Dem Leser zu versprechen, er kenne nach fast tausend Seiten die wahre Hillary, ist natürlich dummes PR-Geschwätz. Auch wenn Carl Bernstein mit Bob Woodward zusammen für die Aufdeckung der Watergate-Affäre den Pulitzerpreis erhielt, ist er noch längst kein Überirdischer, der in die geheimsten Winkel einer Seele schauen kann. Aber er weiß selbstverständlich, wie man Aufmerksamkeit erweckt. Und daher kommt ihm das Zauberwort "Wahrheit" leichter über die Lippen als anderen. Auch eine weniger voluminöse Biografie wäre fehl am Platz. Denn wie gewichtig eine Person ist, signalisiert auch das Gewicht ihrer Biografie. Helmut Kohl scheint das bei seinen Erinnerungen mit über 2'500 Seiten allerdings allzu wörtlich genommen zu haben.
Eine Biografie nach ihrem Wahrheitsgehalt zu bewerten, finde ich keine taugliche Methode. Selbst wenn ich die beschriebene Person ein Leben lang begleitet hätte. Für mich zählt vielmehr der persönliche Gewinn, den ich aus der Lektüre ziehe. Und der ist wiederum abhängig von der Optik. Mich interessiert, welche Stationen, Erlebnisse und Geschichten Carl Bernstein auswählt, wie er sie miteinander verbindet, wie er sie deutet und wo sie sich mit Hillarys eigenen Fassungen decken oder unterscheiden. Mich interessiert, welche Geschichten sich Menschen erzählen, damit ihr Selbstbild nicht brüchig wird. Mich interessiert, was dem Zufall oder den eigenen Leistungen zugeschrieben wird. Unter diesen Blickwinkeln musste der Text für mich Sinn ergeben. Und selbstverständlich stand da auch immer die Frage im Raum, ob ich nach der Lektüre Hillary Clinton zur Präsidentin wählen würde. Die vorläufige Antwort: Ja. Denn ich möchte es gerne erleben, wie eine Frau mit den Persönlichkeitseigenschaften von Hillary Clinton den unmöglichsten Job der Welt erledigen würde.
Am spannendsten finde ich bei Biografien immer die ersten zwanzig Lebensjahre. Denn seit ich mich intensiv mit Neurologie beschäftige, glaube ich an die These, dass sich im Erwachsenenalter die Persönlichkeitseigenschaften nur noch in Ausnahmefällen ändern. So erlebte ich auch bei diesem Buch, wie sehr Fremdbeschreibungen und eigene Erinnerungen auseinanderdriften. Während Max Frisch noch vorsichtig meinte: "Es gibt Menschen, die erfinden eine Geschichte, die sie dann für ihr Leben halten", gehen wir heute besser davon aus, das treffe auf alle Menschen zu, also auch auf Frau Clinton.
Mir gefiel, wie Carl Bernstein die schwierige Aufgabe löste, zu diesem heiklen Zeitpunkt eine Biografie über Hillary Clinton zu schreiben. Ohne ein langweiliges Heiligenbuch zu verfassen, zeichnet er eine Figur, die trotz und wegen ihrer Widersprüchlichkeit Sympathie weckt. Ich erfuhr viel über ihre persönlichen Kämpfe, über menschliche Ränkespiele, über die Mechanismen der Macht und über bleibende Prägungen unauslöschbarer Erlebnisse. Mehr hatte ich gar nicht erwartet. Schon gar nicht die Wahrheit.
Mein Fazit: Weder Heiligsprechung, noch Verdammung. Der renommierte Journalist maß sich nicht die Rolle eines nach Wahrheit suchenden Historikers an, sondern setzt aus unzähligen Puzzlesteinen ein Bild zusammen, das für ihn so sein könnte und trotzdem andere Versionen erlaubt.