Am 26.03.2010 fand in Berlin eine Lesung von Necla Kelek im Kino Babylon anlässlich des Erscheinens ihres neuen Buches statt. Ich kenne Frau Kelek als engagierte Diskutantin von vielen Podiumsdiskussionen und mutige Streiterin für die Emanzipation der Frau. Auch durfte ich sie als charmant eloquente Laudatorin für eine andere mutige Frau erleben, die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die im Frühjahr 2010 die Liberta 2009, den Bürgerinnenpreis der Liberalen Frauen verliehen bekam. Seit Jahren verfolge ich ihren konsequenten Kampf gegen den Schleier, islamistische Unterdrückung und Unterwanderungsversuche.
Die Lesung war wie erwartet: engagiert, informativ, berührend, partiell erschreckend - kurz: Ich musste die "Himmelsreise" unbedingt lesen.
Wer leichte Kost erwartet, wird sich schwer tun: Kelek hat mit großer Sorgfalt und Sachkunde unterschiedlichste Aspekte über den Islam zusammengetragen. Das Buch gliedert sich in drei große Kapitel: Islam als Glaube, Islam im Alltag sowie Islam und Politik. Kelek belässt es nicht bei Interpretationen oder Behauptungen, vielmehr geht sie den historischen Wurzeln nach, soweit dies möglich ist.
Ganz besonders wichtig ist der Autorin die Analyse der Rolle und Stellung der Frau im Islam. Hier ist deutlich zu spüren, dass Alice Schwarzer eine gute Freundin und Mitstreiterin ist. Sie war eine der ersten, die vor dem Islamismus warnte. Daher auch besten Dank für den Verweis auf das ebenso interessante Buch von Alice Schwarzer Die Gotteskrieger". Es wundert kaum, das Necla Kelek sich zum Fürsprecher der Mädchen macht, denen sie möglichst viel Freiheit zu unbeeinflussten Entscheidungen wünscht.
Energisch geht sie mit Einstellungen und Gepflogenheiten ins Gericht, die gegen unser Demokratieverständnis verstoßen. Das Buch ist insgesamt eine konsequente Streitschrift für Freiheit und Gleichberechtigung. Nicht ohne Grund beschäftigt sich Kelek mit der Epoche der Aufklärung in Europa und wünscht sich auch für den Islam eine ebensolche, eine Erneuerung, eine moderne Interpretation des Koran.
Es hat mich sehr beeindruckt, derart eindeutige Bekenntnisse zu Demokratie und Rechtsstaat zu lesen. Dies mündet fast zwangsläufig in Kritik an westlichen Politiker, die allzu arglos sind gegenüber Fehlentwicklungen und ein problematisches Verständnis von Toleranz haben. Dieses wirkt ebenso wie reines Nichtstun der Bildung, genauer: der Aufrechterhaltung von Parallelgesellschaften nicht entgegen.
Summa summarum: "Himmelsreise" ist ein sehr interessantes, gut fundiertes Buch mit weitem Blickwinkel, das durch Bespiele eindrucksvoll abgerundet wird. Seien Sie darauf gefasst, dass die schonungslose Analyse des Ist-Zustand selten ein Grund zu Freude ist. Aber darum geht es Kelek auch nicht: Sie wollte ein differenziertes Islambild zeichnen, Hintergrundwissen vermitteln und Bewusstsein für ungute Zustände und Entwicklungen schaffen, was ihr zweifellos gelungen ist.
Auch wer sich von Berufs wegen mit den Themen beschäftigt, wird sich über diese gelungene Zusammenstellung und differenzierten Gedanken freuen.