Hilary Hahn ist für mich persönlich eine der sympathischsten Erscheinungen des Klassik-Betriebs. Ich hatte auch das Glück, ihren Auftritt bei den Londoner Proms im Jahr 2010 miterleben zu dürfen, wenngleich ich da manche Kritik verstehen kann, die die exzellente Orchesterleistung als das eigentliche Ereignis des Abends heraushob. Aber Hilary Hahn hat mit Beethoven durchaus zu überzeugen gewusst.
Höre ich CDs von ihr erwarte ich letztlich immer Sternstunden und bin schlussendlich dann meistens fast ein wenig enttäuscht. Das liegt natürlich auch an Faktoren, für die Frau Hahn nichts kann (meine Erwartungshaltung) und für die sie nicht allein verantwortlich ist (meines Erachtens war sie oft mit insgesamt durchschnittlichen Orchestern im Studio oder wie z.B. beim Brahms-Konzert mit einem Orchester, das seine Stärke nicht bei diesem Komponisten hat).
Es liegt aber auch an der Solistin selbst. Technische Mängel brauchen wir nicht zu diskutieren. Sie hat keine! Über gestalterische Aspekte könnte man schon mehr diskutieren. Dass ihr manchmal die Ausdruckskraft abgesprochen wird halte ich zwar für mindestens übertrieben, aber auch nicht so ganz weit hergeholt. Lyrische Passagen wirklich ruhig und gleichmäßig zu gestalten fällt ihr aus meiner Sicht nicht ganz leicht. Vor allem ihr Vibrato ist mir da manchmal eine Spur zu stark ausgeprägt und sie setzt es auch auf eine Art ein, die für mich manchmal etwas ruckartig klingt.
Ein weiteres Problem ist, dass sie es bisher noch nicht geschafft hat mich wirklich von ihrer Flexibilität zu überzeugen. Bach-Stücke klingen bei ihr ähnlich wie das Brahms-Konzert oder das Mendelssohn-Konzert. Ihr das allzu sehr anzukreiden wäre aus meiner Sicht etwas überkritisch. Wer kann schon beides? Julia Fischer und Viktoria Mullova vielleicht (auch nicht ohne Abstriche) und schließlich gibt es zahlreiche große Meisterinnen und Meister, über die man die gleiche Kritik äußern könnte wie bei Hilary Hahn, allen voran Anne-Sophie Mutter.
All dies hat schlussendlich dazu geführt, dass mich mit Ausnahme ihrer
Paganini-Aufnahme bisher keine CD von ihr so richtig rundum überzeugt hat. Wie sieht es nun mit Tschaikowsky aus? Der Vorrezensent Dr. Volkmer hat meines Erachtens viel richtiges geschrieben, auch wenn mich sein Grundansatz erst einmal einfach die Track-Zeiten des ersten Satzes zu vergleichen beim ersten Lesen eher verstört hat. Geigenspiel ist ja kein Wettrennen, nicht wahr Herr Garrett?! Dennoch stimme ich dem Vorrezensenten zu. Ein wesentliches Problem, dass diese Tschaikowsky-Aufnahme zu einer soliden, aber eben nur durchschnittlichen macht ist das Tempo. Die virtuosen Passagen klingen ein wenig zu kontrolliert, in den lyrischen Passagen führt das langsame Tempo dazu, dass einige Phrasen ein wenig zerbröseln, abgehackter und eckiger klingen als bei anderen Solisten und nicht genügend fließen.
Im Finale habe ich, anders als der genannte Vorrezensent, das gleiche Problem. Furios? Das Orchester eröffnet diesen Satz wirklich mit hohem Tempo, aber sobald die Solistin das Zepter wieder in die Hand nimmt wird gebremst. Hilary Hahn achtet dann sehr auf präzise Phrasierung, an Stellen, an denen das aus meiner Sicht nicht wirklich das wichtigste ist.
Man soll es nicht übertreiben. Hilary Hahn hat eine schöne Tschaikowsky-Aufnahme eingespielt. Ich finde es übertrieben davon zu sprechen, sie sei uninspiriert und lasse das Zusammenspiel wirklich vermissen. Für mich ist alles ordentlich, aber der Funke springt nicht so hunderprozentig über. Das liegt meines Erachtens dieses Mal nicht am solide agierenden Orchester. Es liegt an den Tempi, auf die sich Solistin und Dirigent geeinigt haben und es liegt meines Erachtens auch daran, dass Hilary Hahn etwas das Gefühl für Tschaikowsky fehlt. Julia Fischer mit dem Russischen Nationalorchester unter Yakov Kreizberg überzeugt mich schlussendlich einfach deutlich mehr.
Was das Konzert von Jennifer Higdon betrifft, so finde ich es, wie schon bei Hahns Sibelius-Album, sehr respektabel, dass das Marketing-Konzept für Hilary Hahn nicht nur darauf basiert, dass alle Klassiker der Violinliteratur eingespeilt werden und die CDs mit Show-Stücken aufgefüllt werden. Schönberg und Sibelius haben auch noch einigermaßen zusammengepasst. Aber Jennifer Higdon mit Tschaikowsky zu kombinieren? Finde ich fragwürdig. Über das Higdon-Konzert zu urteilen möchte ich eigentlich Musikfreunden überlassen, die insgesamt mehr mit neuer Musik anfangen können. Wenn wir Neoklassiker wie Carl Orff mal außen vor lassen bin ich bei meinem Herantasten an die "klassische Musik" des 20. Jahrhunderts im wesentlichen noch dabei, mich an Schostakowitsch, Stravinsky und dem späten Mahler abzuarbeiten. Es mag von daher sein, dass mich das Konzert von Jennifer Higdon noch etwas überfordert. Stand heute gefällt es mir einfach nicht. Unzusammenhängend, sowohl zwischen als auch innerhalb der Sätze, von der Grundstimmung her düster, nicht mein Fall. Die Solisten- und Orchesterleistung kann ich daher kaum beurteilen.
Fazit: kein schlechtes Album, aber auch kein überragend gutes. Braver, solider, technisch sauberer Tschaikowsky, dem das letzte Feuer fehlt und ein neues Violinkonzert, zu dem ich noch keinen Zugang finde, bei dem ehrlich sagen muss, es gefällt mir derzeit (noch) nicht und an dem ich kritisieren möchte, dass ich keine Verbindung zu Tschaikowsky finde.
Nur für Hahn-Fans ein Muss! Wer nach einer guten Tschaikowsky-Aufnahme sucht wird woanders fündig werden, vielleicht bei den Altmeistern, vielleicht aber auch bei meiner derzeitigen Favoritin
Julia Fischer