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In diesem neuen Buch „Himmel und Hölle" ist in den neun Geschichten viel von Wunden, Krankheit, Tod und Verrat die Rede. Nur zwei der Geschichten enden glücklich. Die Erzählerin betrachtet die menschlichen Unzulänglichkeiten mit kritischem Auge. Die Geschichten handeln von dem Akademiker, dem Biologielehrer, von Kleinstädtern. Eigentlich haben die Geschichten kein gemeinsames Dach, kein gemeinsames Thema, aber sie sind durch die Art, wie sie erzählt werden mit einander verbunden. Alice Munro beobachtet dabei sehr gekonnt in die ehelichen „Gefühlshaushalte".
Besonders gefallen die Geschichten „Ihre Zähne", „Trost", „Himmel und Hölle", „Pfosten und Bohlen". In der Geschichte „Was in Erinnerung bleibt" schildert die Protagonistin das Gespräch zwischen einem seit Jahrzehnten verheirateten Ehepaare, über das Thema Sex. Nach Ansicht des Mannes verlieren die Frauen beim Sex ihre Autonomie. Und deshalb weist die kluge Frau, wenn sie intelligent genug ist, in ihrer Kälte alle Männer ab. Ihre Intelligenz ist ihre Kälte. Als das der Mann sagt, fällt der Frau ihr Seitensprung ein. Das bleibt so stehen. Dann sterben sowohl ihr Mann als auch ihr Liebhaber. Bei der Todesanzeige ihres Geliebten fällt ihr dann plötzlich ein, dass was sie die ganze Zeit in ihrem Leben für was gehalten hat, das ihre Autonomie bekräftigt, was ihr eigentlich Selbstbewusstsein gab, das ist ein „Gedächtnisirrtum". Sie hat die letzten Worte dieses „Liebhaber Routiniers" vergessen. Warum hat sie die ganzen Details der Erinnerung ein Leben lang anders erzählt? War ihre ganze Erinnerung vielleicht nur die „Kunst" der Selbstbelügung? So hat sie diese Erinnerungsdroge, als das wichtigste Stärkungsmittel in ihrem Leben immer bei sich gehabt.
Diese Geschichten sind schon sehr raffiniert ausgerollt. Es gibt überhaupt keine psychologischen Kommentare von Alice Munro zur Person. Die Personen werden quasi nur durch Handlungen und Entscheidungen charakterisiert. Es wird nicht erklärt, es wird einfach konstatiert.
Sie erzählt einfach in ein Leben hinein, man weiß zunächst gar nicht wo die Reise hingeht. Sie hält die bedeutenden Dinge bewusst klein. Und wenn man nach der Lektüre von einigen Seiten denkt, das war die Geschichte, dann plötzlich kommt eine Wendung und diese Wendung erfolgt dann auch noch aus der Logik heraus.
Und irgendwie, obwohl es immer wieder niederschlagende, tragische, melancholische Erzählungen verheirateter Menschen sind, die ihre Geheimnisse doch in irgendeiner Form bewahren, am Ende erscheint alles wie ein Loblied auf die Ehe.
Alice Munro ist eine Dialogschreiberin, denn viele ihrer Texte bestehen aus wörtlicher Rede. Und sie macht es großartig geschickt, dass die Grenze zwischen dem, was sie sagt und dem, was die Personen ihrer Geschichten sagen, gleitend ist.
In ihren Geschichten zeigt sie, im psychologischen, ohne zu erklären, die Psychologie. Ihre Geschichten sind raffiniert konstruiert. Diese Erzählerin kann derartig rasant erzählen, das geschieht mit einer Meisterschaft die hinreißend und zugleich zu tiefst irritierend ist.
Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.
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