demokratie zu lenken und das alte Desiderat einer großen, quellengestützten Hindenburg-Biographie zu erfüllen." (FAZ )

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Kundenrezensionen

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33 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Vorweg die schlechte Nachricht: Wer zu diesem Buch greift braucht Geduld. Ausreichend Geduld für 871 eng bedruckte Seiten. Wer jedoch diese Geduld aufzubringen bereit ist, wird reichlich für die investierte Zeit entschädigt. Nach dem großen Erfolg der DVA mit Christopher Clarks Preußen" zieht der Siedler-Verlag mit der vorliegenden Biographie Hindenburg - Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler" nach und legt ein Werk vor, das anhand der Person Paul von Hindenburgs einen Teilabschnitt preußisch-deutscher Geschichte im besten Sinne des Wortes erzählt.

Der Autor Wolfram Pyta schlägt dabei einen weiten Bogen von der Schlacht bei Königgrätz an der der junge Leutnant Hindenburg bereits teilnahm, über die Kaiserkrönung in Versailles, den Ersten Weltkrieg, die Zeit der Weimarer Republik bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft. Dass dem Autor bei dieser Erzählung nicht eine Zeile lang die Puste ausgeht, kein Abschnitt und keine Seite zum Überspringen einlädt, man sich also auf dem langen und ereignisreichen Weg durch die deutsche Geschichte nie langweilt ist nur einer der Vorzüge des vorliegenden Werks.

Dankenswerter Weise verschont Pyta seine Leser mit allzu detaillierten Schilderungen des Privatmannes Hindenburg, sondern konzentriert seine Arbeit auf die beiden wichtigsten Zäsuren deutscher Geschichte an denen Hindenburg entscheidenden Anteil hatte - dem Sturz der Monarchie und der Flucht Kaiser Wilhelm II. ins niederländische Exil im November 1918 und der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler im Januar 1933.
Dabei ist es das Grundanliegen (...) den Ursachen für das Verhalten Hindenburgs auf die Spur zu kommen." Folgerichtig behandelt Pyta die ersten 67 Lebensjahre seines Protagonisten mit der gebotenen Kürze. Nicht ohne jedoch die in dieser Zeit herausgebildeten und die folgenden knapp zwei Jahrzehnte seines militärischen und politischen Wirkens prägenden politischen Grundüberzeugungen herauszuarbeiten.

Dem mit dem gebotenen Mut zum Verzicht geschriebenen Kapitel über Hindenburgs erste" militärische Karriere folgt die ausführliche Darstellung seiner zweiten Chance nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs und erfolgreich betriebener Reaktivierung. Ausführlich schildert Pyta die außergewöhnliche Zusammenarbeit Hindenburgs mit seinem Gehilfen" Ludendorff. Gründlich räumt Pyta in diesem Zusammenhang mit den in Teilen bis heute existierenden Mythen um Hindenburgs militärische Leistungen und seine außerordentliche Führungsstärke auf. Eindrucksvoll schildert er wie der Oberkommandierende Hindenburg in Uniform und aktiven Dienst zurückgekehrt, sein Pensionärsleben fortsetzt: ausgiebig speist, spazieren geht, viel schläft, Gäste empfängt und seiner großen Leidenschaft - der Jagd - frönt. Während er in allen militärischen Dingen - wie von ihm erwartet - jeden Tatendrang vermissen lässt, nutzt er seine Zeit zu einer beispiellosen medialen Selbstinszenierung. Geschickt nutzt Hindenburg die Sehnsucht der deutschen Bevölkerung nach einer nationalen Symbolgestalt und legt damit den Grundstein zu seiner weiteren politischen Karriere.

Eindrucksvoll schildert Pyta wie sich Hindenburg im Verlauf des Krieges immer mehr zum Politiker entwickelt. In dieser Funktion handelt Hindenburg, als er 1918 als Chef der 3. Obersten Heeresleitung mit bislang beispielloser Machtfülle versehen den Kaiser zur Abdankung und ins Exil zwingt.
Die Basis seiner Macht - der eigene Mythos - verhilft Hindenburg auch in der Weimarer Republik zur höchsten Macht. Die unter der politischen Parole Herstellung der nationalen Einigung" stehenden Jahre Hindenburgs als Reichspräsident stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils des Buches. Durch geschickte Reduzierung der Schilderung auf die Person Hindenburgs und die wenigen jeweils in seinem direkten Umfeld handelnden Personen, gelingt es Pyta in diesem Abschnitt, die Mechanismen hindenburgschen Handelns und Herrschens aufzuzeigen. Deutlich wird dabei, dass der Feldmarschall-Reichspräsident" Hindenburg alles der Wahrung des eigenen Mythos als nationaler Symbolfigur und großer Einiger unterordnete. Diesem Credo gehorchte auch die Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Januar 1933. Auf welch tönernen Füßen dieser Mythos ruhte beweist allein die Schilderungen seiner je nach tagespolitischer Aktualität gewährten Loyalität.

Über die aufwendigen Vorleistungen die der Autor erbringen musste, um diese Geschichte schreiben zu können, gibt der über zweihundert Seiten starke Anhang Auskunft. Die Fülle der verwendeten Quellen allein nötigt Respekt ab und lässt vermuten, dass da nicht mehr viel in Archiven ruht, dass noch weitere wesentliche Auskunft zum Thema geben könnte.
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24 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von O. Miller TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Ich muss VORAB sagen, dass mein Geschichtsbild von einer Epoche (hier: Weimar) selten von einem Buch so erschüttert wurde, wie in diesem Fall. Wem, wie mir, in der Schule und teilweise auch im Geschichtsstudium (ja, wirklich!!) die Mär vom tattrigen und altersschwachen, verkalkten Hindenburg, der von seinem Gefolge manipuliert und gelenkt wurde, erzählt wurde, sollte dieses Buch lesen.

Pyta räumt mit seinem Werk eigentlich mit dem kompletten Hindenburgmythos auf. Weder war der Generalfeldmarschall DER Held von Tannenberg (er hatte mit dem Sieg wenig zu tun) noch war er in seinen späten Jahren die Marionette der Rechten. Hindenburg war vielmehr ein spätberufener Militär, der es geschickt verstand sich und seinen Mythos zu vermarkten und politisches Kapital zu schlagen.
Zwar Monarchist, er drängte Wilhelm II zum Exil, wurde er zur Identifikationsfigur der Weimarer Republik. Durch präsidiale Gewalt lenkte er den Staat durch die Kanzler Brüning, Papen, Schleicher. Er sah seinen Traum von der nationalen Einheit verwirklicht durch Hitlers Kabinett der "nationlen Konzentration" ohne die Konsequenzen zu bedenken, die der Machttransfer auf Hitler zur Folge hatte.

Das BUCH ist keine leichte Kost. Pyta hat einen recht schweren akademischen Stil, der sich so gar nicht als Bettlektüre eignet, sondern doch einiges an Konzentration erfordert.

Als FAZIT kann man das Buch nur als das neue Standartwerk in Bezug auf Hindenburg und die Weimarer Republik bezeichnen.
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41 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Bernhard Nowak TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Wolfram Pyta hat mit seiner Hindenburg-Biographie eine enorme Forschungsleistung erbracht und sicherlich die Biographie vorgelegt, die wirklich alle verfügbaren - auch neuen - Quellen zu Hindenburg erarbeitet hat. Besonderen Wert erhält die Biographie dadurch, dass sie nicht nur geschichtliche, sondern auch politikwissenschaftliche Forschungsansätze - insbesondere zur Diktatur- und Charismaforschung - berücksichtigt. In Anlehnung an seinen Aufsatz: Paul von Hindenburg als charismatischer Führer der deutschen Nation" in Frank Möllers: Charismatische Führer der deutschen Nation" aus dem Jahr 2004 gelingt es Pyta, Hindenburgs Popularität, seinen Mythos darzustellen und auf dieser Basis zu erklären, warum Hindenburg Hitler im Jahre 1933 mit der Kanzlerschaft beauftragte. Im Herbst 1932 hatte die charismatische Herrschaft Hindenburgs ihren Zenit erreicht. Weite Teile der deutschen Gesellschaft warteten - so Pyta in dem erwähnten Aufsatz in Möllers Sammelband - geradezu darauf, dass Hindenburg unter Ausnützung der in der Weimarer Verfassung steckenden Möglichkeiten das politische System in ein auf ihn zugeschnittenes Präsidialsystem umwandelte. Insbesondere der letzte Reichskanzler vor Hitler, der von Hindenburg gegen seinen Willen ernannte Kurt von Schleicher, hat Hindenburg zu einer solchen Lösung, welche sich auf die aktive Unterstützung der Reichswehr hätte verlassen können, gedrängt. Warum hat Hindenburg diese Lösung abgelehnt? Zunächst aus persönlichen Gründen: Hindenburg hatte bereits Brüning unter anderem deswegen entlassen, weil er spürte, dass die unpopulären Notverordnungen, die unter seinem Namen erfolgten, nicht nur Brünings Ansehen auf einen Tiefpunkt gebracht hatten, sondern auch eine Gefahrenquelle für seine Popularität, seinen Mythos und sein Charisma gewesen sind. Hindenburg hatte zwar Geschmack am Regieren und Herrschen gefunden - und er war - wie es Pyta zeigt - eben keine Marionette seiner Berater, sondern traf letztlich alle Entscheidungen - auch diejenige der Ernennung Hitlers - selber. Aber Hindenburg wollte in erster Linie seinen Mythos und seine Popularität erhalten. Eine Entscheidung zugunsten der präsidialen Republik hätte Hindenburg in Konflikt mit der politischen Rechten in Gestalt der Nationalsozialisten gebracht. Und es hätte vor allen Dingen aus seiner Sicht die Gefahr bestanden, dass durch die Führung der NSDAP alles, was ihm lieb und teuer geworden war, einer öffentlichen Auseinandersetzung unterzogen worden wäre.

Zweitens erkannte er, dass er zu einer zum Konflikt mit dem Reichtstag entschlossenen Präsidialregierung die Reichswehr als machtpolitischen Rückhalt benötigte. Wenn dieser ausfiel, konnte Hindenburg keinen Bürgerkrieg riskieren und den Staatsnotstand nicht wagen.

Drittens war Hindenburg im Januar 1933 mit 85 Jahren ein alter Mann. Zwar war er weit von einer ihm oft zugesprochenen Senilität entfernt, aber er spürte sehr wohl ein Schwinden seiner Kräfte und war auch von daher nicht länger bereit, das amt des Reichspräsidenten als Verpflichtung zu einer politischen Kraftprobe zu interpretieren. Hindenburg sehnte sich danach, sich auf seine rein repräsentativen Aufgaben zurückziehen zu können und so Konflikten, die zur Minderung seines Charismas und seines Mythos hätte führen können, aus dem Weg zu gehen. Hindenburg scheute davor zurück, sich politisch so zu exponieren, dass sein Mythos, dessen Pflege und Bewahrung ihm zur Lebensaufgabe geworden war, irreparablen Schaden erleiden konnte. Hindenburg gestand sich mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler indirekt ein, dass sein Charisma lediglich geborgt war und auf einer Fremdzuschreibung durch die deutsche Gesellschaft beruhte. Es war daher ein viel zu zerbrechliches Gut, als dass er eine existentielle Krisensituation mit dessen Einsatz hätte meistern können. Hindenburg verdankte seine charismatische Herrschaft in erster Linie der politischen Instrumentalisierung seines Mythos - und daher schreckte er vor einer möglicherweise mythenzerstörenden Politik zurück.

Viertens war Hindenburgs Ziel, das deutsche Volk zu Einigkeit und einer Volksgemeinschaft zu führen. In diesem programmatischen Ziel sah er sich mit Hitler einig, wie Hitlers erste Regierungserklärung vom 1. Februar 1933 bewies. Spätestens mit dem Tag von Potsdam - von Pyta als endgültiger Durchbruch" im persönlichen Verhältnis Hindenburgs zu Hitlers bezeichnet (S. 824) - gingen Hitler und Hindenburg eine Symbiose ein, von der beide Seiten profitierten. Hindenburg zog sich auf die charismatischen Grundlagen seiner Herrschaft zurück - seinen Feldherrenruhm, dem ihm niemand mehr streitig machte. Sein potentieller Nachfolger würde auch nach Hindenburgs Tod dessen Mythos nicht antasten und ihn als unentbehrlichen Wegbereiter für die innere Einheit der Nation preisen. Hitler konnte den Hindenburg-Mythos nutzen, um ihn als Rechtfertigungsinstanz für seine Politik zu nutzen und von dem Ruhm Hindenburgs zu profitieren, so dass ihm bei Hindenburgs Tod niemand den Anspruch auf dessen Nachfolge würde streitig machen können. Mit seinem Testament vom Mai 1934 designierte Hindenburg Hitler zu seinem unmittelbaren" Nachfolger, wie es Hindenburgs Sohn Oskar in einer Rundfunkansprache im August 1934 - unmittelbar vor der Volksabstimmung über die Nachfolge Hindenburgs - auch bestätigte.

So weit zum Inhalt dieser monumentalen Biographie. Wie oben angedeutet, fasziniert die Anwendung des Charisma-Begriffes auf Hindenburg, der geeignet ist, die Ereignisse, die zur Ernennung Hitlers führten, zu erklären und somit politikwissenschaftliche Ansätze der Charisma- und Diktaturforschung für die historische Forschung über das Ende der Weimarer Republik gewinnbringend zu nutzen.

Dennoch bin ich mit dieser Biographie nicht hundertprozentig zufrieden. Ich vermisse eine zusammenfassende Wertung der Rolle Hindenburgs in der deutschen Geschichte und habe das Gefühl, den Wald vor lauter Bäumen" nicht mehr zu erkennen. Wie kommt es, dass ich das Gefühl habe, von einem Drei-Seiten-Essay Heinrich Augsut Winklers: Hindenburg, ein deutsches Verhängnis" (in seinem neuen Werk: Auf ewig in Hitlers Schatten?) mehr über Hindenburgs Rolle in der deutschen Geschichte zu erfahren als in Pytas monumentalem Werk? Wie kommt es, dass ich nach wie vor in der Methode von Horst Möller, der seine Geschichte über die Weimarer Republik mit einer vergleichenden Gegenüberstellung der beiden Reichspräsidenten Ebert und Hindenburg beginnt, mehr Erkenntniswert über die Wirkung beider Persönlichkeiten und ihrer Rolle als Stabilisator bzw. Totengräber der Weimarer Republik abgewinnen kann als in Pytas Werk?

Dies liegt daran, weil Pyta den Leser mit Material überfrachtet, ohne dem Leser zu erklären, warum heute noch eine Biographie über Hindenburg notwendig ist und was das Wesentliche in seiner Rolle in der deutschen Geschichte ist. Paul Sethe hat dies - in Anlehnung an Karl-Dietrich Bracher - einmal sehr prägnant auf den Punkt gebracht: Dreimal hat Paul von Hindenburg eine verhängnisvolle Entscheidung getroffen: er hat dem Kaiser geraten, nach Holland zu gehen; er hat die Doclhstoßlegende in die Welt entsandt; er hat den letzte fähigen Staatsmann von Weimar [Sethe bezog sich hier auf Brüning] entlassen." Nicht umsonst nennt Winkler Hindenburg in seiner oben zitierten neuen Essay-Sammlung: Ein deutsches Verhängnis". Hindenburg hat mit seinen Entscheidungen zum Ende der ersten demokratischen Republik beigetragen und Deutschland an Hitler ausgeliefert; er war der Totengräber" Weimars. Dies hätte Pyta durchaus deutlicher herausarbeiten müssen. Insofern bleibt die - hervorragende und leider vergriffene - Biographie Andreas Dorpalens über Hindenburg in der Geschichte der Weimarer Republik von 1966 nebst dem Buch von Horst Möller nach wie vor das wichtigste Werk für denjenigen, der verstehen möchte, warum die Weimarer Republik gescheitert ist.
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