Ein schönes Beispiel dafür, dass man mit der Formel >Gute/schlechte Rezensionen = gutes/schlechtes Buch< manchmal vollkommen daneben liegt. In diesem Fall bieten sie leider nicht einmal einen groben Anhaltspunkt. Und das ist das mindeste, was ich(!) von einer guten(!) Rezension erwarte, gleichgültig ob sie negativ oder positiv ausfällt - deshalb null Punkte für die bisherigen Rezensenten. Wenn ich diese fast durchgehend negativen Bewertungen gelesen hätte ohne etwas von Reynolds zu kennen, wäre mir dieses Buch wahrscheinlich nicht in die Finger gekommen und mir wäre ein großartiges und spannendes Buch entgangen. Daniel Defoe hat mit Robinson Crusoe ein Stück Weltliteratur geschrieben. Die Kritiken dieser scheinbar völlig übersättigten Rezensenten wären bei ihm wohl ähnlich vernichtend ausgefallen: Langweilig, kommt nicht in Schwung, spannungslos, eingleisig ("keine Parallelgeschichte") usw., usw.
Genug geschimpft, worum geht es?
"Mitte des 21. Jahrhunderts hat sich im erdnahen Orbit eine blühende Industrie entwickelt. Riesige Raumschiffe fangen Kometen ein, um ihre Rohstoffe auszubeuten ... (Klappentext)" Da verlässt der Saturnmond Janus plötzlich seine Bahn und nimmt mit stetig zunehmender Geschwindigkeit Kurs auf einen Punkt weit außerhalb des Sonnensystems. Das am nächsten gelegene Verarbeitungsschiff Rockhopper bekommt den Befehl, sich Janus zu nähern und eine Untersuchung einzuleiten. Welches Risiko darf für die Erforschung des vermutlich künstlichen Mondes eingegangen werden? Die Annäherung und Landung auf Janus funktioniert, doch die Untersuchung nimmt mehr Zeit in Anspruch als geplant. Es kommt zu einem Unfall, eine gravierende Fehleinschätzung bei der Wegbewegungsgeschwindigkeit führt zu einem massiven Konflikt und es kommt zu einer Revolte auf dem Schiff. Der Kontakt zur Erde bricht ab. Die Besatzung muss sich entscheiden für das Ausharren und einen völlig ungewissen Ausgang der Reise oder dem Versuch, Janus zu verlassen und eine Rückreise anzutreten. Letzteres wird aufgrund der begrenzten Treibstoffe und ohne realistische Aussicht auf das Eintreffen von Hilfsschiffen von der Erde in einer absehbaren Zeit als sicheren Untergang verworfen. Die Entscheidung fällt für Bleiben (hätte ich auch gemacht!) und man beginnt unter sehr schlechten Bedingungen Janus genauer zu erforschen und kämpft gleichzeitig um das Überleben in einer extrem unwirtlichen Umgebung. In drei Zeitsprüngen (2057, 2059, 2090) wird das Fortschreiten der Ereignisse geschildert und die Reise ist noch lange nicht zuende ...
Bemängeln könnte man, ob die Auseinandersetzungen auf dem Schiff in ihrer Unerbittlichkeit nicht hätten anders verlaufen können. Und ob das Ende nicht etwas zu dicht vollgepackt worden ist. Doch der Ablauf der Ereignisse wird von Reynolds packend und realistisch geschildert, wer das nicht spannend findet hat sich den literarischen Magen gründlich verdorben. Es gibt im übrigen sehr wohl eine Paralellgeschichte, die angenehm zurückhaltend ein paar wichtige Hintergrundinformationen für den Fortgang und das Ende der Geschichte liefert.
Mein Fazit: Ein ungemein spannende und gut erzählte Science-Fiction-Story.