motor.de
The National setzen ihre Messlatte weiter herauf und erfüllen alle Erwartungen. „Laut, düster und grimmig“ - diese Adjektive fand Gitarrist Aaron Dessner bereits Mitte Februar. Und tatsächlich ist dieses Werk im Unterton sehr melancholisch geworden, mit Hang zur Zerbrechlichkeit hat es trotzdem vielerorts erhabenen Charakter. The National liefern mit „High Violet“ eine überaus gelungene Platte und elf Songs, die sowohl in Komposition und Arrangement als auch in Sachen Instrumentierung den Eindruck der Perfektion erwecken. Hier ist jeder Takt genau am richtigen Platz, kein Ton zu viel oder zu wenig und es wird nichts dem Zufall überlassen. The National ziehen ihre Register bewusst und überlegt, erschlagen den Hörer nicht mit voller Breitseite, sondern überzeugen mit Qualitäten, die sie einer nach der anderen in den Vordergrund rücken. Ihre Nuancen setzen sie gezielt, arbeiten Spitzen feinfühlig heraus und verstehen es hervorragend, sich gestaffelt über einen Song und auch im Verlauf des ganzen Albums zu steigern. Mit großartigem Zusammenspiel stellen sie faszinierend unter Beweis, dass sie als Band und Einheit fungieren und kein Einzelner im Rampenlicht steht. „High Violet“ glänzt mit Ideenreichtum, fesselnder Atmosphäre und als Gesamtkunstwerk. „Terrible Love“ stellt bereits ganz zu Beginn unter Beweis, dass The National in ihrem neuen Langspieler viel Energie investierten und einen besonderem Fokus auf Spannung legen. Wie auch das gesamte Album steigert sich der Song von Anfang bis Ende. Matt Berningers gesetzter Bariton bringt stellenweise gar eine meditative Wirkung mit sich. Die gesamte Platte steckt voller Höhepunkte und Facettenreichtum. „Afraid Of Everyone“ ist eine liebevoll instrumentierte Ballade, die sich choral unterlegt im Ende beinahe zu einer Hymne entwickelt. „Your voice is swallowing my soul, soul, soul“ - der Endteil bringt eine wohlige Gänsehaut mit sich, die sich beim dem gefühlvoll monotonen Gesang von „Bloodbuzz Ohio“ fortsetzt. Berningers Stimme trägt den Hörer tiefberuhigend durch die 48 Miuten von „High Violet“, so auch ganz besonders in „Lemonworld“ - einem von vielen Höhepunkten. Schon fast als großes Finale könnte man „England“ bezeichnen. Als vorletzter Song verblüfft er mit seiner Vielseitigkeit. Beginnend mit ruhigen Reverb-bestückten Gitarren gesellen sich schon bald Streicher hinzu, die den Song hintergründig bis ins Finale tragen. Posaunen und eine scheppernde Trompete akzentuieren ausgewähte Passagen und steuern eine hier sehr passige Portion Pathos bei. Wer aus sich aus diesen Elementen jedoch ein kitschiges Bild erahnt, liegt falsch - es bleibt aus. Das liegt an den großen Kompositionen und einer Band, die die Fähigkeiten ihrer einzelnen Musiker nicht besser einsetzen könnte. Sicher ist dies ein Beispiel dafür, dass große Erwartungen durchaus manchmal erfüllt werden können. Damit gerechnet hätte man trotzdem nicht zwingend. Wenn diese Platte manchen vielleicht auch ein bisschen seicht erscheinen mag, ist sie in Gänze jedoch mit allen Höhen und Tiefen versehen, wie man in eine gute dreiviertel Stunde kaum mehr einbauen kann. Großer Sound, große Songs, große Band. The National und „High Violet“ sind tatsächlich Kanditaten für die Platte des Jahres.
Kurzbeschreibung
Bei aller Unaufgeregtheit, die die ursprünglich aus Ohio stammende Band stets umgibt, hat sie es seit ihrem ersten Album aus 2001 doch geschafft, einen stets kaum greifbaren aber gewaltigen Hype zu verursachen. In der allgegenwärtigen Vorfreude auf ihr fünftes Album „High Violet“ zeichnet sich das Ausmaß dieser Entwicklung ab: Ihre erste bestätigte Club-Show in diesem Jahr in Berlin war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und in den einschlägigen Musikforen werden seit Wochen Tracklist, Cover-Artwork, vorangegangene TV-Auftritte und die voraussichtliche Platzierung des Albums in den Jahres-Polls 2010 diskutiert. Über die Qualitäten des Albums lässt sich wenig spekulieren: The National übertreffen sich einmal mehr selbst. Auf diese simple wie einschlägige Floskel lässt sich bringen, was jeder in den elf neuen Stücken nachhören und -vollziehen können wird. Der überschwängliche Gestus, der weite Strecken ihres letzten Albums „Boxer“ (2007) bestimmt, fließt harmonischer denn je in die weit ausgelegten Kompositionen ein. Beinahe majestätisch führt das unterschwellig brodelnde „Terrible Love“ in das aktuelle Werk der Band ein und setzt damit zugleich den ästhetischen Fixpunkt von „High Violet“: Die Platte lebt von der Verflechtung intelligent inszenierter Rhythmen mit den übrigen Arrangements, die neben dem typischen, sehr unmittelbaren Gitarrensound der Band auch Streicher, Blasinstrumente und das für den Band-Sound maßgebliche Piano umfassen. Statt dabei stur auf Strophe-Refrain-Schemen zurückzugreifen, gelingt es The National, mit geschickt ineinander übergreifenden Patterns und schlichten, in weite Flächen gewobenen Melodiebögen jene überwältigende Spannung zu erzeugen, die das gesamte Oeuvre der Band durchzieht. Die Wirkung dieser starken Kompositionen fällt dabei meist episch („England“), hymnisch („Bloodbuzz Ohio“) oder bedächtig aus, wie in „I’m Afraid Of Everyone“. Letztlich ist es aber selbstverständlich auch einmal mehr Matt Berningers unverkennbarer, tiefer Bariton, der „High Violet“ zu einem typisch grossartigen National-Werk macht.
kulturnews.de
National-Sänger Matt Berninger wollte endlich mal ein fröhliches Album machen und pflasterte seine Umgebung mit Notizzettelchen, auf die er lebensbejahende Botschaften schrieb. Hat nicht funktioniert, denn die fünfte Platte der aus Ohio stammenden Exil-New-Yorkers startet gleich mit "Terrible Love", und im folgenden "Sorrow" singt Berninger: "I live in a city sorrow built, it's in my honey, it's in my milk." Weil die poetische Schwarzseherei bei ihm längst auf Autopilot läuft, frohlockt Berninger lieber melodisch. Zwar ist "High Violet" das musikalisch komplexeste National-Album, bei dem sie ohne Zeitdruck im eigenen Studio Schicht um Schicht perfektionieren konnten, doch gleichzeitig klang das Quartett nie zuvor so eingängig und hymnenhaft. So bekommen The National jetzt wohl endlich die verdiente Anerkennung, und selbst Auskenner, die sie bereits für "Alligator" und den meditativen Vorgänger "Boxer" als beste Baritonband der Welt gefeiert haben, werden sich an Hits wie "Bloodbuzz Ohio" und "Conversation 16" nicht satt hören können. (cs)