Fast unübersehbar ist die Zahl von Büchern und Publikationen zum Thema Hexenverfolgung. Leider besteht ein großer Teil davon schlicht aus Unsinn, der immer wieder aufs neue abgeschrieben wird. Die seriöse, wissenschaftliche Geschichtsschreibung wird oftmals von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen und hat im Buchhandel keine Chance im Wettbewerb mit reißerisch geschriebenen Halb- und Unwahrheiten. Umso wichtiger, dass der „Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung“ seit einigen Jahren regelmäßig Tagungen durchführt und die Ergebnisse zumindest einiger dieser Tagungen jetzt auch publiziert werden und somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sind.
Im vorliegenden Band wird untersucht, inwieweit der Nationalsozialismus Interesse am Thema „Hexenverfolgung“ hatte. Tatsache ist, dass die SS auf Anweisung Heinrich Himmlers zwischen 1935 und 1944 in grossem Stil Archivmaterial über Hexenverfolgungen zusammentrug. Diese „Hexenkartothek“ mit Hinweisen auf rund 30.000 Hexenprozesse befindet sich seit Kriegsende im Archiv von Poznan in Polen, ist aber auf Mikrofichen auch im Bundesarchiv Koblenz vorhanden und zugänglich.
Die Nazis hatten aus zweierlei Gründen ein großes Interesse an diesem Thema: zum einen, weil seit dem 19. Jahrhundert (und heute wieder in großem Stil!) Vorstellungen kursieren, wonach die „Hexen“ urgermanische, keltische oder was auch immer für archaische Rituale ausgeübt hätten. Das kam den NS-Vorstellungen von der „germanischen“ Vergangenheit der Deutschen entgegen. Alle, die heute noch derartige Ideen in die Welt setzen, sollten sich bewusst sein, in welcher geistigen Nachbarschaft sie sich damit bewegen! Das zweite Motiv für die SS war antijüdische und antikirchliche Propaganda. Denn die Schuld für die massenhafte Hexenverfolgung sollte – wie immer – entweder bei den Juden oder bei den christlichen Kirchen liegen. Himmler betrachtete die Hexenprozesse als „Verbrechen am deutschen Volk“. So sah er in der Hexenverfolgung den Versuch der christlichen, vor allem der katholischen Kirche, „altgermanisches“ Erbe zu vernichten. Zumindest was letzteres angeht, ist es den Nazis gelungen, bis heute wirksame Clichées zu verbreiten.
Der Band befasst auch mit den einzelnen SS-Leuten, die an diesem Projekt mitarbeiteten. Ihre Arbeit ist rein sachlich gesehen von sehr unterschiedlicher Qualität; manche haben das vorhandene Archivmaterial gründlich und korrekt aufgearbeitet und in die „Hexenkartothek“ eingespeist, andere haben sehr oberflächlich gearbeitet und massive Lese- und Verständnisfehler begangen, die u.a. auf Unkenntnis der historischen Verhältnisse basierten.
Im Ganzen ein absolut notwendiges, aber auch unbequemes Buch. Es zeigt deutlich, wie mit einem bestimmten historischen Thema – hier den Hexenverfolgungen – politische Meinungsmache versucht wurde und in welchem Maß nicht wenige dieser Nazi-Vorstellungen bis heute noch bzw. heute wieder in populären Schriften verbreitet werden.