Kurzbeschreibung
Ein Auszug vom Anfang:
Mount Everest, 27. Mai 1999
Nie werde ich die Nacht vergessen, als wir zum Gipfel der Welt stiegen, jene fast vollmondhelle Nacht, in der die Sterne von den Schneefeldern in den Himmel blitzten. Vorsichtig beugte ich mich über die Wechte und drückte mein Daunenkleid in den gefrorenen Schnee. Dann tastete ich mich langsam nach vorne. Wundersam leuchtete ein weißes Licht vom Inneren des Berges. Die Schneefelder rauschten leise in die Tiefe, Millionen von Schneekristallen glitzerten ins Unendliche der schwarzen Nacht. Es war vollkommen still; die ganze Welt schien unter den dicken silbernen Wolken zu schlafen. Nie werde ich die Nacht vergessen, in der der Mond auf den Schneefeldern tanzte. Hier waren die Götter zu Hause, im Land des Schnees – im Himalaja.
1
Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn es sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten drin und schweigt.
Rainer Maria Rilke
New York, in einer schlaflosen Nacht
Erneut drehte ich mich in meinem Bett herum, zum hundertsten Mal in dieser Nacht. Mit aller Macht versuchte ich, meine Gedanken in stillere Bahnen zu lenken, um endlich in jene selige Leere zu gleiten, die sich kurz vor dem Einschlafen einstellt. Ich hatte schon alle Schafe dieser Welt gezählt, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Wieder beugte ich mich vornüber, um meine Bergstiefel zu schnüren, und begann über das Hochland zu wandern. Die Gebetsmühlen in dem alten Kloster drehten sich langsam und trugen die Gebete fort in die blauen Lüfte des Himmels. Dann brach der tosende Sturm in mir wieder los – und da stand er auch schon wieder: strahlend in der Morgensonne, ein weißer Wolkenschweif wehte von seinem Haupt in den Himmel.
Wenige Wochen zuvor hatte ich beschlossen, mit Stefan, einem alten Freund aus München, nach Lhasa zu fliegen und mich einer Trekkingtour zum Basislager des Mount Everest anzuschließen. Ich dachte, diese Tour, die unter der Leitung von Russell Brice stattfinden sollte, sei ein gutes Training, weil ich plante, im Sommer den 8049 Meter hohen Broad Peak im Karakorum (Pakistan) zu besteigen. Ein paar »kleinere« Achttausender wollte ich schon noch erklimmen, bevor ich mich an den höchsten Berg der Welt wagte. Warum also sollte ich nicht für drei Wochen nach Tibet fahren, um mir den Ausgangspunkt meiner zukünftigen Expedition schon einmal anzuschauen? Stefan war begeistert von dieser Idee. Wenige Stunden zuvor hatte ich Russell per E-Mail die Bestätigung unserer Teilnahme geschickt. Ich hatte Russell im Herbst des vergangenen Jahres während meiner Expedition zum Cho Oyu kennen gelernt. Russell leitete zwar eine andere Gruppe, aber wir waren Nachbarn im Basislager; ich war sehr beeindruckt von seiner Organisation und dachte, wenn ich jemals den Everest besteigen würde, dann mit ihm.
Die Gebetsmühlen drehten sich weiter und weiter, aber meine Gedanken waren schon wieder zum Everest gewandert. Meine Plastikstiefel, die dicke Daunenjacke, Steigeisen und Eisaxt – all dies brauchte ich diesmal nicht zu packen, denn das Basislager, unsere letzte Station auf der Trekkingroute, liegt auf 5200 Metern, also weit unterhalb der Gletscher. Ich hatte schon viele Bilder vom Basislager gesehen, wo die Chomolungma, wie die Tibeter den Mount Everest nennen, so erhaben in die Höhe ragt. Die ganze Nordwand kann man von dort aus sehen, und den weißen, von der Gipfelkrone wehenden Wolkenschweif, in dem die Götter der Berge zu wohnen scheinen. Und dort sollte ich dann umkehren und den wagemutigen Abenteurern nachwinken, wenn sie an einem frühen Morgen zum nächsten Camp aufbrachen? Nein, das war unmöglich....
Mount Everest, 27. Mai 1999
Nie werde ich die Nacht vergessen, als wir zum Gipfel der Welt stiegen, jene fast vollmondhelle Nacht, in der die Sterne von den Schneefeldern in den Himmel blitzten. Vorsichtig beugte ich mich über die Wechte und drückte mein Daunenkleid in den gefrorenen Schnee. Dann tastete ich mich langsam nach vorne. Wundersam leuchtete ein weißes Licht vom Inneren des Berges. Die Schneefelder rauschten leise in die Tiefe, Millionen von Schneekristallen glitzerten ins Unendliche der schwarzen Nacht. Es war vollkommen still; die ganze Welt schien unter den dicken silbernen Wolken zu schlafen. Nie werde ich die Nacht vergessen, in der der Mond auf den Schneefeldern tanzte. Hier waren die Götter zu Hause, im Land des Schnees – im Himalaja.
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Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn es sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten drin und schweigt.
Rainer Maria Rilke
New York, in einer schlaflosen Nacht
Erneut drehte ich mich in meinem Bett herum, zum hundertsten Mal in dieser Nacht. Mit aller Macht versuchte ich, meine Gedanken in stillere Bahnen zu lenken, um endlich in jene selige Leere zu gleiten, die sich kurz vor dem Einschlafen einstellt. Ich hatte schon alle Schafe dieser Welt gezählt, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Wieder beugte ich mich vornüber, um meine Bergstiefel zu schnüren, und begann über das Hochland zu wandern. Die Gebetsmühlen in dem alten Kloster drehten sich langsam und trugen die Gebete fort in die blauen Lüfte des Himmels. Dann brach der tosende Sturm in mir wieder los – und da stand er auch schon wieder: strahlend in der Morgensonne, ein weißer Wolkenschweif wehte von seinem Haupt in den Himmel.
Wenige Wochen zuvor hatte ich beschlossen, mit Stefan, einem alten Freund aus München, nach Lhasa zu fliegen und mich einer Trekkingtour zum Basislager des Mount Everest anzuschließen. Ich dachte, diese Tour, die unter der Leitung von Russell Brice stattfinden sollte, sei ein gutes Training, weil ich plante, im Sommer den 8049 Meter hohen Broad Peak im Karakorum (Pakistan) zu besteigen. Ein paar »kleinere« Achttausender wollte ich schon noch erklimmen, bevor ich mich an den höchsten Berg der Welt wagte. Warum also sollte ich nicht für drei Wochen nach Tibet fahren, um mir den Ausgangspunkt meiner zukünftigen Expedition schon einmal anzuschauen? Stefan war begeistert von dieser Idee. Wenige Stunden zuvor hatte ich Russell per E-Mail die Bestätigung unserer Teilnahme geschickt. Ich hatte Russell im Herbst des vergangenen Jahres während meiner Expedition zum Cho Oyu kennen gelernt. Russell leitete zwar eine andere Gruppe, aber wir waren Nachbarn im Basislager; ich war sehr beeindruckt von seiner Organisation und dachte, wenn ich jemals den Everest besteigen würde, dann mit ihm.
Die Gebetsmühlen drehten sich weiter und weiter, aber meine Gedanken waren schon wieder zum Everest gewandert. Meine Plastikstiefel, die dicke Daunenjacke, Steigeisen und Eisaxt – all dies brauchte ich diesmal nicht zu packen, denn das Basislager, unsere letzte Station auf der Trekkingroute, liegt auf 5200 Metern, also weit unterhalb der Gletscher. Ich hatte schon viele Bilder vom Basislager gesehen, wo die Chomolungma, wie die Tibeter den Mount Everest nennen, so erhaben in die Höhe ragt. Die ganze Nordwand kann man von dort aus sehen, und den weißen, von der Gipfelkrone wehenden Wolkenschweif, in dem die Götter der Berge zu wohnen scheinen. Und dort sollte ich dann umkehren und den wagemutigen Abenteurern nachwinken, wenn sie an einem frühen Morgen zum nächsten Camp aufbrachen? Nein, das war unmöglich....
Über den Autor
Helga Hengge wurde in Chicago geboren und ist in der Nähe von München aufgewachsen, wo Sie ihre berufliche Karriere als Moderedakteurin begann. 1991 zog sie nach New York, arbeitete als freie Modejournalistin und studierte Marketing, Philosophie und Film an der New York University. 1996 entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge und erklomm in kurzer Folge viele Gipfel in den Anden und im Himalaja auf ihrem Weg zur Extrembergsteigerin. Heute lebt Helga Hengge mit ihrer Familie in München und arbeitet als Referentin. Dass Bergsteiger und Führungskräfte mehr als der Drang nach oben verbindet zeigt sie in ihren Vorträgen und Keynotes begleitet von spektakulären Bildern zieht sie erstaunliche Parallelen.
