2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Der automobile Körper (Spoiler), 27. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Highwaymen (DVD)
© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
Mark Ishams suggestive minimal music. Ein jäher Wechsel von extremen Nahaufnahmen und extremen Totalen im Breitwandformat, letzteres oft von Highways. Zu Beginn eine Bilder- und Geräuscheflut, in der das nervöse Schreiben und Malen mit einem spitzen Bleistift wie ein Seziermesser in Auge und Ohr des Zuschauers schneidet. Extreme Großaufnahmen des Stiftes / eines auffällig roten Teils, das sich als Teil eines Anspitzers erweist / eines Formulars, das wohl ein Unfallschadensformular ist. Dazu Fetzen von Unfallfolgen, demolierte Autos, blutige Körper. Nach den Credits dann ein bißchen mehr Ruhe in der Bildgestaltung, aber nicht im Inhalt. Die Totale eines Feldes, doch schon bei Hitchcock und in uralter Mythologie verhießen Vögel den Einbruch des Chaos in eine Ordnung. Kurz aufgescheuchte Vögel wird es im Film immer wieder geben. Zurück zum Anfang, es wird eine Frau überfahren, statt Blut zeigen ein rotes Kleid und die am Boden kullernden roten Äpfel, die die Frau gerade gekauft hatte, was passiert ist. Der Ehemann der Frau konnte das Unglück (oder war es Mord?) nicht verhindern. Fünf Jahre später ist dieser Mann (erst können wir zweifeln, ob es derselbe ist) kaum wiederzuerkennen. Er verbirgt sich in einem aufgemotzten Auto hinter einer Sonnenbrille, und die Kamera verweigert die deutlichen Aufnahmen seines Gesichts, die sie uns noch in der Szene davor gönnte. Stattdessen ist sie so dicht dran, dass dadurch eher etwas verborgen statt gezeigt wird: Wir erkennen nur einen Ausschnitt eines sonnenbebrillten Mannsgesichts, wir erkennen, dass er in der vorigen Szene besser rasiert war, die Kamera zeigt nur so viel von ihm, wie er selbst preisgeben will - und das ist nicht viel. Es wird noch viel rätselhafter. Der Mann geht auf eine Farm, auf der kurz vorher offenbar jemand gewesen ist. Er findet eine kleine Lache Öls oder Blutes, und dann guckt eine Hand aus dem Heuhaufen. Doch sie gehört zu einem künstlichen Arm, den der seltsame Mann mitnimmt und zu einem ganzen Arsenal künstlicher Gelenke in seinen Kofferraum wirft. Und dann kommt auch noch eine stilistische Irreführung! Wenn in typischer Mark-Isham-Minimalistik meditative Gesangsstimmen ertönen, sind wir auf einmal recht erstaunt, dass diese Musik zur Diegese gehört. Zunächst scheint sie (wie im Rest des Filmes) nicht Teil der Handlung zu sein, doch sie war nur ein akustischer flash forward und wird von einem Chor in einer Kirche gesungen. In diesem Chor singe eine junge Frau namens Molly (Rhona Mitra), wir werden sie bald kennenlernen und auch die ersten gesprochenen Worte des Filmes hören. Doch bis jetzt ist dies nur eine ziemlich lange, verstörende, rätselhafte, dialoglose Sequenz gewesen, die in ihrer Radikalität sehr für das Kommende einnimmt.
So irre der Film anfängt, er kann leider dieses Niveau nicht durchgängig halten, auch wenn er unterm Strich solide ist und seine vier Sterne bekommen soll. Relativ schnell stellt sich heraus, worum es geht: Ein Mann namens Ray Boone (Gordon Currie) rast in einem 72er Cadillac durch die USA und überfährt immer mal wieder an verschiedenen Orten gezielt Frauen, was aber von der Polizei als Unfälle mit Fahrerflucht aufgefasst wird. Bloß einer weiß Bescheid: James (Jim Caviezel), der mysteriöse Fremde aus den Anfangsszenen, der seine Frau Olivia verloren hat. Der Plural "Highwaymen" ist treffend gewählt: Verfolger James hat sich seinem Ziel erschreckend anverwandelt (und ein für Verkehrsunfälle zuständiger Polizist ist ebenfalls mit dem Highway verwachsen und wird sich am Ende gewaltbereit zeigen, doch dazu später). Nachdem er Ray schon vor fünf Jahren jagte, hatte Ray dafür gesorgt, gerammt zu werden, was James drei Jahre Gefängnis und Ray einen kaputten Körper bescherte. Nun sind nicht nur zahlreiche Prothesen, sondern auch der Cadillac Rays neuer Körper geworden, mit dem er verwachsen ist, äußerst flink und gefährlich umgehen kann, aber ohne den er ein hilfloser Krüppel ist. James geht es, obschon physisch gesund, nicht viel anders. Von einem Job oder einer Wohnung erfahren wir nichts. Er lebt seit zwei Jahren auf dem Highway und in seinem Auto. Der Polizist Will Macklin (Frankie Faison), ein "Traffic Investigator", der noch nie die Waffe benutzt und noch nie jemanden verhaftet hat, ist daher misstrauisch gegenüber James. Die letzten zwei Jahre könnten James verändert haben, und Will fürchtet, dass James einen Mord begehen will.
Abgesehen davon, dass Regisseur Robert Harmon solide Spannung und (teils recht blutige) Action abliefert, stellt er die Degenerierung der beiden Highwaymen parallelisierend heraus. Wills Befürchtungen werden durch Kamera (siehe beispielsweise obige Beschreibung der Anfangsszene), Dialog und James' Handlungsweise permanent bestätigt. Der Killer hat es auf die eingangs erwähnte Molly abgesehen, die bei Rays Mord an ihrer Freundin entkommen konnte. James findet sie zwar vor Ray und rettet ihr das Leben - aber eigentlich verhält er sich danach reichlich egoistisch und bringt dadurch Molly in Lebensgefahr. Ja, auch die Lebensrettung war nur Mittel zum Zweck! Seinem Ziel, Ray zu kriegen, ordnet James alles unter. Er lässt Molly nicht ihres Weges gehen, hindert sie ein Mal sogar gewaltsam am Weggehen, und dann macht er etwas, das Molly zu Recht als "Konfrontationstherapie" bezeichnet: Er gurtet sie in seinem Wagen an, ergreift ihre Hand, und beide zusammen ergreifen den Steuerknüppel des Automatikgetriebes (oder der Gangschaltung), um hinauszufahren aus James' provisorischem Schrottplatz-Quartier - zu Ray. James hat zu Molly gesagt, dass man seinen Körper unter Kontrolle haben müsse, denn wenn er etwas anderes mache als der Geist, dann könne man unter anderem nicht "steuern". Spätestens hier ist klar, dass nicht nur für Ray, sondern auch für James das Auto der Körper ist. Es möge bitte schön nicht "automobil", sondern vom Menschen gesteuert sein. Nur über dieses Körper-Teil und über sein Ziel der Rache definiert James sich noch, dies gedenkt er unter keinen Umständen aus der Hand zu geben - und wenn dazu auch die Hand Mollys notwendig ist, als Köder für die Bestie, dann muss es eben sein. "Ich will Molly, Du willst mich, benutze sie", sagt Ray zu James über CB-Funk. Und James springt. Weitere Parallelen: Aufgemotzt sind beider Autos. Beider Gesichter sind bewusst von und in den Autos im Dunkeln gehalten, wenn auch bei Ray extremer. Pointiert zeigt die Kamera ein Mal einen aufblitzenden Scheinwerfer bei James' Auto, so wie zuvor mehrmals bei Rays Wagen (übrigens hat dieser nur ein Scheinwerferlicht, wie Ray nur noch ein Auge hat, deutlicher geht ein Hinweis auf die Körper-Bedeutung des Autos nicht mehr).
Robert Harmons Film ist also angenehm böse und verweigert dem Zuschauer die Identifikation mit James. Ein zweiter "The Hitcher", Harmons großer Erfolg von 1986, ist "Highwaymen" jedoch nicht geworden, dazu vermischt er das genannte Positive mit zu vielen etwas abgestandenen Genrezutaten. The Hitcher lebte gerade von jeglichem Fehlen einer Erklärung für die Taten des Bösen, der dadurch (sowie durch schon übermenschliche Raffinesse und Stärke) etwas Irreales, Allegorisches bekam. In "The Hitcher" spielte Rutger Hauer die böse Nemesis von C. Thomas Howell, der das tat, "wovor ihn seine Mutter immer gewarnt hatte" (einen Anhalter mitnehmen), und der zum (gewaltbereiten) Mann werden musste, um sich seiner dunklen Seite zu stellen. In "Highwaymen" werden der (nicht ganz so) Gute und der Böse zwar auch parallelisiert, aber der Böse bekommt eine Backstory verpasst. Diese ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Sie verweigert sich einer detaillierten Psychologisierung, bietet aber dennoch eine reale, irdische statt allegorische Erklärung, die dadurch wie aus dem Hut gezaubert wirkt (immerhin erklärt sie aber die Titelsequenz). Ray wird damit ein Stück weit banalisiert. James hat ihn sich nicht selbst ins Boot geholt, sondern er kam durch Zufall über ihn, da er James' Frau Olivia zufällig als Opfer auserkoren hatte. Dies führt zwar immer noch dazu, dass James auf filmisch sehr interessante Weise zu Ray wird. Aber die Draufgabe, dass auf einmal auch der bislang niemals Gewalt ausübende Polizist Will zur Waffe greift, hätte Harmon sich sparen können. Was in "The Hitcher" konsequent als Entwicklung einer Hauptfigur gezeigt wurde, bekommt in der Doppelung beim Polizisten in "Highwaymen" etwas Plattes, Aufgesetztes, Gewaltverherrlichendes, wie man das schon in vielen schalen Selbstjustizfilmchen gesehen hat.
Fraglich ist ferner, ob es am Ende nötig war, dass Ray Molly wie Olivia ausstaffiert, bevor er sie töten möchte. Da zeigt Harmon zwar, dass er "Vertigo" halbwegs verstanden hat, aber die Gleichsetzung Molly/Olivia inklusive Kettchen und rotem Kleid hat nicht annähernd die Komplexität von Scotties Motivation aus "Vertigo". Scottie möchte eine Tote wiederauferstehen und leben lassen, um Schuldgefühle bei sich auszulöschen. Ray möchte sein Opfer aber nicht leben, sondern sterben lassen - dazu ist die Wiederauferstehung eigentlich absurd. Sie ist nur ein Verkleidungstrick, um James ganz besonders böse zu ärgern. Parallel zur Doppelung Molly/Olivia gibt es die Doppelung des Crashs Ray/James, wie er vor fünf Jahren stattgefunden hatte. Aber anders als bei Hitchcock geht es nicht um die Unentrinnbarkeit des Schicksals, sondern darum, dass James seine Lektion gelernt hat. Ganz...
Lesen Sie weiter... ›
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein