Nach verschiedenen Büchern über den Krieg und das Exil, kehrt Remarque mit DER HIMMEL KENNT KEINE GÜNSTLINGE zurück zu einem Thema, über das er bereits in
Station am Horizont geschrieben hat: Autos und Rennsport. Remarque war übrigens ab Januar 1925 bei SPORT IM BILD als Redakteur für Automobil und Rennsport angestellt.
Station am Horizont wurde darin als Fortsetzungsroman veröffentlicht, vom November 1927 bis zum Februar 1928. Schnittige Autos, Alkohol, Roulette und schöne Frauen, unter anderem eine Dame namens Lilian Dunquerke. All dies taucht auch in diesem Buch auf, wenn auch in Variationen und ergänzt um ein wesentliches Element: den Tod.
Ebenso sind die beiden Erzählungen DAS RENNEN VANDERVELDES sowie DIE ANDERE LIEBE, welche in dem Taschenbuch
Herbstfahrt eines Phantasten: Erzählungen und Essays abgedruckt sind, im Rennfahrermilieu angesiedelt. Insbesondere DIE ANDERE LIEBE kann als Vorläufer zu diesem Buch bezeichnet werden. Aufbau und Protagonisten ähneln sich teilweise, einige Szenen finden sich in diesem Buch hier wieder. Aber sicherlich interessiert Sie mehr, worum es eigentlich in DER HIMMEL KENNT KEINE GÜNSTLINGE geht:
Der Zweite Weltkrieg ist vorüber. Es ist Frühjahr. Der Rennfahrer Clerfayt besucht seinen früheren Beifahrer Hollmann in einem Sanatorium für Lungenkranke in den Schweizer Bergen. Dort trifft er Lillian Dunkerque. Eine junge Frau, die der Berge überdrüssig ist. Dass sie nicht mehr lange zu leben hat, wenn sie das Sanatorium verlässt, ist ihr wohl bewusst. Sie will aber lieber das Leben bis zur letzten Minute auskosten und so geht sie mit Clerfayt, der nichts von all dem ahnt. Lillian entspricht hier einem Frauenbild Remarques, das er später auch in
Die Nacht von Lissabon portraitiert hat: Souveränität im Angesicht des Todes. Der Tod ist in diesem Buch allgegenwärtig sowohl im Leben von Clerfayt wie auch bei Lillian. Der Tod auf der Rennstrecke und der Tod im Sanatorium.
Daneben werden unterschiedliche Arten zu leben gezeigt. Ein Möchte-gern-Rennfahrer, der, als er verunglückt, um sein nicht-kaskoversichertes Fahrzeug jammert, anstatt Gott zu danken, dass er lebt. Der Wirt in Porto Ronco, der trotz ausgezeichneter Karriereaussichten in der Fremde lieber in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist. Zufälligerweise kehrte auch der Schriftsteller Remarque immer wieder in eben diesen Ort zurück, verbrachte dort seine letzten Jahre. Aber zurück zur Geschichte. Ein weiteres bemerkenswertes Exemplar ist Lillians Onkel Gaston, Achtzigjährig, in Paris lebend. Er missbilligt die Art und Weise wie seine Nichte ihr Geld ausgibt. Für Kleider von Balenciaga und ein Hotel, anstatt bei ihm zu wohnen!
Remarque hat dieses Buch in Kreisen geschrieben. Der äußerste Kreis ist unter anderem Hollmann gewidmet, dem kranken Kollegen von Clerfayt: man lernt ihn zu Beginn des Buches kennen, erfährt von seinem Schicksal, der Kreis schließt sich am Ende, welches natürlich nicht verraten wird. Ähnliche Kreise finden sich auch mitten im Buch, einerseits symbolisiert durch die Rennen, an denen Clerfayt teilnimmt, andererseits durch Ereignisse in Lillians Leben. Eigentlich ist es also kunstvoll aufgebaut.
Warum ich dennoch n u r drei Punkte vergebe ist eine rein subjektive Geschmackssache. Längen und Wiederholungen, teilweise hölzern und dann wieder sentimental anmutende Dialoge, so völlig untypisch für Remarque, dessen Bücher und Erzählungen ich eigentlich sehr schätze. Anders als in
Die Nacht von Lissabon, wo trotz des Wissens um den Tod der Protagonistin eine Spannung vorhanden ist, bedingt durch die zeitgeschichtlichen Umstände, man will wissen wie die Flucht über alle Grenzen hinweg geglückt ist, dreht sich hier alles im Kreis. Zwar gibt es durchaus überaschende Wendungen und Szenen, die zu denken geben, aber es hat für mich persönlich eben nicht ausgereicht. Des Weiteren haben mich ein paar unlogische Szenen irritiert; z.B. auf S. 303 meiner Ausgabe, als Fiola sie auf ihren Venedig Aufenthalt anspricht, oder auf S. 189, wo Clerfayt feststellt, dass Lillian aufgrund des Wissens um ihr Sterben nichts fürchtet. Eigentlich ist er doch ahnungslos, kennt die schwerwiegende Diagnose nicht. Es sind einfach ein paar Ungereimtheiten, die mich gestört haben. Remarque hat übrigens im Jahre 1968 selber zugegeben, dass es wohl sein schwächstes Buch sei (vgl. S. 410
' Als wäre alles das letzte Mal').
Lassen Sie sich aber bitte von meiner Meinung nicht abschrecken. Möglicherweise urteilen Sie ja ganz anders als ich. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Spaß bei der Lektüre.
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Basis für diese Rezension ist die 1963-Ausgabe der Büchergilde Gutenberg.
Nachtrag: das Buch wurde übrigens mit Al Pacino in der Hauptrolle verfilmt. Warum man Clerfayt in
Bobby Deerfield umbenannt hat, weiß ich jedoch nicht. Vielleicht sollte ich das dazu passende
Buch noch zusätzlich lesen.