Schöne Platte, anders kann man das kaum sagen. Geschmackvoll, sicherlich, mit eleganten Hits für die sommerliche Wohnungsbeschallung. Ich neige dazu, Martin Lorenz Einwand der ein klein wenig fehlenden Entfesselung zuzustimmen. Eine etwas mehr krachende Nummer wie Abel oder Lit up (Alligator) hätten dem Werk meiner Meinung nach gut getan. Diesmal kommts nur in Spuren, am Ende von England zum Beispiel, aber beginnen tut die Nummer ja auch in einem Klavierakkord. Oder in Bloodbuzz Ohio, die sämtliche Indie-Diskos im hiesigen Umfeld zum Schwelgen bringt.
Letztlich ist es nur eben so, dass der Vergleich mit zurückliegenden Alben aus Sicht einer emotionalen Empfindung immer etwas hinkt. Die erste Liebe (bei mir: Alligator) hat immer einen besonderen Stellenwert. Eine gereifte Liebe hat aber eben auch ihre eigenen Vorzüge, und missen möchte man beide Erfahrungen nicht. Deshalb: Tolle Sache, keine Sekunde enttäuscht (das passiert auch so leicht, wenn die Erwartungshaltungen so hoch sind!), schon jetzt ein Album für Jahresbestenlisten. Ob man da jetzt fünf Sterne vergibt oder vier ist reine Geschmacksfrage. Nur drei Sterne sind einigermaßen objektiv zu wenig.
Ein Wort zur Vinyl-Ausgabe von High Violet (Amazon schmeißt hier leider alle Rezis einfach zusammen): Die kommt standardmässig im 180 Gramm Heavyweight Vinyl, als Doppel-Album. Das heißt, auf jeder Seite sind drei Nummern, nur die letzte Seite reicht nur für England und Vanderlyle... Klanglich hat das merkbare Vorzüge, aber mögen muss man Wenden der Scheibe alle zehn Minuten auch. Zusätzlich gibts eine Limited Edition die in Europa in blickdichtem Flieder (Violet, wie stimmig.) daherkommt - bin selbst glücklicher Besitzer eines solchen Exemplares - bei den Amis drüben übern Teich ist sie durchscheinend dunkelviolett. Den Sammlern wird hier ein schönes Tor geöffnet.
Wermutstropfen: Die Platte (CD weiß ich nicht) kommt ohne Texte der Songs aus. Das ist extrem schade. Immerhin zeigt sich die Qualität von The National von je her auch an den so bodenständig-ehrlichen, ungekünstelten Zustandsbeschreibungen der arbeitenden Mittelschicht mit all ihren Sorgen und Ängsten, wie sie so in kaum einer aktuellen kontemporären Rockmusik in der Qualität behandelt wird.